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IWF- und Weltbank-Tagung Devisenstreit und Währungschaos

Die IWF- und Weltbank-Tagung wird von der Sorge um einen Abwertungswettlauf der westlichen Währungen überschattet. Auch sonst gibt es reichlich Zündstoff.

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Währungsturbulenzen: Die Quelle: dpa

Die Gefahr weltweiter Währungskonflikte ist in den Fokus des Jahrestreffens von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank gerückt. Das Programm für Ende dieser Woche in Washington wurde kräftig zusammengestrichen und gestrafft; die Finanzminister und Notenbankchefs der wichtigsten Wirtschaftsnationen (G20) verzichten gar ganz auf ein Wiedersehen. Schließlich kommt die einflussreiche Runde schon in zwei Wochen in Südkorea zusammen. Doch trotz der eingedampften Tagesordnung ist das Treffen in der US- Hauptstadt nicht minder brisant. Denn die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben westlichen Industriestaaten (G7) ziehen sich am morgen Abend zu Beratungen zurück.

Das heftige Wetteifern um billige Devisen - das Wort „Welt- Währungskrieg“ macht die Runde - beunruhigt den Club der Reichen Länder. Auch wenn mit China einer der Hauptakteure nicht am Tisch sitzt und die G7 längst nicht mehr die Bedeutung von einst haben. IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn signalisiert Besorgnis. „Es beginnt sich die Ansicht zu verbreiten, dass Währungen als politische Waffe eingesetzt werden können“, sagte er der „Financial Times“ Dies könne die globale Konjunkturerholung ernsthaft bedrohen. Weltbank- Präsident Robert Zoellick mahnt derweil zur Vorsicht mit großen Begriffen: „Ich sehe nicht, dass wir in eine Ära der Währungskriege eintreten, aber es wird klar Spannungen geben.“

Abwertungsstreit wird zur Bedrohung

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat China im Währungsstreit attackiert. Sollte die Volksrepublik ihre Währung nicht stärker aufwerten, könnte es zu einer neuen Krise kommen, sagte Strauss-Kahn der französischen Zeitung „Le Monde. „Die Unterbewertung des Yuan ist die Quelle von Spannungen in der Weltwirtschaft, die dabei sind, zu einer Bedrohung zu werden.“ Die USA und die EU-Kommission werfen China vor, den Wechselkurs des Yuan künstlich niedrig zu halten und sich damit unfaire Vorteile im Außenhandel zu verschaffen. Der Konflikt dürfte das morgen beginnende Treffen der Finanzminister der sieben wichtigsten Industriestaaten (G7) bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds bestimmen. Zuletzt wurden gar Warnungen vor einem Währungskrieg zwischen Industrie- und Schwellenländern laut.

Ein weiteres Thema des G7-Treffens dürften Interventionen an den Devisenmärkten sein. Hier wurden Differenzen zwischen IWF und Weltbank deutlich. Weltbank-Präsident Robert Zoellick vermied in einem Interview jede Kritik an Japan und anderen Ländern, die in den vergangenen Wochen am Devisenmarkt aktiv wurden, um den Kurs ihrer Landeswährungen zu drücken. „Weder pflichte ich ihnen bei noch kritisiere ich sie“, sagte Zoellick der japanischen Zeitung „Nikkei“. Der stellvertretende IWF-Chef Naoyuki Shinohara machte dagegen deutlich, dass er dauerhafte Eingriffe in den Markt strikt ablehnt. „Es ist absolut nicht wünschenswert für ein Land, ständig zu intervenieren, um Währungen auf einem bestimmten Niveau zu halten“, sagte er. Der IWF-Vize warnte Japan vor erneuten Eingriffen: "Das wird die Märkte verzerren."

Japan hatte im September fast 40 Milliarden Dollar gekauft, nachdem der Yen auf ein 15-Jahres-Hoch zur US-Währung gestiegen war. Der hohe Yen-Kurs belastet Japans Exportwirtschaft. Außerdem hatte Brasilien versucht, die heimische Währung Real zu drücken. Dazu hat das rasch wachsende Schwellenland den Steuersatz für ausländische Kapitalzuflüsse verdoppelt. Zoellick sprach sich zwar auch für eine Aufwertung der chinesischen Währung aus. Dies werde aber nicht alle Probleme lösen, machte der Weltbank-Chef deutlich.

Streitthemen gibt es auch sonst reichlich. Bei der seit Jahren diskutierten Reform des IWF dürfte es auch in Washington noch keinen Durchbruch geben. Bis Jahresende müssen die Machtverhältnisse bei der internationalen Krisen-Feuerwehr endlich geregelt sein. Noch ziehen Europäer, die USA und aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China, Indien und Brasilien in verschiedene Richtungen. Vor allem Schwellenländer sollen mehr Einfluss bekommen - entsprechend ihres größeres Gewichts in der Weltwirtschaft. Deutschland ist zu Zugeständnissen bereit und würde sich sogar von Quotenanteilen trennen, sollten auch andere „überrepräsentierte“ Länder mitziehen. Die Quoten entscheiden nicht nur über Einfluss und Stimmrechte beim IWF, sondern auch über den Umfang möglicher Kredite und Zahlungsverpflichtungen. Deutschland ist mit einer Quote von rund 6,1 Prozent im IWF inzwischen zu stark vertreten. Boomländer wie die Exportmacht China dagegen sind beim IWF weit unterrepräsentiert.

Top-Posten und Regulierung

Hoch hergehen dürfte es auf der IWF-Tagung auch bei der Besetzung von Top-Posten. Die USA wollen das Exekutivdirektorium des IWF von 24 auf 20 verkleinern – zu Lasten der Europäer. Die EU hat angeboten, auf zwei ihrer derzeit neun Sitze in dem Gremium zu verzichten, wenn andere Länder sich ebenfalls kompromissbereit zeigen. Die Europäer hatten zudem einen Verzicht auf die bisherige Machtteilung zwischen Europäern und Amerikanern ins Spiel gebracht. Dies betrifft die Regel, nach der der Chef des IWF aus Europa und der Weltbank-Chef aus den USA kommt. Das Gerangel um die Neuverteilung der Macht zerrt an den Nerven der Akteure.

Die Dauerbrenner Finanzmarktregulierung, ein Frühwarnsystem, eine wirksamere Krisenbekämpfung und die enorme Staatsverschuldung in Folge der Krise stehen ebenfalls in Washington auf der Tagesordnung. Auch die lauten Mahnungen des IWF, die globalen Wirtschafts- Ungleichgewichte zwischen Überschussländern wie China und Defizitstaaten wie den USA endlich anzugehen, dürften nicht ungehört verhallen. „Das ist eine dringende Angelegenheit, um die man sich kümmern muss“, meint IWF-Chefökonom Olivier Blanchard.

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