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Internationales Währungssystem „Die Lira kümmert mich einen Dreck“

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Der Geist von Bretton Woods

Allerdings tendiert Garten bei allem großartigen Fokus auf die Persönlichkeiten dazu, die Rolle struktureller Faktoren auszublenden. „Three Days at Camp David“ könnte deutlicher auf jene wirtschaftlichen Kräfte eingehen, die die Spannungen auf den Währungsmärkten anheizten und im August 1971 ihren Höhepunkt erreichten. Hatte die wirtschaftliche Erholung in Europa und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung mit dem Widerwillen ihrer politischen Führungen, ihre Währungen aufzuwerten, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der USA untergraben? Hatten die USA es versäumt, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen? Schuf die Erholung der internationalen Kapitalmobilität in den 1960er Jahren unüberbrückbare Konflikte zwischen der US-amerikanischen Geld- und der Fiskalpolitik, die einerseits auf Vollbeschäftigung und die Weiterführung des Vietnamkrieges und andererseits auf die Aufrechterhaltung eines stabilen Dollars abzielten? War das „Triffin-Dilemma“ –die Vorstellung, wonach der Bedarf einer expandierenden Weltwirtschaft an internationalen Reserven bedeutete, dass die US-Auslandsverbindlichkeiten unweigerlich die US-Goldreserven übersteigen würden – der Untergang von Bretton Woods?

Dies führt zu der übergeordneten Frage, inwieweit das Treffen wirklich „die Weltwirtschaft verwandelt hat“ (Garten). Entgegen den damaligen Erwartungen ist der Dollar auch heute noch die vorherrschende internationale Reservewährung. Außerdem bilden freie Wechselkurse immer noch die Ausnahme von der Regel. Einer aktuellen Berechnung zufolge sind die Währungen von Ländern, die etwa 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts repräsentieren, immer noch an den Dollar gekoppelt oder orientieren sich zumindest an ihm.

Eine vielleicht zutreffendere Schlussfolgerung ist, dass das Geheimtreffen in Camp David und die nachfolgenden Verhandlungen die Weltwirtschaft schützten. Ein größerer Zusammenbruch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den USA, Europa und Japan wurde abgewendet, zum Teil durch zeitnahe Interventionen von Nixons nationalem Sicherheitsberater Henry Kissinger. Der zehnprozentige US-Importzuschlag wurde aufgehoben, nachdem man sich auf neue Wechselkursparitäten geeinigt hatte. Das globale Handelssystem überlebte. Der Geist von Bretton Woods wurde bewahrt.

Es geht in Gartens Buch freilich nicht darum, einen Weg in die Zukunft zu skizzieren und deshalb bietet er auch keine Vorschläge an. Andere Experten hingegen warten mit Ideen für eine globale  Währungsreform auf. Ein bemerkenswerter Beitrag der jüngsten Zeit ist José Antonio Ocampos Buch „Resetting the International Monetary (Non)System“**. Ocampo ist Professor an der Columbia University und ehemaliger Finanzminister Kolumbiens. Er gilt als  prominenter Kritiker der auf dem Dollar basierenden und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) angeführten globalen Währungsordnung.

Ocampo kritisiert insbesondere die vorherrschende Orthodoxie, die Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten eine unverhältnismäßig hohe Anpassungslast aufbürdet, während Überschussländern keine entsprechenden Verpflichtungen auferlegt werden. Durch die Dollar-Abhängigkeit des internationalen Systems entstehen laut Ocampo prozyklische Boom-Bust-Zyklen und die anderen Länder sehen sich einer unberechenbaren US-Politik ausgesetzt. Außerdem sind die Länder im Falle einer Knappheit an Dollar-Liquidität auf die Gnade der Fed im Bereich Währungsswaps angewiesen. Diese Bedenken werden heute weithin geteilt, wenn sich Marktteilnehmer fragen, wann die Fed mit der Anhebung der Zinsen beginnen wird – ein Schritt, der die Kapitalströme in die Schwellenländer unterbrechen könnte.

Ocampos Reformempfehlungen sehen so aus: Erstens sollte der IWF von Überschuss- und Defizitländern gleichermaßen Anpassungen fordern (wofür John Maynard Keynes 1944 in Bretton Woods erfolglos eintrat). Erreicht werden soll dies durch robustere Mechanismen zur Koordinierung makroökonomischer Politik, einschließlich einer stärkeren Zusammenarbeit in der Steuerung der Wechselkurse und einer großzügigeren Verlängerung der automatischen Kreditlinien für Defizitländer.

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