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Jakiw Palij USA schieben früheren KZ-Aufseher nach Deutschland ab

Die USA haben einen früheren KZ-Aufseher nach Deutschland abgeschoben. Der 95-jährige Jakiw Palij soll Aufseher im besetzten Polen gewesen sein.

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Nachdem er viele Jahre eine Beteiligung an den NS-Kriegsverbrechen geleugnet hatte, wurde Jakiw Palij 2003 die amerikanische Staatsbürgerschaft entzogen. Quelle: AP

Berlin Die USA haben einen früheren Aufseher des Zwangsarbeitslagers Trawniki nach Deutschland ausgewiesen. Die Abschiebung des 95-jährigen Jakiw Palij sei am frühen Dienstagmorgen erfolgt, erklärte das Weiße Haus. Ein Richter hatte die Ausweisung bereits 2004 angeordnet, doch wollte kein Land ihn aufnehmen. Er lebte in New York.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er seine Rolle im Lager Trawniki im besetzten Polen verschleiert. Er gab sich gegenüber den US-Behörden als Bauer und Fabrikarbeiter aus und konnte so 1949 in die USA einreisen, wo er jahrelang unbehelligt zunächst als technischer Zeichner und dann als Rentner lebte.

Vor 25 Jahren wurde er von Ermittlern erstmals mit seiner Rolle während des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Ein anderer früherer Lageraufseher hatte den Hinweis gegeben, dass Palij „irgendwo in Amerika“ lebe.

Palij gab 1993 gegenüber Ermittlern des Justizministeriums zu, falsche Angaben gemacht zu haben. „Ich hätte niemals mein Visum bekommen, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte. Alle haben gelogen.“ Er räumte ein, in Trawniki gedient zu haben, bestritt aber, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein.

Laut Justizministerium diente er 1943 im Lager Trawniki. Laut einer Beschwerdeschrift des Justizministeriums diente Palij in einer Einheit, „die Gräueltaten gegenüber polnischen Zivilisten und anderen verübte“, sowie im berüchtigten SS-Bataillon Streibel. Bei einer zweiten Befragung 2001 unterzeichnete er ein Dokument, in dem er einräumte, Wachmann in Trawniki und Mitglied des Bataillons Streibel gewesen zu sein. Hätte er es abgelehnt, als Wachmann zu arbeiten, hätte ihn das das Leben gekostet, sagte er.

2003 entzog ihm ein Richter die Staatsbürgerschaft wegen „Beteiligung an Aktionen gegen jüdische Zivilisten“ während seiner Zeit als bewaffneter Aufseher im Lager Trawniki.

Ein Jahr später wurde seine Deportation angeordnet. Deutschland, Polen, die Ukraine und andere Staaten lehnte eine Aufnahme Palijs jedoch ab. Dass er viele Jahre weiter in seinem Haus im Stadtteil Queens lebte, empörte die jüdische Gemeinde. Häufig kam es zu Protesten. Palij und seine Frau hatten das Haus 1966 von einem polnisch-jüdischen Ehepaar gekauft, das den Holocaust überlebt hatte und von Palijs Vergangenheit nichts wusste.

Der Deportation vom Dienstag gingen nach Angaben des Weißen Hauses wochenlange diplomatische Verhandlungen voraus, denen Präsident Donald Trump Priorität eingeräumt habe. „Durch weitreichende Verhandlungen sicherten Präsident Trump und sein Team Palijs Deportation nach Deutschland und brachten die gemeinschaftlichen Bemühungen der USA mit einem wichtigen europäischen Verbündeten voran“, erklärte das Weiße Haus.

Es war die erste Deportation eines mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers seit dem Fall John Demjanjuk. Deutschland hatte sich 2009 bereit erklärt, den in Ohio lebenden Demjanjuk aufzunehmen. Er wurde 2011 schuldig gesprochen, als Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen an der Ermordung von mehr als 28 000 Menschen beteiligt gewesen zu sein. Gegen das Urteil legte er Revision ein, zehn Monate nach dem erstinstanzlichen Urteil starb er im Alter von 91 Jahren.

Palij war nun der letzte mutmaßliche NS-Verdächtige in den USA, für den eine Deportationsanordnung galt.

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