WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Islamischer Staat Die Sorgen der Türken

Der Vormarsch der terroristischen Gotteskrieger in Syrien löst eine gewaltige Flüchtlingswelle aus und erschüttert das Nachbarland Türkei.

Syrische Flüchtlinge in der Türkei Quelle: dpa

130 000 Menschen sind in vier Tagen über die syrische Grenze in nach Norden geflohen, hat der stellvertretende türkische Ministerpräsident Numan Kurtulmuş am (gestrigen) Montag in Ankara mitgeteilt. Ein Anstieg der Flüchtlingszahlen auf mehrere Hunderttausend sei möglich, sagte der Politiker, ein treuer Gefolgsmann von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, „aber wir haben Vorbereitungen getroffen“. Auf der Ebene der humanitären Notmaßnahmen mag das stimmen: bei der Aufnahme von Flüchtlingen ist die Middle-Income-Nation Türkei westeuropäischen Industriestaaten weit voraus. Auf politischer Ebene sind die Ereignisse in Syrien und im Irak eine Katastrophe für die Herrrscher der Türkei.

Denn die gemäßigt islamistische Erdoğan-Regierung kann sich nur mit Mühe gegen den Vorwurf wehren, sich selber unnötig in eine unerquickliche Lage gebracht zu haben: Auch elementare Flüchtlingshilfe kostet viel Geld, der Zustrom der kurdischen Syrer birgt die Gefahr neuer ethnischer Spannungen im türkischen Südosten, und im Westen wie in der arabischen Welt droht den Türken der Verlust fast aller Freunde.

Denn ohne die Duldsamkeit der türkischen Behörden gegenüber Dschihad-Tourismus und den Ölgeschäften der kalifatsstaatlichen Terroristen wäre der so genannte Islamische Staat (IS) heute gewiss nicht so stark: Hunderte, wenn nicht Tausende europäischer Möchtegern-Krieger sind in den vergangenen zwei Jahren über unkontrolliert über die türkische Südostgrenze zu ihren mörderischen Gesinnungsgenossen in Syrien gereist. Gemeinsam mit jungen Türken, von denen nach amerikanischen Presseberichten Dutzende in einer Ankaraer Moschee angeworben wurden, deren Prediger sonst als durchaus staatstreu gelten. Berichte ausländischer Medien über diesen Skandal beantworteten Erdoğans Leute mit Repressalien gegen eine Mitarbeiterin der „New York Times“ – fast schon ein Schuldeingeständnis.

Und niemand glaubt, dass die Freilassung der wochenlang von den Terroristen festgehaltenen türkischen Konsularbeamten im Nordirak ohne Gegenleistungen Ankaras möglich gewesen wäre. Die Türkei – das ist noch vorsichtig formuliert – gehört nicht zu der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat.

Aber warum ist das so? Nicht, weil die Erdoğan-Islamisten mit den Kopfabhackern des Kalifen gleichzusetzen wären, das zu meinen wäre ignorant. Wohl aber glauben Erdoğan und sein neuer Ministerpräsident und bisheriger Außenminister Davutoğlu allen Ernstes, die Türkei könne sich außenpolitisch zur führenden Macht der Region aufschwingen, indem sie in allen denkbaren Konflikten in den Nachbarländern die jeweiligen sunnitischen Muslime gegen Un- und Andersgläubige unterstützt. Für die Balkanstaaten hat Davutoğlu – im Privatberuf Politologieprofessor – diese These in einem umfangreichen Buch untermauert. In Ägypten haben er und Erdoğan mit dieser Politik Schiffbruch erlitten, als der islamistische Präsident Mohammed Mursi vom Militär gestürzt wurde. In Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wichtige, konservativ-islamische Wirtschaftspartner der Türkei, ist Erdoğan nicht mehr wohl gelitten: König Abdullah von Saudi-Arabien hat sich mit Worten (Geld und Soldaten ist eine andere Sache) an die Spitze des Kampfes gegen den Islamischen Staat gestellt. Wogegen die Türkei bislang verhindern will, dass der große Partner USA den Militärflughafen İncirlik für Angriffe gegen die Islamstaatsterroristen nutzt.

Hinter dieser Politik Ankaras steht natürlich nicht nur religiöse Emotion, aber die anderen Motive sind genauso problematisch. Erdoğan hat die Kalifats-Terroristen anfangs vor allem unterstützt, weil sie ihm als stärkste Hilfstruppe beim erstrebten Sturz der syrischen Assad-Diktatur erschienen. Übersehen hat er dabei, dass Baschar al-Assad die Terroristen strategisch schlau nutzte, die prowestlichen Oppositionskräfte in seinem Land in die Enge zu treiben und sich anschließend als geringeres Übel im Bürgerkrieg zu präsentieren. Übersehen hat er auch, dass die sunnitischen Terroristen als Gegengewicht zu den aus türkischer Sicht eher unheimlichen syrischen Kurden gerade darum nicht taugten, weil sie diese Volksgruppe nicht nur militärisch bedrohten, sondern mit einem Ausrottungskrieg überziehen wollten.

Fakten zum Terror im Irak

Und das schafft in der Türkei ein Flüchtlingsproblem mit gewaltigen innenpolitischen Folgen: Würde Erdoğan und seine Leute jetzt gemeinsam mit den türkischen Kurden doch noch den Kampf gegen IS organisieren, mobilisiert er die ultranationalistische türkischen Nationalisten gegen sich. Deren Partei schart immerhin bei allen Parlamentswahlen gut zehn Prozent der Türken hinter sich, und eine friedliche Oppositionspartei ist das keineswegs. Scheut Erdoğan darum aber vor einem Bündnis mit den Kurden zurück, würde seine große innenpolitische Leistung zunichte: die Integration der jahrzehntelang aufständischen und blutig unterdrückten anatolischen Kurden in den türkischen Staat.

Davutoğlu hatte als Außenminister immer wieder verkündet, die Türkei strebe „null Probleme mit allen Nachbarn“ an. Jetzt, wo die Probleme fast unlösbar werden, beteuert er, IS sei keine Gefahr für die Türkei, weil dank guter Schulbildung junge türkische Muslime immun seien gegen die dschihadistische Propaganda. Mit seinen wirklichen Sorgen hat das nichts zu tun.   

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%