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Illegale Öl-Raffinerien Verfluchter Bodenschatz im Nigerdelta

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Niemand will Auskunft geben

Nach einer halben Stunde wird es kirchenstill. "Wir nähern uns der Stelle", kündigt Keke Ziworitin an, ein Fischer, der den Einbaum durch den Flussarm bugsiert. Plötzlich steigt dieser Geruch in die Nase. Nach Wagenschmiere riecht es, nach Autowerkstatt und Getriebeöl. Dann schweben die ersten schwarzen Klumpen heran, eine zähe Masse, unlöslich wie in einer Emulsion. Und allmählich färbt sich das braune Wasser tiefschwarz, ein in allen Spektralfarben schillernder Film überzieht die Oberfläche. Wir gleiten über einen Ölsee, verklebte, ins Wasser hängende Äste versperren die Fahrrinne. Keke schlägt sie mit seiner Machete ab, damit sie nicht die Kleider versauen.

Im nächsten Moment tauchen hinter uns zwei Frauen in einem Boot auf. Sie erzählen, dass sie alle zwei, drei Tage aus ihrem Dorf Okpotuwari hierher paddeln, um die Fischreusen zu kontrollieren und Krabben und Schnecken zu sammeln. "Aber jetzt gibt es hier keine Fische mehr. Alles ist tot!", ruft Sharit Okoya, die Ältere. In einer Geste hilflosen Zorns reckt sie die Arme zum Himmel. Auf den kleinen Gärten und Feldern, die die Dorfbewohner im umliegenden Wald angelegt haben, liegt Ölschlamm. Wer wird ihn entfernen? Lässt sich der Schaden überhaupt beheben? Wie sollen hier je wieder Yamswurzeln gedeihen? Fragen die Menschen. Sie erhalten keine Anworten.

"Die geborstene Pipeline von Agip ist ein paar Kilometer von hier entfernt. Aber wir können nicht hinpaddeln, weil sich immer noch militante Banden herumtreiben," sagt Morris und drängt zur Umkehr. Das wacklige Kanu könnte im Ölschlick kentern, warnt er, "und wenn hier ein Buschbrand ausbricht, sind wir rettungslos verloren".

Stille Katastrophen

Was sagt Agip zu dem Vorfall? Die nigerianische Konzernfiliale hat bis heute nicht auf die E-Mail der ZEIT geantwortet, auch am Telefon will niemand Auskunft geben. Immerhin bestätigte das Unternehmen in einer Presseerklärung, dass aus dem Leck in Osiama täglich bis zu 4000 Barrel Öl austreten, umgerechnet weit über eine Million Liter. Die Ursache sei bekannt: Sabotage. "Das sagen die immer", kommentiert Alagoa Morris. Für Sharit Okoya und die Dorfbewohner ist es unerheblich, ob das Schlamassel durch einen Anschlag oder durch einen technischen Defekt ausgelöst wurde – sie sind in jedem Fall die Leidtragenden. Der Ölsegen liegt wie ein böser Fluch über ihren Hütten. "Wir haben über unsere Anwälte Entschädigung von Agip gefordert", sagt Häuptling Kokorifa. "Aber der Konzern will nicht zahlen."

Ogbunugbene ist kein Einzelfall, sondern einer der 3400 oil spills , die amtlich bestätigt wurden. Aber die meisten Lecks erwecken jenseits der versauten Regionen ohnehin keine Aufmerksamkeit. "Wenn vor der Atlantikküste der USA tonnenweise das Öl aus einer kaputten Tiefseebohrung schießt, schaut die ganz Welt zu und empört sich", sagt Morris. "Wir haben jedes Jahr ein Unglück wie am Golf von Mexiko. Aber wen interessiert das schon? Es sind stille Katastrophen." Es sind ja auch nur stille, vergleichsweise unspektakuläre Bilder, die sie liefern. Zum Beispiel das Bild von einem ölverklebten Krebs, der aus der schwarzen Brühe krabbelt und versucht, sich auf eine Mangrovenstelze zu retten.

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