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Islamisten an der Macht Erdogan und die AKP begraben die säkulare Türkei

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Die Putschisten waren Kemalisten, nicht Gülen-Anhänger

EU-Politiker weigern sich, diese Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und haben der AKP-Türkei 2005 durch Beitrittsverhandlungen die Tür zur EU geöffnet, ohne zu wissen, was sie hereinlassen. Die Ereignisse nach dem Putschversuch veranlassen dieselben EU-Politiker, die Tür wieder zu verschließen, ohne dies offen auszusprechen. Der Einzige, der dies tut, ist der dreißigjährige Außenminister Österreichs Sebastian Kurz. Hierfür erntete er den Vorwurf der islamistischen AKP, er und ähnlich denkende EU-Politiker seien Rechtspopulisten. Es ist lächerlich, dass gerade die fundamentalistische AKP sich einer Sprache bedient, die sonst europäische Linke gegen ihre Kritiker benutzen. 

Nochmals: Der gescheiterte Putsch des Militärs vom 15. Juli ist nicht von der Gülen-Bewegung, sondern von kemalistischen Militärs durchgeführt worden – leider dilettantisch. Was die AKP im faschistischen Jargon „Säuberung“ nennt, zielt nicht nur auf die Gülen-Bewegung, sondern auch und vor allem auf die Kemalisten in Justiz und Streitkräften. Mich hat es erschüttert, in den ZDF-Nachrichten einen EU-Politiker zu sehen, der in Ankara den AKP-Politikern das Verständnis der EU für „Säuberungen“ übermittelt, jedoch mit der Bitte, dies müsse „rechtsstaatlich vollzogen werden“. Säuberungen rechtsstaatlich? Wie?

Wenn ich stets wiederhole, dass der Konflikt nicht zwischen der AKP und der Gülen-Bewegung stattfindet, dann muss ich auf diese islamistische Bewegung eingehen. Ich weiß als Türkei-Experte, wie gefährlich sie ist und dass sie gleichsam wie eine Giftschlange schleichend handelt. Man sieht diese Schlange nicht, sondern fühlt sie erst, wenn sie beißt und ihr Gift einfließt.  Nun ist der heute im US-Exil lebende Prediger Gülen global gesehen mächtiger und bei weitem intelligenter als Erdogan. Er ist eigentlich ein weitaus gefährlicherer Islamist als Erdogan. Bayram Balci belegt in seiner Dissertation, dass die Gülen-Bewegung zunächst eine Islamisierung der Türkei und dann eine globale Verbreitung des Islam als Ziel verfolgt. Die Stärke der Gülen-Bewegung ist das leise Hineinschleichen in Institutionen auf der Basis der islamistischen Indoktrination vor allem in Schulen. Nach außen zeigt sie ein anderes Gesicht, nämlich das des „Dialogs der abrahamitischen Religionen“. In diesem Rahmen ist es Gülen sogar gelungen, eine Audienz beim Papst zu bekommen, welche als Propaganda verwendet wird.

Gülen und Erdogan waren bis 2013 Freunde und Verbündete. Rachel Sharon-Krespin weist in ihrem Aufsatz „Fethullah Gülen‘s Grand Ambition“ (Middle East Quarterly) anhand türkischer Quellen nach: AKP und Gülen-Bewegung verfolgen dieselben Ziele und haben dieselbe Ideologie. Die seit 2013 bestehende Feindschaft zwischen Erdogan und Gülen ist lediglich eine innerislamistische persönliche Fehde, aber kein politischer Konflikt.

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