Hypothekenstreik Aufstand auf Chinas Immobilienmarkt

Unfertige Wohngebäude von der Evergrande Group in Luoyang Quelle: REUTERS

Weil ihre Wohnungen nicht fertig werden, drohen plötzlich Zehntausende Käufer in China damit, ihre Hypotheken nicht mehr zu bedienen. Droht jetzt der große Knall?

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Zuletzt war nicht mehr mehr viel zu hören von den schweren Probleme des chinesischen Immobilien-Giganten Evergrande und den Schäden, die er dem gesamten Häusermarkt der Volksrepublik zugefügt hat. Doch ein Protest verärgerter Käufer, der im Kleinen begann und sich zuletzt innerhalb weniger Wochen auf Städte im ganzen Land ausgeweitet hat, zeigt, dass sich der Markt noch immer in einer bedrohlichen Lage befindet.

Der große „Hypothekenstreik“ begann im Juni in der ostchinesischen Stadt Jingdezhen. Dort taten sich 900 Käufer zusammen, die vergeblich auf die Fertigstellung ihrer Wohnungen warteten und deshalb schon zuvor mehrfach protestierten. Bestellt hatten sie ihre Wohnungen bei Evergrande. Der Konzern war vergangenes Jahr in Schieflage geraten, weil er Schulden zum Teil nicht mehr bedienen konnte. Evergrande hat Schulden von mehr als 300 Milliarden Dollar angehäuft. Im Januar kündigte das Unternehmen zwar einen Plan zur Restrukturierung an, allerdings macht die nur langsam Fortschritte.

Die verzweifelten Wohnungskäufer wollen nun nicht länger warten. Weil die Arbeiten einfach nicht vorangehen, kündigten die Käufer in Jingdezhen gegenüber der Lokalregierung an, dass sie ihre monatlichen Hypotheken-Zahlungen einstellen werden, falls ihre Wohnungen nicht innerhalb von drei Monaten fertig sind.

Die Bewegung hat sich seitdem wie ein Lauffeuer im ganzen Land verbreitet. Zehntausende Käufer von über 300 Immobilien-Projekten in mindestens 90 Städten haben sich der Bewegung laut jüngsten Schätzungen angeschlossen und damit gedroht, Zahlungen an Banken einzustellen. Häufig geht es um Projekte von Evergrande, aber auch andere Entwickler sind betroffen.

Die Menschen sind einerseits verärgert darüber, dass es beim Bau nicht vorangeht – schließlich kämpfen die Immobilienfirmen selbst zum Teil mit gewaltigen Schwierigkeiten und können beauftragte Baufirmen nicht mehr bezahlen. Andere Käufer blicken mit Schrecken auf die zuletzt gesunkenen Immobilienpreise. Sie fürchten nun, dass sie viel Geld für eine Wohnung bezahlt haben, die nach der Fertigstellung im Wert gesunken sein könnte. Ein Novum in China, wo Immobilien den Ruf haben, ausschließlich im Wert steigen zu können. Nun sind die Preise in China jedoch bereits den zehnten Monat in Folge gesunken. Auch die Verkäufe von Eigenheimen gingen im Vorjahresvergleich zurück. Sie liegen schon seit zwölf Monaten im Minus.

Im Zentrum der Immobilienkrise stehen mit der jüngsten Entwicklung nun nicht mehr nur die zum Teil hoch verschuldeten Immobilienentwickler. Jetzt müssen auch die Banken mit Ausfällen rechnen, sollten sich tatsächlich Käufer dazu entscheiden, ihre Darlehen nicht mehr zu bedienen. In welchem Umfang das jedoch tatsächlich passieren wird, ist fraglich. Banken haben natürlich das Recht, nicht gezahlte Raten von ihren Kreditnehmern einzufordern. Zwar gibt es Berichte über Käufer, die tatsächlich bereits Zahlungen eingestellt haben. Viele der Protest-Teilnehmer belassen es allerdings vorerst noch bei Drohungen.

Die Mehrzahl der verärgerten Käufer hofft, mit der kollektiven Aktion die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zu lenken. Und das scheint tatsächlich gelungen zu sein. Die Behörden sind in höchster Alarmbereitschaft, weil sie fürchten, dass sich die Bewegung ausweiten und dann tatsächlich erheblichen Schaden anrichten könnte.

Schon werden die sozialen Netzwerke streng zensiert. Die zuständigen Regulierungsbehörden versprachen über das Wochenende aber auch, eng mit den Lokalregierungen zusammenzuarbeiten, um die rechtzeitige Lieferung unfertiger Wohnprojekte sicherzustellen. Auch Banken forderten sie auf, die Kreditvergabe an Bauherren zu erhöhen, um Projekte abzuschließen.

Für Chinas Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Der Immobiliensektor ist schließlich traditionell eine der wichtigen Wachstumsstützen. Auf die Immobilienbranche, einschließlich Bau, Verkauf und damit verbundene Dienstleistungen, entfällt etwa ein Fünftel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Schätzungsweise 70 Prozent des Vermögens der Mittelschicht sind in Immobilien gebunden.

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Wie das Nationale Statistikamt am Samstag mitteilte, schrumpfte die Produktion in der Immobilienbranche im zweiten Quartal um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sollte sich die Stimmung auf dem Häusermarkt weiter eintrüben, könnte sich das in Kombination mit den ebenfalls belastenden Corona-Maßnahmen zu einem perfekten Sturm entwickeln.

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