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Japan Experiment in Echtzeit

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Glückliches Timing

Japans Regierungschef Shinzo Abe Quelle: dpa

Beim Timing seines Kurswechsels hatte Abe bisher das Glück auf seiner Seite. Die USA schicken sich nach vier Krisenjahren an, wieder die Rolle der Lokomotive für die Weltkonjunktur zu übernehmen. Amerika hat China als Japans größter Handelspartner abgelöst. Zugleich stützt die Erholung in den USA den Wechselkurs des Dollar gegenüber dem Yen. Mit dem Rückenwind des schwachen Yen segeln Japans Exporteure auf Erfolgskurs. Toyota etwa rechnet für dieses Jahr mit einem Rekordgewinn. Auch die Stahlproduzenten freuen sich. „Stahl aus Hochöfen in Japan wird wettbewerbsfähiger“, jubelt Katsuhiko Ota, Vizechef des Branchenführers Nippon Steel.

Zudem mache der schwache Yen der hartnäckigen Deflation den Garaus, erwartet Masayuki Kichikawa, Chefvolkswirt von Merrill Lynch in Tokio. Allerdings haben Japans Bürger bisher gut mit sinkenden Preisen gelebt. Die moderate Deflation sicherte den Senioren hohe Realzinsen auf ihre Sparvermögen. Zudem stützte sie die Kaufkraft der Arbeitnehmer, deren Löhne seit Ende der Neunzigerjahre im Trend zurückgehen.

Doch auf die Interessen der Sparer und Arbeitnehmer will Abe keine Rücksicht mehr nehmen. Angeblich, weil sinkende Preise die Nachfrage bremsten und die Unternehmensgewinne belasteten. Tatsächlich aber dürfte es ihm um etwas anderes gehen: Die Rückkehr zur Inflation soll den riesigen Schuldenberg des Staates in realer Rechnung abschmelzen. Mit über 240 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegen die Staatsschulden Japans so hoch wie in keinem anderen Industrieland der Welt.

Der Weg zur Reflationierung der Wirtschaft soll über die Notenpresse und die damit verbundene Schwächung des Yen erfolgen. Seit Anfang des Jahres hat der Yen gegenüber den wichtigsten Handelspartnerwährungen bereits um rund 20 Prozent an Wert verloren. Viele Unternehmen müssen für Einfuhren nun deutlich mehr Geld auf den Tisch legen. Im Mai protestierten Hunderte Lastwagenfahrer vor der Zentrale der regierenden Liberaldemokraten gegen höhere Dieselpreise. „Die Exporteure gewinnen, die kleinen Firmen verlieren“, analysiert Izumi Devalier, Japan-Ökonomin von HSBC in Hongkong. Das erschüttere das Vertrauen in Abenomics.

Das Kleinunternehmen Matsushita nahe Tokio ist für seine Produktion von Natto, einem japanischen Lebensmittel aus Sojabohnen, auf Importe angewiesen – von den Sojabohnen bis zur Verpackung. „Wegen der scharfen Konkurrenz können wir die Preise trotz der gestiegenen Importkosten nicht anheben“, klagt Betriebschef Mikio Matsushita. Deshalb müsse er nun die Personalkosten senken.

Das aber gefährdet Abes Ziel, die Inflation zu erhöhen. „Ohne steigende Löhne wird die Inflation nicht ins Laufen kommen“, sagt Marco Wagner, Japan-Experte der Commerzbank. Höhere Bonuszahlungen allein, wie viele Firmen sie ihren Angestellten gewähren, reichten dazu nicht aus. Die Grundgehälter sind in zehn Jahren um fast zehn Prozent geschrumpft. Wenn sich das nicht rasch ändert, könnte Abe gezwungen sein, die schon beschlossene Anhebung der Mehrwertsteuer zu verschieben. Diese soll im April 2014 von fünf auf acht Prozent steigen. Ohne gleichzeitige Lohnerhöhungen aber droht die Steuerlast den Konsum abzuwürgen.

Verzichtet Abe auf höhere Steuern, um die Wirtschaft zu stützen, wird es ihm kaum gelingen, die hohe Nettokreditaufnahme von derzeit zehn Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken. Der staatliche Schuldenberg wächst dann rasant weiter. Das könnte das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit Japans untergraben und die Zinsen für Staatsanleihen in die Höhe treiben. Ohnehin hat sich die Rendite für zehnjährige Bonds seit Anfang April fast verdoppelt – und das trotz der massiven Anleihenkäufe der Notenbank. „Die Anleger preisen höhere Inflationsprämien in die Renditen ein“, erklärt Commerzbanker Wagner.

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