Indienreise des Kanzlers: Olaf Scholz im ausgelobten Land
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) besichtigt zusammen mit dem Gründer Chetan Maini (l. neben Scholz) das Unternehmen Sun Mobility im indischen Silicon Valley Bengaluru und schaut sich die Batterie-Fertigung an.
Foto: dpaWenn doch jeder Tag im Leben eines Kanzlers so angenehm beginnen würde wie dieser. Olaf Scholz spaziert über den Campus der SAP Labs in Bangalore, vorbei an Palmen, im Hintergrund zirpen die Vögel. An der Seite von Konzernchef Christian Klein besucht der deutsche Regierungschef den indischen Vorzeigestandort in Bangalore, der aussieht, als hätten die Walldorfer ihre tropische Interpretation des Google-Hauptquartiers in Kalifornien nachgebaut.
Scholz inspiziert eine Joggingstrecke durchs üppige Grün, es gibt eine Minigolfanlage, einen Fußmassagepfad, bunte Kantinen. Die Tour endet mit einer Bühnenplauderei unter freiem Himmel mit Klein und der indischen Standortchefin. Wenn sich der Can-do-Spirit vor Ort mit deutscher Planung und Gründlichkeit verbinde, sei das eine unschlagbare Kombination, lobt sie. Applaus der anwesenden SAP-Mitarbeiter. Scholz lächelt wohlwollend. Das hier ist eine Art Event-Ayurveda-Kur für den Kanzler.
Und Tag zwei seiner Indienreise. Zunächst die große, ernste Diplomatie, dann Wirtschaft und Wohlstandssicherung – so sieht die Ablaufregie des Kanzleramtes aus. Scholz` Außenpolitik will weniger Machtdemonstration und mehr Demut wagen, verspricht Augenhöhe statt westlicher Arroganz – doch so einleuchtend das klingt: bisher ist es kaum mehr als ein Hoffnungswert. Die Freihandelsverträge – ob nun mit Indien oder dem Mercosur – sind von Unterschriftsweite noch sehr weit entfernt. Selbst der G20-Konsens aus dem vergangenen Herbst zum Ukrainekrieg, auf den er stolz ist, kommt gerade wieder unter Druck.
Die bestimmte Uneindeutigkeit so komplizierter Partner wie Indien, sie ist den Deutschen im Übrigen und in Wahrheit aber nicht fremd. In der Sicherheitspolitik schmiegt sich die Regierung Scholz so eng an die Amerikaner wie nur möglich, beschwört die Unverbrüchlichkeit des transatlantischen Verhältnisses und die Nato-Treue, gleichzeitig aber fürchtet man die ökonomische Ad-hoc-Abkopplung von China. Ein Jein bildet zuweilen auch die Grundlage deutscher Politik.
Da wirkt Teil 2 des Indien-Trips umso mehr wie ein kurzes Durchschnaufen von den Mühen der Weltkrise. Vor SAP besucht der Kanzler noch den Batterie-Hersteller Sun Mobility. Das Unternehmen produziert Speicher und Wechselstationen, an denen die Kunden binnen einer Minute die schuhkartongroßen Batterien ihrer Roller oder E-Rikschas tauschen können, mühelose digitale Bezahlung inklusive. Warum Scholz sich das alles anschaut? Nun, weil Bosch in Sun Mobility investiert hat.
„Wir wollen und müssen die Potenziale, die hier existieren, nutzen“, wird er später bei SAP in die Kameras sagen. „Das trägt auch dazu bei, dass wir die Resilienz unserer eigenen Wirtschaft stärken können.“ Die Patente der indischen Programmiererinnen und Software-Experten schmücken am Ende eben auch deutsche Bilanzen. Win-win in Bangalore.
Für Jahrzehnte war der Subkontinent so etwas wie der Wedding der Weltwirtschaft: immer im Kommen, nur kam dann nie besonders viel. Nun könnte sich das tatsächlich ändern – glaubt nicht nur der Kanzler. Das Bild vom schlafenden Riesen sei jedenfalls eindeutig überholt, betont Stefan Halusa, Chef der Deutsch-Indischen Handelskammer. „Wir sprechen hier mittlerweile über die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Der Riese schläft nicht mehr, er heftet sich mit sechs bis sieben Prozent Wachstum pro Jahr bald an die Fersen Deutschlands.“
Allerdings sei die Wirtschaft hier noch vergleichsweise wenig in die Weltmärkte integriert, das weiß auch Halusa, der Anfang in Indien nicht leicht. Es dauere, die Eigenarten von Land und Verwaltung zu verstehen. Der bilaterale Handel mit Deutschland umfasst deshalb bisher gerade 30 Milliarden Euro pro Jahr. Da, sagt der Kammerchef, schlummere tatsächlich noch „gewaltiges Potenzial“.
Ähnliche Töne gibt es auch aus der Wirtschaftsdelegation zu hören, die Scholz begleitet. Das Interesse nehme spürbar zu, die Aussichten seien glänzend. Man müsse aber dennoch in Jahren denken, nicht in Monaten.
Zum Abschluss seiner Reise lockert das Protokoll die Zügel. Scholz besucht noch eine Cricketmannschaft beim Training und spaziert danach ein paar Minuten lang über einen eigens für ihn abgesperrten Boulevard in Richtung des „Mitti Café“. Der Coffee Shop hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Handicap Arbeit zu geben. Im Laden warten außerdem Jenetta, Vinayak, Jayesh und Vishnu.
Der Raum ist kaum größer als eine Garage. An einem Stehtisch warten die vier jungen Erwachsenen sichtlich aufgeregt auf den prominenten Gast. „Erzählen Sie mir von ihren Erwartungen“, sagt Scholz auf Englisch. Und dann erzählen sie – in tastendem Deutsch. Jenetta, eine Krankenschwester, will nach Berlin. Die drei Männer, Bauingenieure und Bauarbeiter, werden nach Paderborn ziehen. Fachkräfte für die Bundesrepublik.
Smalltalk ist nicht unbedingt die Sache des Kanzlers, so viel ist wenig später klar. Er schafft es sogar, in das Gespräch das Wortungetüm von der Lebensunterhaltssicherung einzubauen. Aber er lächelt, lobt und wünscht den vieren, die bald ihr Glück in Deutschland suchen werden, alles Gute. Nicht ohne zum Schluss auch zu erwähnen, dass die Regierung ja bald ihr Einwanderungsgesetz modernisieren wolle, damit mehr ihrer Landsleute folgen werden. Die vier lächeln tapfer zurück. Scholz bleibt eben Scholz. Auch an einem guten Tag.
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