Inside Chicago

So lebt es sich in einer Pleite-Stadt

Amerikas drittgrößter Stadt Chicago droht die Pleite – und noch schlimmer ist es um den Bundesstaat Illinois bestellt. Im Alltag sieht man die Folgen erst auf den zweiten Blick.

Skyline von Chicago Quelle: dapd

Chicagos Sommer ist kurz, aber intensiv. In drei Monaten holen die Stadtbewohner all das nach, was im bis zu minus 40 Grad Celsius kalten und langen Winter ausfallen wird. Am Sonntag liefen sie zum Triathlon auf, am Abend zuvor gab es ein riesiges Feuerwerk. Mittwochs zeigen sie Filme wie „Dirty Dancing“ im Millenium Park und dieses Wochenende steigt dort ein großes Jazz-Festival.

Solche Events kosten die Stadt viel Geld, aber es zahlt sich aus: Etwas über 50 Millionen Touristen fanden 2014 den Weg in die Stadt mit ihren 2,7 Millionen Einwohnern. Ein Plus von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr - und doppelt so viel Touristen, wie das etwas größere Berlin jährlich anzieht. Und so helfen die Reisenden der Stadt unbewusst und langsam heraus aus dem Sumpf, in dem sie steckt: Chicago steht am Rande des Bankrotts.

Der Zerfall Amerikas in Bildern
2011 begann Seph Lawless damit, sich mit dem urbanen Zerfall zu beschäftigen. Er fotografiert verlassene Fabriken, Kirchen, Krankenhäuser - und Shopping Malls. Von dem einstigen Konsumtempel der Ohio’s Randall Park Mall sind nur noch Ruinen übrig.
Nachdem er gut 3000 Fotos geschossen hatte, begann Lawless den Zerfall der Shopping Malls in seinem ersten Buch,
Sein neues Buch
Wo früher gut gelaunte Shopping-Liebhaber ihren Kaffee tranken, finden sich heute nur noch Scherben.
Hier blüht nichts mehr. Nirgendwo werde der Zerfall Amerikas so deutlich wie an den Shopping Malls, meint Seph Lawless.
Auch die Rolling Acres Mall in Akron, Ohio, hat ihren früheren Glanz verloren.

Die Hiobsbotschaft kam im Mai dieses Jahres. Da stufte die Ratingagentur Moody's die Anleihen der Stadt auf „Ba1“ herab, also Ramschniveau. Die Analysten hatten festgestellt, dass Sicherheiten für die Pensionsfonds der Stadt über Jahre zu hoch bewertet wurden – und der Kämmerer nun auf ungedeckten Verpflichtungen in Höhe von knapp über 20 Milliarden Dollar sitzt.

Bürgermeister Rahm Emanuel soll getobt haben. Der Vertraute und Ex-Stabschef von US-Präsident Barack Obama sieht zwei der vier fraglichen Fonds als abgesichert an. Er wähnt die Stadt in einem Aufschwung, der ihm mehr finanziellen Spielraum verschaffe. Ein Zahlungsausfall wie in der maroden Autostadt Detroit drohe nicht.

So soll die Pleitestadt Detroit wieder auferstehen
Ein Mann geht an einem Graffiti an einer Wand in Detroit vorbei. Nur wenige Städte florierten einst so sehr wie die ehemalige Auto-Metropole, und keine ist so tief gefallen. Jetzt soll es mithilfe neuer Investitionen wieder aufwärts gehen. Quelle: REUTERS
Nach der bisher größten Städtepleite der US-Geschichte kann Detroit seine Finanzen neu ordnen und sieben Milliarden Dollar Schulden (rund 5,6 Milliarden Euro) aus den Büchern streichen. Am 7. November 2014 genehmigte das Gericht einen entsprechenden Sanierungsplan, nachdem Vertreter der Stadt sich mit Pensionären und anderen wichtigen Gläubigern geeinigt hatten: Stadtbedienstete nehmen Einbußen bei ihren Pensionen hin, und alle größeren Gläubigergruppen erklärten sich zu Verlusten bereit. Insolvenzverwalter Kevyn Orr (im Bild) sprach von einer „historischen Entscheidung“ - er hatte den Sanierungsplan ausgearbeitet. Quelle: REUTERS
Der Plan beinhaltet neben der Senkung von Detroits Schulden auf fünf Milliarden Dollar den Einsatz von 1,7 Milliarden Dollar. Mit dem Geld will die Stadt den Fäulnisgeruch vergangener Jahre endlich vertreiben. Die einstige Wiege der amerikanischen Autoindustrie meldete im Juli 2013 als bislang größte Stadt in den USA die Zahlungsunfähigkeit an, nachdem immer mehr Autobauer ihre Standorte verlagert hatten. Verfallende Gebäude und hohe Arbeitslosigkeit waren die Folge. Die Stadt kämpft mit der Grundversorgung der Einwohner: Feuerwehr- und Polizeiautos sind kaputt, viele Straßenlaternen funktionieren nicht, ganze Viertel verfallen. Quelle: dpa
Doch für die Einwohner der Pleite-Stadt ist es ein weiter Weg. Sie leiden unter den Folgen des Bankrotts: Sie schlafen zum Geräusch von Schüssen ein und wachen in Häuserblocks auf, deren Umgebung wie ausgestorben wirkt. Viele Häuser stehen leer, sind zerstört und werden als Müllkippe missbraucht. Quelle: REUTERS
Dieser Blick in einen Autorückspiegel (im Hintergrund ist das GM-Hauptquartier zu sehen) soll möglichst bald der Vergangenheit angehören. Von den 1,7 Milliarden Dollar an Investitionen sollen 420 Millionen Dollar in den Abriss maroder Häuser und die Räumung von Grundstücken gesteckt werden. Quelle: dpa
Mit Maßnahmen wie der Einstellung von mehr Sanitätern vor Ort soll das Leben der Einwohner der US-Metropole verbessert werden. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst bekommen für 167 Millionen neue Fahrzeuge, und satte 715 Millionen Dollar sollen genutzt werden, um Arbeitskräfte anzustellen und auszubilden sowie weitere Aufrüstungen zu tätigen. Quelle: dpa
Detroit Quelle: dpa

Opulent ist der Schuldenberg trotzdem: Nach offiziellen Zahlen beläuft er sich auf 63,2 Milliarden Dollar – oder 23.000 Dollar pro Kopf. Damit ist die Verschuldung pro Einwohner doppelt so hoch wie in Kaiserslautern, das in dieser Tabelle die rote Laterne für Deutschland trägt.

Hinzu kommt, dass es um Illinois noch schlimmer bestellt ist. Der Bundesstaat, dessen größte Stadt eben Chicago ist, steckt nicht nur tief in den roten Zahlen, sondern steht seit zwei Monaten ohne Haushalt da: Der Gouverneur, ein Republikaner, kann sich mit den in Senat und Parlament dominanten Demokraten nicht auf ein Sparpaket einigen. Chicago muss im schlimmsten Fall auf Milliarden verzichten, mit denen der Bundesstaat den Nahverkehr und das Schulwesen kofinanziert.

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