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Islamischer Staat "Der Terror des IS wird uns über Jahrzehnte bedrohen"

Wilfried Buchta war fünf Jahre für die UN-Friedensmission im Irak. Im Interview spricht er über die verfehlte Irak-Politik der Amerikaner, wie sie den IS zu dem machte, was er heute ist und die Konsequenzen für Europa.

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ISIS-Terror in Kobane Quelle: dpa Picture-Alliance

Herr Buchta, der Irak steht kurz vor der endgültigen Spaltung…

Wilfried Buchta: De facto ist der Irak schon gespalten. Der Kurden-Staat im Norden hat formal noch einen Autonomie-Status, ist aber schon ein eigener Staat mit eigener Verfassung, eigenen Gesetzen, eigenem Schulwesen. Die Ausrufung der Unabhängigkeit ist nur eine Formalie, die hinausgezögert wird, weil die Kurden militärische Gegenmaßnahmen des Irans und der Türkei fürchten. Spätestens seit Juni 2014 haben wir daneben einen funktionierenden sunnitischen Staat im Westen und im Norden des Iraks unter Führung des IS. Vom Irak übrig geblieben ist ein schiitisch dominierter Rumpfstaat mit der Hauptstadt Bagdad im Zentrum, der über 80 Prozent der Erdöl- und Erdgasfelder verfügt. 

Schiiten und Sunniten

Welche Konsequenzen hat diese Spaltung für Europa?

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    Die Spaltung des Iraks führt dazu, dass sich der Islamische Staat zu einer dauerhaften Brut- und Ausbildungsstätte des sunnitischen Terrorismus entwickelt. Außerdem werden die Flüchtlingsströme ein bisher ungekanntes Maß annehmen.Aktuell sind 14 Millionen Menschen in Syrien und im Irak selbst und an den Grenzräumen dieser Länder auf der Flucht. Sowas hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben – und das ist erst der Anfang. Immer mehr von ihnen werden den Weg nach Europa suchen.

    Wilfried Buchta ist promovierter Islamwissenschaftler. Von 2005 an war er im Rahmen einer UN-Mission fünf Jahre im Irak. Insgesamt wohnte er rund 15 Jahre in verschiedenen Ländern des Nahen Osten. Quelle: Privat

    Im Irak und Syrien leben derzeit insgesamt 56 Millionen Menschen.

    Ja, und der Staat hat in den Augen der meisten von ihnen versagt und damit jede Legitimität verloren. Als Resultat erscheint ihnen das Leben dort kaum mehr lebenswert. Das gilt auch für den noch relativ stabilen schiitischen Teil des Iraks. Dort sorgt der von korrupten Machteliten dominierte Staat nur noch unzureichend für Daseinsvorsorge und Sicherheit seiner Bürger.

    Das heißt konkret?

    Bagdads Regierung gewährt ihnen weder einklagbare, zivile Bürgerrechte, noch schützt er sie vor Terroranschlägen. Schlimmer noch: Die Versorgung mit Strom, Trink- und Abwasser funktioniert nur noch höchst eingeschränkt. Alle diese Dinge machen eine gesellschaftliche Normalität fast unmöglich. De facto leben die Menschen dort in einem permanenten Ausnahme- und Kriegszustand. Das macht mich traurig. Ich habe von 2005 bis 2011 in Bagdad gelebt, habe in den Büros der dortigen UN-Friedensmission mit Schiiten, Sunniten und Kurden zusammengearbeitet.

    „Der Westen hat kaum Einfluss auf Dynamiken im Nahen Osten“

    Wie hat sich das Land seitdem entwickelt?

    Seit ich das Land verließ, ist der Grad der Zerstörung und innergesellschaftlicher Gewalt noch gewachsen. Das gleiche gilt für Syrien. Beide Länder sind mitten in einem blutigen schiitisch-sunnitischen Religionskrieg. Als Beobachter und unmittelbarer Zeitzeuge der Entwicklung im Irak in einer Abwärtsspirale aus Gewalt und Gegengewalt gefangen. Angesichts des tiefen Misstrauens und Hasses zwischen Schiiten und Sunniten sehe ich auch keine Aussicht auf Besserung. Es werden noch Abermillionen fliehen, die meisten in Richtung Europa – sei es über die Türkei oder über Libyen und das Mittelmeer. Und das ist nur ein Anfang. Aus meiner Sicht beginnt gerade eine Völkerwanderung von bisher nie gesehenem Ausmaß.

    Von Wilfried Buchta erschien im Campus-Verlag

    Wie kann der Westen dieser Situation im Nahen Osten begegnen?

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      Wir als Mitglieder der westlichen Staatengemeinschaft haben kaum noch Einfluss auf die internen Dynamiken in dieser Region. Wir können auf die führenden Politiker der Sunniten und Schiiten nur sehr begrenzt einwirken. Nach den Erfahrungen aus fünf Jahren der Arbeit als Mitglied in Vermittlungsteams der UN-Friedensmission in Bagdad, deren Schlichtungsbemühungen fast immer scheiterten, weiß ich eins: Wir können sie nicht zwingen, sich wieder zu versöhnen, wenn dafür bei ihnen der Wille und das nötige gegenseitige Vertrauen fehlt. Der Westen kann auch, so wie es die USA derzeit versuchen, den IS durch militärische Luftschläge und Drohnenattacken nicht zerstören.

      Aber die Militärschläge zeigen Wirkung. Die irakische Stadt Tikrit konnte von der Herrschaft des Islamischen Staats befreit werden – dank der US-Luftangriffe.

      Die Rückeroberung hat vier Monate gedauert. Und danach kam es zu Massakern durch schiitische Milizionäre, die Rache ausübten an den Sunniten, die aus ihrer Sicht mit dem IS kollaborierten. Solche Ereignisse stärken den Rückhalt des IS in der sunnitischen Bevölkerung. Die Sunniten haben kein Interesse daran, dass schiitische Milizionäre den IS zurückdrängen – sie befürchten, dass sich sonst ein schiitisches Besatzungsregime etabliert, in dem sie noch stärker unterdrückt werden, als das durch die IS-Herrschaft aktuell der Fall ist. Außerdem ist Tikrit eine vergleichsweise kleine Stadt. Mossul...

      ...eine Stadt im Irak, die seit Juni 2014 vom IS besetzt ist...

      Getötete und gefangen genommene Top-Terroristen

      ...ist zehn Mal so groß. Eine solche Stadt mit ihren zwei Millionen Einwohnern kann man nicht durch Luftschläge sturmreif schießen. Das würde Hunderttausende Opfer in der Zivilbevölkerung fordern, was letztendlich die Machtgrundlage des IS und den Rückhalt durch die Bevölkerung abermals stärken würde. Selbst wenn es gelänge, Mossul zu erobern – was so gut wie ausgeschlossen ist – würde die Eroberung nicht lange währen. Denn dann sind Aufstände der sunnitischen Zivilbevölkerung vorprogrammiert. Die Spaltung des Iraks wird sich immer mehr vertiefen. Sie ist nach meiner Ansicht nicht mehr rückgängig zu machen.

      Was kann der Westen also tun?

      Letztendlich bin ich wenig optimistisch, dass wir mit unseren begrenzten Mitteln im Irak und in Syrien eine Veränderung der Lage zum Positiven hin bewerkstelligen können. Dafür ist in der Vergangenheit zu viel falsch gelaufen.

      „Für den IS sind Militärs und ehemalige Geheimdienstler tätig“

      Sie meinen die Besetzung des Iraks durch die Amerikaner im März 2003?

      Der Staatszerfall begann nicht erst mit der Invasion der Amerikaner. Er reicht weit zurück in die Zeit des Sanktionsregimes, das zwölf Jahre währte.

      Als Folge der Besetzung Kuwaits durch den irakischen Diktator Saddam Hussein verhängte die Uno Sanktionen über den Irak. Das führte zu internationaler Isolierung und Verarmung weiter Teile der Bevölkerung.

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        Chronik der IS-Krise

        Infolgedessen machte sich Saddam Hussein die Religion zunutze, um trotz allem seine Macht zu sichern. Er baute hunderte Moscheen und gerierte sich als frommer Gläubiger. Islamische Organisationen konnten sich in diesem Klima nach jahrzehntelanger Unterdrückung wieder frei betätigen. Hussein versuchte diese Organisationen für seine Dienste einzuspannen. Er schmuggelte Funktionäre seiner Baath-Partei und Geheimdienstler in sie ein. Das ging allerdings schief.

        Das heißt?

        Die Eingeschleusten wechselten im Laufe der Jahre unmerklich die Seite. Das Resultat ist: Für den IS-Staat sind heute sehr viele gut ausgebildete, frühere Baath-Funktionäre und ehemalige Geheimdienstler tätig. Dazu trugen auch die US-Gefangenenlager bei, die nach der US-Invasion des Iraks aufgebaut wurden. Hier saßen sunnitische Gefangene jeglicher Couleur – egal ob säkulare Baathisten oder Dschihadisten – in einem Trakt. Das erleichterte die Verbrüderung ungemein.

        Die Führer des IS

        Das war nicht der einzige Fehler, den die Amerikaner während ihrer Besatzung begingen.

        Nein. Der größte war wohl, die frühere sunnitische Machtelite aus den Institutionen zu vertreiben, die Baath-Partei und später dann die überwiegend aus Sunniten bestehende Armee aufzulösen. Die Sunniten waren die machthabende Minderheit. Als all diese Organisationen auf Befehl der Amerikaner aufgelöst wurden, sind viele Sunniten arbeitslos geworden, verloren ihre Pensionsansprüche, ihren Dienstrang – all das, was sie sich ein Leben lang erarbeitet hatten. Das hat sie enorm verbittert und zur Folge gehabt, dass weitere gutausgebildete sunnitische Administratoren und Militärs in den Untergrund gingen und sich sunnitisch-arabischen Untergrundgruppen anschlossen und einen Aufstand führten gegen die US-Besatzungskräfte und gegen die von den Amerikanern an die Macht gebrachten Schiiten. Das gipfelte 2006 in einem Bürgerkrieg. In all diesem Chaos wurde ein idealer Nährboden geschaffen, auf dem der IS und seine Vorgängerorganisationen wachsen konnten.

        Ausland



        Wäre der IS ohne diese Köpfe so mächtig?

        Die Administratoren und Geheimdienstfachleute des IS, die zumeist aus der Baath-Machtelite stammen, sorgen dafür, dass der Islamische Staat überhaupt aufrechterhalten werden kann. Der IS hat ein feingesponnenes Überwachungs- und Kontrollsystem errichtet, das jeden potenziellen Widerstand im Keim erstickt, die Leute ausspioniert und Steuergeldzahlungen unterwirft.

        Hinzu kommen zahlreiche ehemals dem Baath-Regime gegenüber loyale professionelle Armeeoffiziere, die nach ihrem Seitenwechsel heute die Truppen des IS kommandieren. Sie sind in konventioneller Militärstrategie und in Guerilla-Kriegstaktiken gleichermaßen bewandert. Und eben diese Ex-Baath-Armee-Offiziere haben aus den IS-Truppen ein effizientes, schlagkräftiges Instrument gemacht, das der Westen nur schwer besiegen kann. Insofern ist meine Antwort: nein. Der dschihadistische Terror des IS wird uns noch über viele Jahre und womöglich Jahrzehnte bedrohen.

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