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Investitionsprogramm Taiwan kurbelt mit Milliarden die Wirtschaft an

Die Weltkrise hat das Exportland Taiwan schwer getroffen. Jetzt will die Regierung mit riesigen Investitionen für einen neuen Schub in der High-Tech-Industrie sorgen. Viele fürchten einen Ausverkauf an China.

Kurzer Schock

Ist Taiwan gerade in der Krise das bessere China? Ingo Steffen würde wohl nicht widersprechen. „Das Niveau ist ausgezeichnet“, urteilt der Deutsche, der in Taiwan den Einkauf von Elektronikkomponenten für einen deutschen Autozulieferer in der Nähe von Hamburg verantwortet. Die Qualität sei einfach um Klassen besser als auf dem Festland: „Dort weiß man doch nicht einmal, ob die Prüfstempel echt oder gefälscht sind.“

Doch gerade dieser Vorsprung ist zum Problem geworden: Wie kaum ein anderes Land leben die 24 Millionen Menschen auf Taiwan vom Export, der vor der Krise zeitweise 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachte. Entsprechend ließ der internationale Wirtschaftseinbruch die Fundamente auf Taiwan wanken.

Um mehr als zehn Prozent im Jahresvergleich schrumpfte die Wirtschaft im ersten Quartal 2009. Im dritten Quartal waren es immer noch 3,5 Prozent minus. Vizeminister Gee San rechnet zwar für 2010 schon wieder mit zehn Prozent Wachstum, aber das ist ungewiss. „Das Bild ist immer noch trübe“, sagt Cheng Cheng-Mount, Chefökonom der Citibank in der Hauptstadt Taipeh, „denn die Erholung der Exportnachfrage fällt bisher eher moderat aus.“

Das chinesische Festland lockt

Taiwans wirtschaftliche Probleme sind sowieso älter als die aktuelle Krise. Als in den Neunzigerjahren die Kosten für Grundstücke und Arbeitskräfte auf der schon lange exportlastigen Insel explodierten, zogen Zehntausende Unternehmer mit ihren Fabriken aufs Festland in die Volksrepublik um, wo sich gerade der Kapitalismus zu entfalten begann.

Lebensmittel, Handys oder Haartrockner wurden bald nur noch in der Volksrepublik produziert. Auf Taiwan blieb die Fertigung hochwertiger Produkte wie Speicherchips und LCD-Flachbildschirme. Die Regierung hatte die Verlagerung der High-Tech-Industrien verboten.

Wie wenig das noch hilft, erfährt man von Kenji Sakai, dem Chef von Sony in Taiwan. Einst beschäftigte dessen Niederlassung eine fünfstellige Mitarbeiterschar, jetzt sind es noch 450 – hauptsächlich im Vertrieb und Marketing. „Unsere Fabriken hier haben in den letzten Jahren alle dichtgemacht.“ Sakai, der für Sony auch einige Jahre in Düsseldorf verbrachte, führt jetzt eine Menge Verhandlungen mit namenlosen taiwanischen Elektronikherstellern. Es geht um die Konditionen, zu denen deren Firmen Sonys Laptops und Spielkonsolen produzieren – in Fabriken auf dem Boden der Volksrepublik.

Skyline von Taipeh Quelle: dpa/dpaweb

Diese Entwicklung lässt sich nicht rückgängig machen. Darum versucht die Regierung jetzt, mit großen staatlichen Investitionsprogrammen die Wirtschaft auf ein neues Fundament zu stellen.

So will Taipeh in den kommenden Jahren rund 1,4 Milliarden Dollar in den Bau von Anlagen für alternative Energien stecken. Rund 2,5 Milliarden Dollar Staatsgeld sollen in den Ausbau des Gesundheitswesens fließen, damit ausländische Patienten künftig taiwanische Krankenhäuser aufsuchen. So sollen 300.000 neue Arbeitsplätze im Gesundheitssektor beziehungsweise 110.000 Jobs im Energieanlagenbau entstehen. Auf ähnliche Förderprogramme dürfen die Sparten Medizintechnik und Biotechnologie hoffen.

Daneben setzen die taiwanischen Wirtschaftspolitiker auf einen neuen Boom bei der Autoelektronik: Schon heute sind die taiwanischen Unternehmen bei Komponenten für Navigationssysteme, Lichtdioden für Autoscheinwerfer oder Teilen für elektronische Einparkhilfen weltweit Spitze. Weil der Automarkt im kommunistischen China noch lange weiter boomen dürfte, hofft Taiwan, seinen Autoelektronik-Export im Wert von 212 Milliarden Dollar 2008 noch gewaltig steigern zu können.

Taiwan hofft auf Tourismus

Und schließlich hofft Taiwan auf einen größeren Anteil am weltweiten Tourismus und steckt 640 Millionen Dollar in die entsprechende Infrastruktur. Hier wie in vielen anderen Bereichen hofft die seit 2008 regierende Nationalpartei unter dem Präsidenten Ma Ying-jeou, von ihrem Kurs der Annäherung an das kommunistische China zu profitieren.

Gewiss: Wirtschaftlich sind Taiwan und die Volksrepublik heute schon eng verflochten, mehr als 80.000 taiwanische Unternehmen haben auf dem Festland investiert, annähernd 30 Prozent des Exports gehen zum großen Nachbarn.

Doch vielleicht gerade darum fürchten viele Inselbewohner einen Ausverkauf an Peking und den Verlust der politischen Freiheit. Auch die Fremdenführerin Michelle Chu: „Wir fühlen uns eher als Taiwanesen, nicht als Chinesen!“

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