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Japan Experiment in Echtzeit

Japans Regierungschef Shinzo Abe festigt seine Machtbasis mit dem Sieg bei der Oberhaus. Jetzt kann er seine nationalistischen und wirtschaftlichen Ziele gestärkt angehen. Dabei muss er unterschiedliche Erwartungen erfüllen. Doch seine Strategie und sein ökonomischer Nationalismus bergen enorme Risiken.

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Die Japaner kaufen wieder ein, bevor es teuer wird Quelle: Laif

In der „Mercedes-Benz Connection“ in Tokio, dem Aushängeschild der Stuttgarter Premiummarke in Japans Hauptstadt, häufen sich die Anfragen nach teuren Sportwagen. Viele Interessenten möchten einen Teil ihres gewachsenen Vermögens in einen Mercedes-Benz AMG stecken, berichtet Geschäftsführer Daisuke Nakayama. Bei den Uhren- und Schmuckgeschäften in Tokio klingeln ebenfalls die Kassen. Auch der private Hausbau erlebt einen Boom: Die Banken heben neuerdings die Hypothekenzinsen im monatlichen Rhythmus an. Erstmals seit zwei Jahrzehnten steigen die Grundstückspreise für Wohnimmobilien. „Die Häuslebauer sind in Torschlusspanik, da auch Baumaterial und Handwerker teurer werden“, sagt Architekt Sumio Takano.

Seit mehr als zehn Jahren konnten sich die Japaner auf stagnierende oder fallende Preise für Waren, Dienstleistungen und Immobilien verlassen. Doch jetzt soll der Schrumpfprozess von Preisen und Einkommen ein Ende haben. Japans Regierungschef Shinzo Abe will die Notenpresse anwerfen und mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen Inflation und Wachstum kräftig ankurbeln.

Seit Mai pumpt die ohnehin nur noch auf dem Papier unabhängige Bank von Japan so viel Geld wie keine andere Zentralbank in die Wirtschaft. Binnen zwei Jahren soll die Inflation auf zwei Prozent klettern. Die Botschaft scheint anzukommen: Mehr als vier Fünftel der Japaner stellen sich auf steigende Preise ein.

Japans Lage

Mit der „Abenomics“ genannten Strategie trotzt Japan dem globalen Trend zum Sparen. Trotz eines gewaltigen Schuldenbergs von umgerechnet 7,7 Billionen Euro leistet sich Japan einen Staatshaushalt mit einer Neuverschuldung von umgerechnet 370 Milliarden Euro. Allein 77 Milliarden Euro investiert die Regierung auf Pump in die Sanierung von Brücken und Tunnel. Die zusätzlichen Staatsausgaben sollen die Nachfrage ankurbeln, ganz nach der Theorie des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Die monetären und fiskalischen Stimuli will Abe durch Strukturreformen ergänzen. Diese sollen das langfristige Wachstumspotenzial erhöhen.

Ökonomen diskutieren die Erfolgschancen dieser „drei Pfeile“ der Abenomics kontrovers. Der Chefvolkswirt von Assenagon Deutschland, Martin Hüfner, spricht vom „größten wirtschaftspolitischen Experiment der Nachkriegszeit“ – und warnt, es könnte in ein Fiasko münden. Dagegen stellt Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman Japan als Vorbild dar: Das Erstaunliche an Abenomics sei, dass kein anderes Industrieland Ähnliches versuche, so Krugman.

Die Wähler scheint Abe überzeugt zu haben. Zuletzt deuteten Umfragen darauf hin, dass seine konservative Koalition bei der Wahl zum Oberhaus am 21. Juli die Mehrheit gewinnt. Die Wähler, so scheint es, belohnen Abe dafür, dass Japans Wirtschaft zu Jahresbeginn stärker als alle anderen großen Industrienationen gewachsen ist.

Abe hat nun drei Jahre Zeit, seinen Modernisierungsplan umzusetzen. Doch seine Begründung für die radikale Wirtschaftspolitik lässt aufhorchen: „Ein Land, das seine ökonomische Macht verloren hat, kann keine Stärke in Diplomatie und nationaler Sicherheit zeigen“, erklärt Abe. Beobachter fürchten, dass sich hinter der wirtschaftspolitischen Expansionsstrategie ökonomischer Nationalismus verbirgt, der sich vor allem gegen China richtet.

So hat Abe erstmals seit vielen Jahren die Verteidigungsausgaben erhöht, zudem will er den seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Verfassungspazifismus überwinden. Seine patriotischen Appelle tragen zum Teil revisionistische Züge: Abe redet die Kriegsschuld Japans herunter und provoziert dadurch die Opfer der japanischen Aggression in Asien. Das Gefühl neuer wirtschaftlicher Stärke könnte eine Konfrontation mit China auslösen. Ein Machtkampf in Asien aber wäre nicht nur Gift für Nippon, sondern auch für die Weltwirtschaft.

Glückliches Timing

Japans Regierungschef Shinzo Abe Quelle: dpa

Beim Timing seines Kurswechsels hatte Abe bisher das Glück auf seiner Seite. Die USA schicken sich nach vier Krisenjahren an, wieder die Rolle der Lokomotive für die Weltkonjunktur zu übernehmen. Amerika hat China als Japans größter Handelspartner abgelöst. Zugleich stützt die Erholung in den USA den Wechselkurs des Dollar gegenüber dem Yen. Mit dem Rückenwind des schwachen Yen segeln Japans Exporteure auf Erfolgskurs. Toyota etwa rechnet für dieses Jahr mit einem Rekordgewinn. Auch die Stahlproduzenten freuen sich. „Stahl aus Hochöfen in Japan wird wettbewerbsfähiger“, jubelt Katsuhiko Ota, Vizechef des Branchenführers Nippon Steel.

Zudem mache der schwache Yen der hartnäckigen Deflation den Garaus, erwartet Masayuki Kichikawa, Chefvolkswirt von Merrill Lynch in Tokio. Allerdings haben Japans Bürger bisher gut mit sinkenden Preisen gelebt. Die moderate Deflation sicherte den Senioren hohe Realzinsen auf ihre Sparvermögen. Zudem stützte sie die Kaufkraft der Arbeitnehmer, deren Löhne seit Ende der Neunzigerjahre im Trend zurückgehen.

Doch auf die Interessen der Sparer und Arbeitnehmer will Abe keine Rücksicht mehr nehmen. Angeblich, weil sinkende Preise die Nachfrage bremsten und die Unternehmensgewinne belasteten. Tatsächlich aber dürfte es ihm um etwas anderes gehen: Die Rückkehr zur Inflation soll den riesigen Schuldenberg des Staates in realer Rechnung abschmelzen. Mit über 240 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegen die Staatsschulden Japans so hoch wie in keinem anderen Industrieland der Welt.

Der Weg zur Reflationierung der Wirtschaft soll über die Notenpresse und die damit verbundene Schwächung des Yen erfolgen. Seit Anfang des Jahres hat der Yen gegenüber den wichtigsten Handelspartnerwährungen bereits um rund 20 Prozent an Wert verloren. Viele Unternehmen müssen für Einfuhren nun deutlich mehr Geld auf den Tisch legen. Im Mai protestierten Hunderte Lastwagenfahrer vor der Zentrale der regierenden Liberaldemokraten gegen höhere Dieselpreise. „Die Exporteure gewinnen, die kleinen Firmen verlieren“, analysiert Izumi Devalier, Japan-Ökonomin von HSBC in Hongkong. Das erschüttere das Vertrauen in Abenomics.

Das Kleinunternehmen Matsushita nahe Tokio ist für seine Produktion von Natto, einem japanischen Lebensmittel aus Sojabohnen, auf Importe angewiesen – von den Sojabohnen bis zur Verpackung. „Wegen der scharfen Konkurrenz können wir die Preise trotz der gestiegenen Importkosten nicht anheben“, klagt Betriebschef Mikio Matsushita. Deshalb müsse er nun die Personalkosten senken.

Das aber gefährdet Abes Ziel, die Inflation zu erhöhen. „Ohne steigende Löhne wird die Inflation nicht ins Laufen kommen“, sagt Marco Wagner, Japan-Experte der Commerzbank. Höhere Bonuszahlungen allein, wie viele Firmen sie ihren Angestellten gewähren, reichten dazu nicht aus. Die Grundgehälter sind in zehn Jahren um fast zehn Prozent geschrumpft. Wenn sich das nicht rasch ändert, könnte Abe gezwungen sein, die schon beschlossene Anhebung der Mehrwertsteuer zu verschieben. Diese soll im April 2014 von fünf auf acht Prozent steigen. Ohne gleichzeitige Lohnerhöhungen aber droht die Steuerlast den Konsum abzuwürgen.

Verzichtet Abe auf höhere Steuern, um die Wirtschaft zu stützen, wird es ihm kaum gelingen, die hohe Nettokreditaufnahme von derzeit zehn Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken. Der staatliche Schuldenberg wächst dann rasant weiter. Das könnte das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit Japans untergraben und die Zinsen für Staatsanleihen in die Höhe treiben. Ohnehin hat sich die Rendite für zehnjährige Bonds seit Anfang April fast verdoppelt – und das trotz der massiven Anleihenkäufe der Notenbank. „Die Anleger preisen höhere Inflationsprämien in die Renditen ein“, erklärt Commerzbanker Wagner.

Wachstumsbremsen Arbeitsmarkt und Alter

Die größten Pleitestaaten der Welt
Norwegische Insel Quelle: dpa
Reichstag Quelle: dpa
Gracht in Amsterdam Quelle: AP
Akropolis Quelle: AP
Brunnen am österreichischen Parlamentsgebäude Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: dpa
Big Ben und Westminster Abbey Quelle: REUTERS

Was aber passiert, wenn die erwartete Inflation ausbleibt? Dann muss der Staat für die gestiegenen Zinsen tiefer in die Tasche greifen, ohne dass ihm die Inflation mehr Steuereinnahmen in die Kasse spült. „Für den Staatshaushalt wäre das der GAU“, sagt Wagner.

Für die meisten Ökonomen steht daher fest: Allein mit Gelddrucken und kreditfinanzierten Ausgabenprogrammen wird es Japan nicht schaffen, auf einen höheren Wachstumspfad zu gelangen. Dafür benötigt das Land vielmehr harte Strukturreformen. Der Arbeitsmarkt ist zu starr, die Steuerlast zu hoch, die Umweltvorschriften sind zu restriktiv, der Außenhandel ist zu protektionistisch und die Stromversorgung zu labil, klagen viele Unternehmen. Bisher hat Abe die Erwartungen enttäuscht: Zwar hat er Verhandlungen über Freihandelsverträge mit der EU sowie den Pazifikanrainerstaaten begonnen. Weil die Abgeordneten aus ländlichen Bezirken im Parlament jedoch überrepräsentiert sind, kann die Bauernlobby die Marktöffnung für Agrarprodukte und weiter gehende Freihandelsbemühungen blockieren. Auch die Forderung nach niedrigeren Steuern hat Abe bisher ignoriert. Lieber setzt er auf Steueranreize für Investitionen und Sonderwirtschaftszonen.

Das Anwerfen der Notenpresse soll die Inflation erhöhen und das Wachstum ankurbeln Quelle: Bank of Japan, Cabinet Office, Statistics Bureau, Ministry of International Affairs & Communications

Auch um die größte Reformbaustelle, den verkrusteten Arbeitsmarkt, macht Abe bisher einen großen Bogen. Lebenslange Beschäftigungsgarantien, Senioritätsprinzipien und besitzstandswahrende Firmengewerkschaften prägen die Arbeitsbeziehungen in Japan. Das bremst den Strukturwandel, schmälert die Mobilität, erstickt den Leistungswillen der Mitarbeiter und raubt den Unternehmen die Flexibilität. Neue Mitarbeiter stellen sie daher meist nur befristet ein. Das Ergebnis ist ein gespaltener Arbeitsmarkt: Zwei Drittel der Beschäftigten haben einen sicheren Job, ein Drittel ist nur auf Zeit angestellt, darunter viele junge Leute.

Derzeit wird IBM zum Testfall für die Reformbereitschaft Japans. Der erste ausländische Chef seit fast 60 Jahren, der Deutsche Martin Jetter, hat mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter entlassen, die nicht genug Leistung brachten. „Wir versuchen unsere Fertigkeiten neu zu mischen“, begründete die Firma die Kündigungen mit neuen Anforderungen durch das Cloud Computing. Doch fünf Betroffene haben IBM auf Wiedereinstellung verklagt, unterstützt von der Gewerkschaft JMIU. Vor Gericht muss IBM nun beweisen, dass es alles getan hat, um Kündigungen zu vermeiden.

Noch immer sind Abfindungsangebote der einfachste, aber auch teuerste Weg zum Personalabbau in Japan. Wollen die Angestellten trotzdem nicht gehen, werden sie entweder in die Produktion abkommandiert oder zum „Aus-dem-Fenster-Gucker“ degradiert. Die Firma bestraft sie dann zum Nichtstun, nimmt ihnen den Computer weg, damit sie irgendwann aufgeben und freiwillig gehen.

Für junge Menschen sind die traditionellen Arbeitsverhältnisse in Japan daher immer weniger verlockend. Statt eine Festanstellung bei einem der großen Konzerne anzustreben, bauen sie zunehmend eigene Firmen auf. Dadurch hat sich eine lebendige Szene von Jungunternehmern entwickelt. Ihr Vorbild ist Hiroshi Mikitani, der den Amazon-Konkurrenten Rakuten gegründet hat.

Regierungschef Abe sähe es gern, würden sich mehr Japaner für eine Selbstständigkeit entscheiden. Das Problem ist nur: Der Staat mit seinen Bürokraten bremst die Menschen aus, sobald sie nach unternehmerischer Eigenständigkeit streben. Die Beamten neigen dazu, alles bis ins Detail zu regeln. „Wettbewerb finden die Beamten suspekt“, sagt ein japanischer Firmenchef. Seine Verkaufsbemühungen für einen innovativen Wasserenthärter aus Deutschland scheiterten daran, dass er die Zulassungsvoraussetzungen nicht ausfindig machen konnte.

Zu einer Wachstumsbremse droht zudem die Alterung der Bevölkerung zu werden. Fast jeder vierte Japaner ist über 65 Jahre alt, die Zahl der Erwerbstätigen schrumpft jährlich um 0,4 bis 0,8 Prozent. Gegenüber 1995 ist die Zahl der Japaner im erwerbsfähigen Alter um sechs Millionen gesunken, während sich die Sozialausgaben auf ein Fünftel der Wirtschaftsleistung mehr als verdoppelten. Wie soll Japan da dauerhaft und kräftig wachsen? Der Düsseldorfer Japanologe Christian Tagsold verlangt daher eine „Öffnung der Einwanderungsschleusen“. Ziel müsse es sein, durch Zuwanderung das Arbeitskräftepotenzial zu verjüngen. „Das würde im asiatischen Wirtschaftsraum ein starkes Zeichen setzen“, sagt Tagsold. Doch auch hier zeigt Abe keinen Mut. Stattdessen will der Regierungschef mehr Frauen davon überzeugen, erwerbstätig zu werden.

Modernes Land

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)"Das vorrangige Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", heißt es in Artikel 105 des Maastricht-Vertrags. Zwar soll die EZB auch für Stabilität an den Märkten sorgen und die Wirtschaftspolitik der EU unterstützen. Das allerdings nur, wenn dadurch das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird. Diese klare Abgrenzung hat anfangs funktioniert. Seit der Euro-Krise jedoch ist die Geldpolitik Teil der EU-Wirtschaftspolitik. Die EZB begründet ihre Eingriffe mit ihrem Mandat der Marktstabilität und behauptet, dass hierdurch die Geldwertstabilität nicht gefährdet sei. Quelle: dapd
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses: "Wir sind dagegen, dass die mächtigste Institution der EU ausschließlich von Männern geleitet wird." Quelle: dapd
Bank of England (BoE)Die "Old Lady" von der Londoner Threadneedle Street ist die älteste Notenbank der Welt. Doch erst 1997 wurde sie nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank in eine – relative – politische Unabhängigkeit entlassen. Der Einfluss der Politik ist geblieben: Der britische Schatzkanzler gibt der Notenbank ein konkretes Inflationsziel von 2,0 Prozent vor. Wird dieses Ziel verfehlt, muss der Notenbankchef dies gegenüber der Regierung rechtfertigen. Quelle: REUTERS
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen, "dass es breite Unterstützung für Restriktionen geben könnte, wenn der Kongress mit der Fed-Politik nicht zufrieden ist", warnt der renommierte US-Ökonom Martin Feldstein. Die Notenbank stehe vor einem Dilemma: "Strafft sie die Geldpolitik, um die Inflation einzudämmen, riskiert sie Gegenmaßnahmen des Kongresses, die ihr die künftige Inflationsbekämpfung erschweren." Quelle: dapd
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS

Zudem vertraut er auf zwei demografische Besonderheiten, die ihm kurzfristig in die Hände spielen. Zum einen setzt er darauf, dass die zahlenmäßig stark besetzte und konsumkräftige Alterskohorte der 35- bis 44-Jährigen den Aufschwung stützt. Zum anderen geht die Generation der Babyboomer demnächst in Rente. Dadurch wachsen die Jobchancen der jungen Japaner. Jesper Koll, Aktienstratege von JP Morgan in Tokio, sagt deshalb sogar steigende Löhne voraus: „In Restaurants, im Einzelhandel und der Logistik gibt es schon einen akuten Mangel an Arbeitskräften“, erklärt der deutsche Ökonom. Die Arbeitslosenquote werde bis nächstes Jahr um ein Viertel auf drei Prozent sinken.

Doch die Gefahr ist groß, dass Abe das Interesse an den Wirtschaftsreformen bald verliert und sich lieber seinem Lieblingsprojekt, der Verfassungsreform, zuwendet. Wie Deutschland nach der Wiedervereinigung soll Japan militärisch endlich ein modernes Land werden, das ohne Einschränkungen über seine Streitkräfte verfügt. Dann könnte Japan die von China beanspruchten Inseln, die entweder Senkaku oder Diaoyu heißen, leichter verteidigen. Was Abe dabei jedoch übersieht: Ein Konflikt mit China würde dem Geschäftsklima in Japan nachhaltig schaden – und den Aufschwung dämpfen. Für eine massive Aufrüstung fehlt dem Staat ohnehin das Geld. „Statt die Karte des Nationalstolzes zu spielen, sollte Abe lieber die Kraft der Wirtschaft stärken“, meint der Risikoforscher Ian Bremmer.

Bleiben die notwendigen Strukturreformen hingegen aus, „wird Japans Wirtschaft wieder auf ihren mittelfristigen Wachstumspfad zurückfallen, der unter einem Prozent liegt“, fürchtet Commerzbank-Ökonom Wagner. Um sich diese Blamage zu ersparen, könnte Abe versuchen, die Wirtschaft noch stärker über die Exporte anzukurbeln. Dann müsste die Bank von Japan noch mehr Staatsanleihen kaufen und zusätzliches Geld in Umlauf bringen, um den Yen zu schwächen.

Außenwert des Yen Quelle: BIS

Das aber könnte in ein Desaster münden. Setzt der Yen seine Talfahrt fort, werden ausländische Investoren wegen der Abwertung einen großen Bogen um Japan machen. Ohne ausländische Käufer von Staatsanleihen aber wird es schwierig für die Regierung, sich am Markt zu finanzieren. Denn die heimische Bevölkerung, die derzeit noch rund 90 Prozent der ausstehenden Staatsschulden hält, fällt in den nächsten Jahren als Käufer staatlicher Schuldpapiere aus. Der Grund: Die Babyboomer-Generation, die in Rente geht, wird ihre Ersparnisse aufbrauchen. „In wenigen Jahren werden die Nettofinanzvermögen der privaten Haushalten nicht mehr reichen, um die wachsende Staatsschuld zu finanzieren“, sagt Commerzbank-Ökonom Wagner.

Bricht die Nachfrage nach Staatsanleihen weg, gibt es nur noch drei Möglichkeiten für die Regierung. Erstens: Sie stellt den Schuldendienst ein. Ein Staatsbankrott der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aber würde das globale Finanzsystem weitaus stärker erschüttern als die Lehman-Pleite. Zweitens: Die Regierung erhöht die Steuern, um ihre Altschulden zu bedienen. Damit stürzte sie die Wirtschaft jedoch in eine schwere Rezession. Am wahrscheinlichsten ist daher die dritte Alternative: Die Regierung zwingt die Notenbank, im Extremfall alle Neuemissionen des Staates zu kaufen. „Für die Regierung ist das der Weg des geringsten Widerstands“, sagt Wagner.

Ausland



Doch für die Weltwirtschaft wäre es ein Desaster. Die zusätzliche Liquidität, die dadurch in Umlauf gerät, ließe nicht nur den Yen weiter abwerten und stürzte die Welt in einen Währungskrieg. Sie ließe zudem weltweit die Preise an den Finanzmärkten durch die Decke schießen. Denn die Liquidität made in Tokio dürfte zu einem großen Teil in Länder mit höheren Zinsen fließen, darunter die Peripherieländer der Euro-Zone. Die monetäre Springflut würde die ohnehin schon vorhandenen Vermögenspreisblasen rund um den Globus auf Monstergröße aufpumpen. Platzt diese Blase, risse sie das gesamte Weltfinanzsystem in den Abgrund.

Abenomics seien Japans „letzte Chance“, in der ersten Reihe der Wirtschaftsnationen zu bleiben, hatte der Premier im Februar beteuert. Bleibt zu hoffen, dass Abe weiß, was er tut. Geht sein Experiment daneben, wird es nicht nur für Japan, sondern für die gesamte Weltwirtschaft teuer.

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