WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Irland Musterknabe unter den Sorgenkindern

Seite 2/3

Risikoaufschläge für irische Staatsanleihen gegenüber deutschen Wertpapieren

Premierminister Enda Kenny kündigte kürzlich an, sein Land wolle als erster der notleidenden Euro-Staaten von internationaler Hilfe unabhängig werden und wieder an die Kapitalmärkte gehen. Bereits nächstes Jahr will die Regierung testen, ob sie wieder Staatsanleihen begeben kann. Kenny rechnet sogar damit, dass sein Land das vom IWF und der EU gesetzte Defizit-Ziel von 10,6 Prozent des BIPs in diesem Jahr unterschreiten wird. Allerdings muss die Regierung im Dezember bei der Vorlage des nächsten Haushaltes erneut den Rotstift ansetzen, um ihr mittelfristiges Ziel zu erreichen, das Etatdefizit bis 2015 auf drei Prozent des BIPs zu reduzieren.

Eine flexible, exportorientierte Volkswirtschaft zu sein hat sich für Irland bisher als Vorteil erwiesen. Nach drei Jahren wirtschaftlichen Abschwungs wächst die irische Wirtschaft in diesem Jahr dank der florierenden Ausfuhren wieder. Vor allem Pharma- und Medizintechnikprodukte sowie Lebensmittel sind international gefragt. Im zweiten Quartal legte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent zu, nachdem sie im ersten Quartal bereits um 1,9 Prozent gewachsen war.

Die Grüne Insel ist auch wegen ihrer – im Rest der EU oft kritisierten – Niedrigsteuerpolitik Anziehungspunkt für ausländische Investitionen. Die Körperschaftsteuer beträgt nur 12,5 Prozent. Kürzlich kündigte der US-Kurzmeldungsdienst Twitter an, er werde in Dublin eine Niederlassung gründen. Die US-Konzerne Google und Facebook sind schon vor Ort. In der Vergangenheit hatten sich High-Tech-Unternehmen wie HP und Intel sowie Pharmakonzerne wie Pfizer angesiedelt. Die insgesamt mehr als 600 US-Unternehmen stellen damit einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Dublin hat sich außerdem zu einem internationalen Zentrum für Online-Spiele und Internet-Startups entwickelt und will das weiter ausbauen.

Doch leider ist Irland noch längst nicht aus der Gefahrenzone.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

     So könnte sich die hohe Exportabhängigkeit mittelfristig auch zu einem Nachteil entwickeln. Eine erneute Rezession in den USA und im Nachbarland Großbritannien sowie die Zuspitzung der Euro-Krise bedrohen die Absatzmärkte der kleinen Volkswirtschaft. „Das könnte das Tempo der irischen Erholung dämpfen“, so Shinohara vom IWF.

    Ein weiteres Risiko ist die mögliche Eskalation der Euro-Krise infolge eines möglichen Zahlungsausfalls in Griechenland. So warnt der IWF, Irland sei im Hinblick auf die geplante Rückkehr an die Finanzmärkte von einer Stabilisierung der europäischen Schuldenkrise abhängig. Doch damit kann sich Dublin Zeit lassen. Bis Ende 2013 besteht kein Bedarf an neuen Mitteln. „Was mit Griechenland passiert, wird die Finanzlage Irlands deshalb kurzfristig nicht beeinflussen, allerdings hat es Auswirkungen auf unsere Glaubwürdigkeit“, sagt Professor John FitzGerald von Irlands unabhängigem Forschungsinstitut ESRI.Anlass zur Sorge ist auch, dass die Binnennachfrage bisher als Wachstumsmotor ausfällt. Die Sparquote beträgt inzwischen zwölf Prozent. Im August fiel der Einzelhandelsumsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat um mehr als drei Prozent. Die verunsicherten Verbraucher, von denen viele auf einem hohen Schuldenberg sitzen, halten sich zurück. Ein wichtiger Grund dafür liegt auch in der hohen Arbeitslosenrate von über 14 Prozent. „Der Preis für die harten Einsparungen ist eine verlorene Generation“, kritisiert Gewerkschaftschef David Begg. Vor allem die mit 28 Prozent hohe Jugendarbeitslosigkeit birgt in einem Land mit einer der höchsten Geburtenraten Europas potenziell sozialen Sprengstoff, obwohl es bisher stets so war, dass junge Iren lieber auswanderten, als zu randalieren.Ein weiteres Problem sind die fallenden Hauspreise. Der Preisrutsch ist immer noch nicht zu Ende. Seit Irlands Immobilienblase Mitte 2007 platzte, sind die Preise privater Immobilien um 40 bis 50 Prozent und die von Gewerbeimmobilien sogar noch stärker gefallen. Viele Eigenheimbesitzer fürchten die Zwangsenteignung durch ihre Bank, weil ihre Hypothek höher ist als der Wert ihrer Immobilie – eine bittere Folge der Exzesse der vergangenen Jahre, als es in Irland möglich war, eine Hypothek von bis zu 110 Prozent des Hauspreises aufzunehmen.Der harte Sparkurs verursacht auch hohe soziale Kosten. Sozialeinrichtungen berichten von einem schleichenden sozialen Abstieg. „Wenn die Waschmaschine kaputt geht, fehlt es plötzlich an Geld für die Reparatur“, sagt Rose McGowan, Präsidentin der Wohltätigkeitsorganisation St. Vincent de Paul in Dublin. Nach ihren Angaben sind die Hilfsanfragen im vergangenen Jahr um 43 Prozent gestiegen. „Das betrifft auch Mittelklassefamilien. Die Ersparnisse sind aufgebraucht, jetzt bitten sie um Lebensmittelgutscheine, Zuschüsse für Heizungskosten oder Schulbücher.“ Am härtesten treffe es Selbstständige, die keinen Anspruch auf Sozialhilfe hätten.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%