Irak Der gescheiterte Staat

Der Syrienkrieg schwappt endgültig auf das Nachbarland Irak über. Die Welt könnte wegen des Blutvergießens in eine neue Rezession schlittern.

Quelle: dpa

Die Invasion der ultraradikalen Armee „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ – in westlichen Medien etwas unpassend „Isis“ genannt - hat jetzt schon den Ölpreis nach oben getrieben. Die radikalen Krieger sind in den vergangenen Wochen vom Norden des Bürgerkriegslandes Syrien in den Nordwesten des Irak eingefallen und haben in einem gewaltigen Vormarsch wichtige Städte wie Mossul und Tikrit eingenommen.

Am Donnerstag standen sie am Rande des Großraums der Hauptstadt Bagdad. Die Truppen des irakischen Präsident Nuri al-Maliki erwiesen sich gegen den Ansturm von wahrscheinlich nur wenigen Tausend Kriegern vollkommen hilflos. Viele Soldaten sind desertiert oder gar übergelaufen. Rettung soll jetzt aus Washington gekommen, das eigentlich mit dem irakischen Morast militärisch nichts mehr zu tun haben will. Und – ausgerechnet, wird mancher denken - vom Nachbarn Iran. Der Irak selber wirkt wie ein gescheiterter, vielleicht todgeweihter Staat.

Berechtigte Angst

Die Ölmärkte haben entsprechend reagiert. Von Montag bis zum heutigen Freitag stieg der Spotpreis für das Barrel der Sorte Brent von ungefähr 106 auf fast 113 Dollar – mehr als irgendwann in diesem Kalenderjahr. Das hat mit berechtigter Angst vor der weiteren Entwicklung zu tun, nicht mit bereits spürbaren realen Veränderungen.

Nicht nur, dass Brent definitionsgemäß eine Erdölsorte aus der von islamistischen Kriegen nicht gefährdeten Nordsee ist. Auch der irakische Erdölexport aus dem äußersten Süden und dem entlegenen Norden des Landes ist vom Feldzug der Fanatiker bisher nicht betroffen. Aber das kann sich ändern, wenn die Ordnung des gesamten Staates zusammenbricht.

Ein übles Vorzeichen war schon, dass die Invasoren bei Mossul eine große Ölraffinerie in Brand gesetzt haben. Mit der Folge, dass den an Erdöl so reichen Irakis das Benzin und das für Klimaanlagen nötige Heizöl ausgeht. Und der Welt die Hoffnung auf ihr Land als Stabilitätsanker im internationalen Ölgeschäft.

Fakten zum Terror im Irak

Denn genau das ist der Irak in den vergangenen drei oder vier Jahren gewesen. Nicht nur, dass sich im Irak die fünftgrößten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt befinden (ohne die praktisch unzugänglichen oder umweltpolitisch umstrittenen Ölsände in Venezuela und Kanada rutscht das Land hinter Saudi-Arabien und fast gleichauf mit dem Iran auf Platz drei).

Wichtiger noch ist die Entwicklung der Ölförderung in den Jahren seit der Weltfinanzkrise 2008/09. Von 2009 bis 2012 ist die weltweite Ölförderung zusammen mit der eher stockenden Erholung der Weltwirtschaft um sechs Prozent gestiegen.

Deutliche Rückgänge

Hinter diesem globalen Wert verbergen sich zum Teil deutliche Produktionsrückgänge, vor allem in Europa, ein eigentliches schwaches Wachstum um insgesamt 5,6 Prozent in Russland, neun Prozent Wachstum in den Opec-Staaten ohne den Irak, 23 Prozent Zuwachs in den USA mit ihren neu erschlossenen Ölschiefervorkommen – aber nirgendwo war das stetige Produktionswachstum so stark wie im Irak: insgesamt 27 Prozent in den Jahren des 2012, und in den vergangenen anderthalb Jahren hat sich der Trend nach allen vorläufigen Informationen fortgesetzt. Bevor ISIS ins Land einfiel.

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