Japan vor Neuwahlen Shinzo Abe tritt die Flucht nach vorne an

Die "Abenomics" genannte Wirtschaftspolitik von Japans Regierungschef Shinzo Abe läuft nicht wie erhofft. Abe löste am Freitag das Parlament auf und macht so den Weg zu vorzeitigen Neuwahlen frei. Ein riskantes Spiel.

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS
Japan ist nicht in jeder Hinsicht ein Hightech-LandTechnik überall, so stellt es sich der durchschnittliche Europäer vor, wenn die Rede auf Japan kommt. In manchen Bereichen allerdings ist Japan geradezu absurd untertechnifiziert. Japanische Waschmaschinen sind meist rumpelnde Plastik-Kästen, die viel Krach machen, aber wenig waschen. Auch Zentralheizungen sind eher selten. Quelle: REUTERS
Japanisches Essen kann auch eklig seinNeben Mangas ist die japanische Küche wohl der größte Kultur-Export-Erfolg Japans. Sushi und Sashimi schmecken den meisten Europäern. Allerdings essen Japaner manchmal auch Dinge, bei denen sich Europäern der Magen umdreht. Natto zum Beispiel. Das sind vergorene Sojabohnen, die nicht nur scheußlich schmecken, sondern auch so aussehen. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Japan ist kein atomenergiefreundliches Land mehrBis zur Katastrophe von Fukushima war Japan nicht von Furcht, sondern von Zuversicht in die zivile Nutzung der Atomenergie geprägt. Mittlerweile hat sich die Stimmung gedreht. Obwohl Japan kaum eigene fossile Energiequellen hat, beschloss die scheidende Regierung von Premier Yoshihiko Noda im September 2012, bis 2030 aus der Kernenergie auszusteigen.  Quelle: dpa
Japaner sind nicht alle uniformiertDie meisten japanischen Schulen haben Uniformen. Angestellte tragen meist dunkle Anzüge. Dennoch ist das Straßenbild japanischer Städte keineswegs grau. Sobald sie die Schule oder Arbeit hinter sich haben, sind die meisten Japaner, vor allem die jungen, ausgesprochen modebewusst. Sehr beliebt sind auch blond gefärbte und auffällig toupierte Haare. Die Subkultur des „Cosplay“, also Kostüme nach dem Vorbild von Mangas, ist längst nach Europa übergeschwappt. Quelle: REUTERS

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe gibt sich gern als starker Mann. Als er vor zwei Jahren sein Amt antrat, versprach er seinem krisengeplagten Volk, Japan „zurückzuholen“. Mit Unterstützung staatstragender Medien schürte er mit seiner „Abenomics“ getauften Wirtschaftspolitik aus billigem Geld, schuldenfinanzierten Konjunkturspritzen und dem Versprechen von Strukturreformen die Hoffnung auf ein Ende der jahrzehntelangen Deflation und Stagnation.

Seit zwei Jahren regiert der Rechtskonservative das Land mit einer stabilen Zweidrittelmehrheit. Doch inzwischen macht sich nach der anfänglichen Euphorie zunehmend Enttäuschung breit. Ein erneutes Abgleiten in die Rezession beweist nach Ansicht seiner Kritiker, dass Gelddrucken offensichtlich nicht ausreicht, um die Wirtschaft zu gesunden.

Doch Abe will von einem Scheitern seiner „Abenomics“ nichts wissen. Mit vorgezogenen Wahlen tritt er die Flucht nach vorne an.

Japans Lage

Weitere Anhebung der Mehrwertsteuer

Es ist ein riskantes Manöver, um Zeit zu gewinnen. Nicht nur die Opposition kritisiert den Zeitpunkt für Neuwahlen, auch die Mehrheit der Bevölkerung zeigt Unverständnis, warum schon jetzt gewählt werden soll. Abe sagt, er wolle das Volk darüber urteilen lassen, ob es seine Entscheidung, eine geplante weitere Anhebung der Mehrwertsteuer zu verschieben, mitträgt.

Doch das wirkt wie ein Vorwand. Warum sollte das Volk dagegen sein? Hat ihnen doch schon eine erste Steuererhöhungsrunde im April schwer zu schaffen gemacht.

Beobachter sehen andere Faktoren hinter Abes Ausrufen von Neuwahlen. Seine persönlichen Umfragewerte sind gefallen, wozu auch Skandale von Ministern seines Kabinetts beitrugen. Sie liegen jedoch mit 40 bis 50 Prozent Zustimmung immer noch relativ hoch.

Im kommenden Jahr stehen aber eine Reihe von unpopulären Entscheidungen an. Dazu gehören das Wiederanfahren von Atomreaktoren sowie Gesetze im Zusammenhang mit der beschlossenen Ausweitung der internationalen Rolle des Militärs.

All dies könnte Abes Beliebtheit weiter sinken lassen. Lieber also jetzt Neuwahlen und die Vorherrschaft seiner Liberaldemokratischen Partei (LDP) für weitere vier Jahre sichern, solange die Zustimmungswerte noch relativ hoch sind, könnte das Kalkül lauten. Hinzu kommt, dass das Oppositionslager zersplittert und unvorbereitet ist.

Einer Umfrage zufolge sprechen sich 25,3 Prozent der Wähler für Abes LDP aus, nur 9,4 Prozent wollen demnach die oppositionelle Demokratische Partei Japans (DPJ) wählen. Das größte Risiko für Abe sind allerdings die vielen unentschlossenen Wähler, die der Umfrage zufolge mit 44 Prozent die mit Abstand größte Gruppe ausmachen.

Abes Chancen gelten als gut

Dennoch gelten Abes Chancen als gut, selbst bei Stimmverlusten die Mehrheit seines Regierungslagers zu sichern. Damit hätte er Zeit gewonnen. Fraglich ist, ob er sie diesmal nutzen wird, um Reformen anzugehen. Die längst überfälligen wirtschaftlichen Strukturreformen erlauben nach Ansicht von Ökonomen nicht zuletzt wegen des gigantischen Schuldenbergs vom inzwischen Zweieinhalbfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung keinen weiteren Aufschub mehr.

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Kritiker werfen Abe vor, es zwei Jahre lang im Wesentlichen bei Ankündigungen von Reformen belassen zu haben, ohne die verkrusteten Strukturen gegen den starken Widerstand von Interessensgruppen wirklich angegangen zu sein. Das erklärt nach Ansicht von Ökonomen auch, warum die Exportunternehmen die dank des abgeschwächten Yen gestiegenen Gewinne zwar gerne einstreichen, aber kaum im eigenen Land investieren wollen.

Ohne Deregulierung und eine Öffnung des Landes für mehr Wettbewerb, da sind sich die meisten einig, wird es für Japan keine nachhaltige Erholung der Wirtschaft geben können.

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