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Israels Botschafter Europäer, denkt um!

Europa sollte seine Sichtweise auf den Nahen Osten dringend überdenken, schreibt Israels Botschafter in Deutschland - dann könne der Kontinent eine wichtige Rolle spielen.

Europa muss seine konzeptionellen Denkansätze gegenüber dem Nahen Osten ernsthaft überdenken um Stabilität im Nahen Osten zu schaffen. Quelle: AP

Vor fast 100 Jahre schlossen die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs eine geheime Übereinkunft: das Sykes-Picot-Abkommen, worin die zwei Mächte ihre Interessensgebiete im Nahen Osten voneinander abgrenzten. Dieses Abkommen bestimmt bis heute den Verlauf vieler Staatsgrenzen.

Doch im Lichte der dramatischen Veränderungen, die gerade jetzt im Nahen Osten stattfinden, sollten die Länder Europas ihre Sichtweise auf die ganze Region dringend überdenken. Es ist Zeit für einen analytischen Neustart. Die jetzigen eingefahrenen Positionen Europas gegenüber dem Nahen Osten führen zu einer falschen Analyse mit dramatischen Auswirkungen, unter denen die Region heute leidet und noch viele Jahre lang leiden wird.

Dieser Prozess des Umdenkens muss mit der klaren Identifikation jener Kräfte beginnen, die für die jüngsten Veränderungen in der Region verantwortlich sind – sowohl innerhalb der Grenzen der bestehenden Staaten wie auch über die Grenzen hinweg. Ein kurzer Blick auf die 1916 festgelegten künstlichen Abgrenzungen reicht aus, um festzustellen, dass sie mit den heute dominierenden Loyalitäten und Zugehörigkeitsgefühlen im Nahen Osten nicht übereinstimmen. Zu welchem Kollektiv Menschen sich heute im Nahen Osten zugehörig fühlen, hat mit einer religiösen, ethnischen und stammesmäßigen Identitäten viel mehr zu tun als mit Staatsangehörigkeit.

Fünf Fakten über Israel

Die Ereignisse des Arabischen Frühlings (oder auch Winters) von 2010 haben das sehr schnell deutlich gemacht. Die Mehrheit der westlichen Welt – gerade in Europa – sah die Entwicklungen in Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien oder dem Irak anfangs als einen authentischen Konflikt zwischen liberalen, säkularen, demokratischen Gruppen einerseits und korrupten Diktatoren andererseits.

Die entsprechende Hoffnung verflog schnell, als fundamentalistische, radikale Kräfte in diesen Ländern die Gelegenheit des Machtumbruches nutzten, um sich neu zu formieren und ihre Unterstützer zu mobilisieren. Diese radikalen Kräfte hatten und haben noch immer zwei klare Ziele: Die Errichtung eines fundamentalistischen Gottesstaates, basierend auf islamischem Recht, und die klare Trennung zwischen islamischen und säkularen, moderaten Elementen.

Während diese simplistischen Ideen den Unterstützern der Extremisten zu einem klaren Weltbild verhelfen, stehen auf der anderen Seite in diesen Ländern verlässlich demokratische: Deren Stimmen und Anstrengungen gehen aber unter, weil sie, im Gegensatz zu den Radikalen, keine klaren Ziele für sich definiert haben.

Die Situation heute wird hauptsächlich durch den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und zwischen radikalen und moderaten Gruppen bestimmt. Es scheint, dass dieser Konflikt die Realität im Nahen Osten noch über Jahre prägen wird.

Traurigerweise ist es wahrscheinlich, dass politische und sicherheitspolitische Instabilität im Nahen Osten weiterbrodeln wird, und somit weitere ungefestigte Herrschaftsgebiete entstehen, die man „jelly states“ nennen kann, Gebilde so stabil und so unstabil wie ein Pudding.

Auf der einen Seite sind das Länder, deren ursprüngliche Grenzen zwangsweise Veränderungen durchlaufen werden; sie haben in Zukunft keine effektive zentrale Regierung und keine funktionierenden Gesellschaften mehr. Zugleich behindert dieser verstärkte interne Konflikt die Bemühungen der rationalen und moderaten Kräfte der Region.

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