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Japan „Der Geldpolitik gehen die Optionen aus“

Sayuri Shirai ist Ökonomie-Professorin an der renommierten Keio-Universität in Tokio. Quelle: Bloomberg Finance, Akio Kon

Ex-Notenbankerin Sayuri Shirai sieht die japanische Zentralbank in einer Sackgasse – und warnt vor den ökonomischen Gefahren ausufernder Aktienkäufe durch die Bank of Japan.

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Sayuri Shirai ist Ökonomie-Professorin an der renommierten Keio-Universität in Tokio. Zuvor arbeitete sie unter anderem für den Internationalen Währungsfonds. Von April 2011 bis März 2016 war sie Mitglied im „Policy Board“ der Bank of Japan.

WirtschaftsWoche: Japans Notenbank diskutiert seit Dezember über ihre Strategie und will das Ergebnis am 19. März verkünden. Welche Motive vermuten Sie hinter diesem Schritt?
Sayuri Shirai: Es könnte daran liegen, dass die Aktienkurse seit Herbst 2020 überbewertet sind. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass die regierende Liberaldemokratische Partei in Japan um den März herum Unterhauswahlen durchführt. Daher würde es der Regierung nicht schaden, falls das Ergebnis der Neubewertung als eine Straffung oder als ein Schritt in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik angesehen wird.

Was ist mit den Finanzmärkten? Hält man eine Überprüfung für notwendig?
Zum letzten Mal hat die Bank of Japan (BoJ) ihre Geldpolitik im September 2016 überprüft. Damals stieg sie vom Prinzip des Quantitative Easing auf eine gezielte Steuerung der Zinskurve um. Die zehnjährige Rendite japanischer Staatsanleihen soll seitdem nur 20 Basispunkte um die Marke von 0,0 Prozent schwanken. Aber selbst mit diesem Strategiewechsel hat die Notenbank ihr Inflationsziel von zwei Prozent nicht erreicht. Gleichzeitig kritisierten Ökonomen und Anleger, dass die Zentralbank die Anleihe- und Aktienmärkte zu stark beeinflusst. Manche sprechen sogar von Manipulation. Auch haben die Regierung und die Notenbank ihre Politik während der Pandemie verstärkt koordiniert. Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle Überprüfung zeitgemäß und sinnvoll.



Manche Investoren sind nervös, was das Ergebnis dieser Überprüfung angeht. Welche Entscheidungen erwarten Sie?
Einige Analysten legen sich darauf fest, dass das Null-Prozent-Ziel für die Zehn-Jahres-Rendite auf die Fünf-Jahres-Rendite verschoben wird. Das wäre eindeutig eine Straffung der Geldpolitik, weil die Zinskurve steiler würde. Andere sagen, dass die Bank of Japan die 10-jährige Rendite freier schwanken lassen könnte. Mein Vorschlag wäre, das Zehn-Jahres-Zielband auf 40 Basispunkte um 0,0 Prozent herum zu erweitern. Dieser Schritt würde die Marktfunktionen verbessern und der Bank of Japan mehr Flexibilität in ihren Anleihekäufen geben. Ich erwarte keine Änderungen, die als monetäres Tapering angesehen werden könnten. Gouverneur Haruhiko Kuroda hat bereits betont, dass sich der aktuelle geldpolitische Rahmen einschließlich der Steuerung der Zinskurve und der Ankäufe von Vermögenswerten nicht ändern wird.

Für nicht wenige Beobachter hat sich die BoJ in eine geldpolitische Sackgasse manöviert. Teilen Sie diese Kritik?
In der Tat gehen der Bank of Japan die Optionen aus. Ein noch tieferer Negativzins würde die Profitabilität der Banken reduzieren. Wenn man bedenkt, dass sie die Kreditvergabe an Firmen, die durch COVID-19 geschädigt wurden, erhöhen müssen, ist eine weitere Belastung der Banken unwahrscheinlich. Die Notenbank hat bereits die Notkreditvergabe an Banken vom März dieses Jahres um weitere sechs Monate verlängert. Eine Senkung des Zehn-Jahres-Renditeziels von 0,0 Prozent ist auch unwahrscheinlich, da dieser Schritt Versicherer in Bedrängnis bringt, die positive Renditen für ihre langfristigen Anlagen benötigen.

Was würden Sie Gouverneur Kuroda vorschlagen? Sie saßen ja selbst fünf Jahre im Leitungsgremium der Bank of Japan, davon drei Jahre an seiner Seite.
Nun, sie könnte neue Ansätze zur Ökologisierung der japanischen Wirtschaft verfolgen, indem sie grüne Anleihen kauft und Banken, die grüne Kredite vergeben, mehr Vorteile gewährt. Sie könnte auch grüne Aktien-Indexfonds auflegen und kaufen, die sich aus Aktien von weniger kohlenstoffintensiven Unternehmen zusammensetzen. Beides steht im Einklang mit der Verpflichtung von Premierminister Yoshihide Suga, die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf null zu reduzieren. Die derzeitige Geldpolitik verschafft allen Unternehmen unabhängig von ihren Klimaemissionen gleichermaßen günstige Finanzierungskosten. Dies widerspricht den Bemühungen der Regierung. Vielleicht sehen wir daher in zehn Jahren einen völlig anderen geldpolitischen Rahmen.

Die Hauptkritik der Investoren richtet sich gegen die Aktienindexfonds-Käufe der Notenbank, die mittlerweile sieben Prozent des Topix mit seinen 2200 Gesellschaften besitzt. Wo sehen Sie die größten Gefahren dieser Entwicklung?
Die massiven Anteilskäufe von Nikkei- und Topix-Indexfonds führen zu einer weiteren Reduzierung der im Umlauf befindlichen börsennotierten Aktien. Da viele japanische Firmen nach wie vor strategische Beteiligungen auf Gegenseitigkeit halten, verursachen die Käufe auch eine Überbewertung der im Topix enthaltenen kleinen Unternehmen. Sie schrecken zudem von Restrukturierungen ab, weil sie die Preise aller börsennotierten Aktien erhöhen. Und da die Bank of Japan kauft, wenn die Aktienkurse fallen, wird das Abwärtsrisiko reduziert. Dies wirft die Frage auf, ob die Aktienkurse wirklich die fundamentalen Werte widerspiegeln.

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Wird die Notenbank ihre Aktienkäufe verringern?
Aus den Bemerkungen von Gouverneur Kuroda und anderer Vorstandsmitglieder geht klar hervor, dass man das derzeitige Tempo der Indexfondskäufe nicht fortsetzen will. Viele Beobachter sind der Ansicht, dass sie das jährliche Tempo der Käufe deutlich unter das aktuelle Jahresziel von sechs Billionen Yen (47 Milliarden Euro) verringern wollen. Einige sind der Meinung, dass das Kaufvolumen auf zwei bis vier Billionen Yen jährlich reduziert werden kann. Allerdings bietet der jetzige Rahmen der Geldpolitik bereits heute diese Flexibilität.

Wäre diese Flexibilisierung für Investoren und Geldpolitiker gleichermaßen ausreichend?
Die Marktteilnehmer erwarten die Käufe der Notenbank immer dann, wenn die Aktienkurse schwach sind. Dies macht es ihr unmöglich, ihre Aktienbestände zu reduzieren. Zudem führen ihre Käufe zu einer Einkommens- und Vermögensdisparität unter den Japanern. Außerdem nimmt die Notenbank übermäßige Risiken in ihre Bilanz. Falls die Aktienkurse länger fallen, würde sie gesamtes Eigenkapital aufbrauchen. Daher sollte die Bank of Japan meiner Ansicht nach überhaupt keine Indexfonds kaufen, wenn die Aktienkurse überbewertet sind.

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