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Illegale Öl-Raffinerien Verfluchter Bodenschatz im Nigerdelta

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100.000 Barrel pro Tag werden gestohlen

Nigerianische Rebellen im Quelle: REUTERS

In den vergangenen 50 Jahren seien rund 9 bis 14 Millionen Barrel Rohöl ausgeflossen, schätzt Nnimmo Bassey, den wir vor der Reise ins Delta in der Wirtschaftsmetropole Lagos treffen. Damit man sich unter dieser Menge etwas vorstellen kann, erinnert er an die Tankerkatastrophe vor Alaska anno 1989: "Das entspricht einer Exxon Valdez pro Jahr." Der Schriftsteller Bassey ist 1958 geboren, in jenem Jahr, als alles anfing. An der Spitze der Umweltorganisation Environmental Rights Action (ERA) kämpft er für die Rechte der Bevölkerung, dafür wurde er unlängst mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. "Allein in den letzten vier Jahren sind 3400 Öllecks registriert worden", sagt Bassey – es ist keine Übertreibung, sondern die offizielle Zahl des Umweltministeriums. Dies sei auf den maroden Zustand der Anlagen, technische Pannen oder die Nachlässigkeit der Multis zurückzuführen.

Die Beschuldigten sehen das anders. "Die Hauptursache ist Sabotage durch militante Gruppen", erklärt Babs Omotowa. Der Vizepräsident von Shell Nigeria, zuständig für Infrastruktur und Logistik, empfängt uns im Hauptquartier der Firmenniederlassung in der Kapitale Abuja. Gepflegte Rasenflächen, plätschernde Brunnen, hohe Hallen, viel Licht und Luft. Im Konferenzraum läuft ein Demonstrationsfilm; man sieht durch Sprengstoffanschläge zerfetzte Pipelines, illegale Raffinerien, die Barkassen von Rohöldieben.

"Die Behörden haben hochgerechnet, dass pro Tag ungefähr 100.000 Barrel gestohlen werden", sagt Omotowa. Das wäre beim gegenwärtigen Weltmarktpreis ein jährlicher Verlust von 3,3 Milliarden Dollar. Der Shell-Manager kann sich auch auf Mike Cowing berufen, einen Gutachter, der gerade mit einem 100-köpfigen Expertenteam der Vereinten Nationen die Ursachen des Umweltdesasters untersucht. 90 Prozent der Öllecks würden auf illegale Abzapfungen und Sabotage zurückgehen, hat Cowing erklärt.

Widerstand der Rebellen

Shell soll 9,5 Millionen Dollar zur Finanzierung der Studie beigesteuert haben; Omotowa bestätigt diese Summe zwar nicht, aber er räumt ein, dass man Zuschüsse gezahlt habe. Umweltschützer vermuten greenwash, Grünwäsche, eine geschickte Art der Öffentlichkeitsarbeit ohne viel Substanz dahinter. Für die Kritiker passt das ins Bild von rücksichtslosen, gierigen Ölriesen, die gegen einfache, unschuldige Menschen stehen: hier die Täter, dort die Opfer.

Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Die Lage im Nigerdelta ist so unübersichtlich wie das Labyrinth der Ströme, Flüsse, Bäche und Rinnsale in diesem riesigen Schwemmfächer. Seit Jahrzehnten läuft eine Verteilungsschlacht ums Öl, an der zahlreiche Akteure beteiligt sind: korrupte Staatsbeamte und Gouverneure, gewissenlose Ölmanager, kriminelle Polizeichefs und Militärkommandeure, die Syndikate der Schwarzhändler, Schmugglerringe, bewaffnete Banden und Rebellen, die vorgeben, für die entrechtete Bevölkerung zu kämpfen. Aber sie kämpfen meistens gegeneinander und bereichern sich selbst.

Der schlagkräftigste Rebellentrupp ist die "Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas", kurz Mend. Sie wurde 2000 gegründet und militarisierte den Widerstand, nachdem alle friedlichen Proteste vergeblich waren und von der Regierung brutal unterdrückt wurden. Nie wird man im Delta den 10. November 1995 vergessen, den Tag, an dem das Terrorregime von Sani Abacha den Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa und acht seiner Mitstreiter aus dem Ogoni-Land hängen ließ. Seither griffen immer mehr junge Männer zu den Waffen, zwischenzeitlich herrschte im Delta ein regelrechter Kriegszustand. Umaru Yar’Adua, der im Vorjahr verstorbene Präsident Nigerias, hat einmal von "Blut-Öl" gesprochen – in Anlehnung an die "Blut-Diamanten", die mit mörderischer Gewalt gefördert werden.

Mend soll auch verantwortlich sein für die Bombenanschläge, die bei den nigerianischen Unabhängigkeitsfeiern am 1. Oktober 2010 in Abuja zwölf Menschen töteten. Henry Okah, einer der mutmaßlichen Drahtzieher, wurde kurz darauf in Südafrika verhaftet und angeklagt. Er sei der Rebell aus Nigeria, "der Ihre Benzinkosten erhöht", schrieb das amerikanische Time Magazine; die systematischen Angriffe von Mend hätten zur Steigerung des Ölpreises beigetragen. Nigeria ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt, 40 Prozent seiner Lieferungen gehen in die USA.

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