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Horrende Inflation in der Türkei Kurskollaps der türkischen Lira noch nicht beendet

Ein Mann tauscht in einer Wechselstube türkische Lira gegen US-Dollar und Euro. Die Abwertungsspirale, in der sich die eigene Währung befindet, treibe immer mehr Türken in den US-Dollar, sagt ein Analyst. Quelle: dpa

Der Türkei droht laut Experten ein Wirtschaftskollaps. Die Lira wertet seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent ab. Ein Ende dieses Absturzes ist nicht in Sicht, doch manche türkische Aktien profitieren sogar davon.

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Die aktuelle Währungskrise der türkischen Lira ist Experten zufolge noch nicht überwunden. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan stehe mit seiner starren Haltung in Zinsfragen einer Lösung im Wege. Insidern zufolge sind bislang sämtliche Versuche, ihn umzustimmen, gescheitert.

„Einige Leute wollten ihn davon überzeugen, seine Politik zu ändern - ohne Erfolg“, sagt ein hochrangiger Vertreter der Regierungspartei AKP. Der Präsident beharre dagegen darauf, die Leitzinsen trotz steigender Inflation und fallender Wechselkurse niedrig zu halten. „In der Regierung herrscht die Einschätzung, dass sich bei einer Fortsetzung dieser Strategie für einige weitere Monate der Trend umkehre“, erläutert eine weitere mit der Angelegenheit vertraute Person. Widersprechende Meinungen würden ignoriert. Das Präsidialamt wollte sich zu diesem Thema nicht äußern.

Wirtschaftsexperten raten dagegen zu sofortigen Zinserhöhungen, um den freien Fall der Lira zu stoppen. Ansonsten werde sich der Anstieg der Teuerung weiter beschleunigen. Außerdem drohe eine Pleitewelle bei Banken und Unternehmen.

Gleichzeitig treibe die Abwertungsspirale immer mehr Türken in den US-Dollar, sagt Analyst Murat Unur von der Investmentbank Goldman Sachs. „Die aktuelle Wirtschaftspolitik ist nicht nachhaltig. Die Regierung zeigt aber eindeutig, dass sie niedrige Zinsen bevorzugt und an diesen festhält, selbst wenn dies die Lira unter signifikanten Druck setzt.“ Bereits jetzt halten Türken mehr als die Hälfte ihrer Ersparnisse in harten Devisen.

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    Präsident Erdogan drückt Geldpolitik seinen Stempel auf

    Der selbst ernannte „Zins-Hasser“ Erdogan will die Zweifler eines besseren belehren: Um sich Einfluss auf die Geldpolitik zu sichern, hatte er in den vergangen Monaten mehrfach die Führung der Zentralbank ausgetauscht. Diese hatte dann vergangene Woche trotz einer Inflationsrate von fast 20 Prozent den Leitzins auf 15 von 16 Prozent gesenkt, was Analysten als „verrückten Schritt“ werteten.



    Den Ausverkauf der Lira heizte Erdogan in den vergangenen Tagen weiter an, indem er die Zinssenkung verteidigte und einen Sieg im „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“ seines Landes versprach. Daraufhin stieg der Dollar am Dienstag zeitweise um knapp 19 Prozent auf ein Rekordhoch von 13,4913 Lira, so stark wie zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Seit Jahresbeginn summiert sich das Plus der Weltleitwährung auf mehr als 60 Prozent.

    Den Aktien des Landes bescherte der Kursabsturz der Währung einen Höhenflug. Der Leitindex der Istanbuler Börse stieg in den vergangenen Tagen zeitweise auf ein Rekordhoch von 1834,51 Punkten und steuerte am Freitag auf seinen größten Monatsgewinn seit mehr als zwölf Jahren zu. Das Kursplus der vergangenen Wochen summiert sich auf etwa 20 Prozent.

    Der BIST100 wird von exportorientierten Unternehmen dominiert. Sie profitieren von einer Abwertung der türkischen Lira, weil dadurch ihre Produkte im Ausland wettbewerbsfähiger werden. So gewannen die Aktien des Stahlkochers Iskenderun Demir und des Glas-Fabrikanten Sisecam seit Monatsbeginn jeweils rund 40 Prozent, während die Lira rund 20 Prozent an Wert verlor.

    Für ausländische Investoren bietet sich dagegen ein anderes Bild: Der MSCI-Türkeiindex, bei dem die Kurse in Dollar umgerechnet werden, hat seit Jahresbeginn mehr als ein Viertel eingebüßt.

    Viele türkische Hersteller sind für die Produktion stark von importierten Rohstoffen und Vorprodukten abhängig. Inmitten der weltweit steigenden Rohstoffpreise belastet die Schwäche der Lira die lokalen Unternehmen erheblich. Da die Wechselkurse so stark schwanken, verkaufen einige ihren Waren nicht mehr auf Pump oder schließen vorerst gar keine neuen Geschäfte mehr ab. Einige Anbieter verweigern sogar Barverkäufe, weil sie fürchten, ihre Lager nur zu deutlich höheren Kosten wieder auffüllen zu können. Dies könnte laut türkischen Herstellern bald zu Produktengpässen führen.

    Türkischen Banken droht Ungemach

    Am schlimmsten trifft es Firmen, die den Löwenanteil ihres Geschäfts in der Türkei machen aber ihre Rechnungen in Dollar bezahlen müssen. Exportunternehmen mit Umsätzen in harten Devisen trifft es weniger hart. Jedoch könnten die Profite schrumpfen, da Kunden angesichts der Lira-Krise verstärkt nach Rabatten fragen dürften.

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    Auch den Banken droht durch die Dollar-Aufwertung Ungemach. Der Anstieg der Weltleitwährung treibt den Lira-Wert von Fremdwährungskrediten, was sich negativ auf das verfügbare Kapital der Geldhäuser auswirkt. Dann könnte es beim Kapitalpuffer eng werden - bei der sogenannten Kapitaladäquanzquote müssen die Banken nach Vorgabe der türkischen Finanzaufsehern auf eine Quote von über zwölf Prozent kommen. Schwierigkeiten hätten vor allem die Banken, die nicht genügend nachrangige Fremdwährungskredite aufnehmen könnten, heißt es aus Branchenkreisen.

    Mehr zum Thema: In Amerika steigen die Zinsen, in Europa werden sie von der EZB am Boden gehalten. Mittelfristig dürfte das den Euro weiter abdriften lassen. Risikobewusste Anleger können mit kleinem Einsatz davon profitieren.

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