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Japan Experiment in Echtzeit

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Wachstumsbremsen Arbeitsmarkt und Alter

Die größten Pleitestaaten der Welt
Norwegische Insel Quelle: dpa
Reichstag Quelle: dpa
Gracht in Amsterdam Quelle: AP
Akropolis Quelle: AP
Brunnen am österreichischen Parlamentsgebäude Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: dpa
Big Ben und Westminster Abbey Quelle: REUTERS

Was aber passiert, wenn die erwartete Inflation ausbleibt? Dann muss der Staat für die gestiegenen Zinsen tiefer in die Tasche greifen, ohne dass ihm die Inflation mehr Steuereinnahmen in die Kasse spült. „Für den Staatshaushalt wäre das der GAU“, sagt Wagner.

Für die meisten Ökonomen steht daher fest: Allein mit Gelddrucken und kreditfinanzierten Ausgabenprogrammen wird es Japan nicht schaffen, auf einen höheren Wachstumspfad zu gelangen. Dafür benötigt das Land vielmehr harte Strukturreformen. Der Arbeitsmarkt ist zu starr, die Steuerlast zu hoch, die Umweltvorschriften sind zu restriktiv, der Außenhandel ist zu protektionistisch und die Stromversorgung zu labil, klagen viele Unternehmen. Bisher hat Abe die Erwartungen enttäuscht: Zwar hat er Verhandlungen über Freihandelsverträge mit der EU sowie den Pazifikanrainerstaaten begonnen. Weil die Abgeordneten aus ländlichen Bezirken im Parlament jedoch überrepräsentiert sind, kann die Bauernlobby die Marktöffnung für Agrarprodukte und weiter gehende Freihandelsbemühungen blockieren. Auch die Forderung nach niedrigeren Steuern hat Abe bisher ignoriert. Lieber setzt er auf Steueranreize für Investitionen und Sonderwirtschaftszonen.

Das Anwerfen der Notenpresse soll die Inflation erhöhen und das Wachstum ankurbeln Quelle: Bank of Japan, Cabinet Office, Statistics Bureau, Ministry of International Affairs & Communications

Auch um die größte Reformbaustelle, den verkrusteten Arbeitsmarkt, macht Abe bisher einen großen Bogen. Lebenslange Beschäftigungsgarantien, Senioritätsprinzipien und besitzstandswahrende Firmengewerkschaften prägen die Arbeitsbeziehungen in Japan. Das bremst den Strukturwandel, schmälert die Mobilität, erstickt den Leistungswillen der Mitarbeiter und raubt den Unternehmen die Flexibilität. Neue Mitarbeiter stellen sie daher meist nur befristet ein. Das Ergebnis ist ein gespaltener Arbeitsmarkt: Zwei Drittel der Beschäftigten haben einen sicheren Job, ein Drittel ist nur auf Zeit angestellt, darunter viele junge Leute.

Derzeit wird IBM zum Testfall für die Reformbereitschaft Japans. Der erste ausländische Chef seit fast 60 Jahren, der Deutsche Martin Jetter, hat mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter entlassen, die nicht genug Leistung brachten. „Wir versuchen unsere Fertigkeiten neu zu mischen“, begründete die Firma die Kündigungen mit neuen Anforderungen durch das Cloud Computing. Doch fünf Betroffene haben IBM auf Wiedereinstellung verklagt, unterstützt von der Gewerkschaft JMIU. Vor Gericht muss IBM nun beweisen, dass es alles getan hat, um Kündigungen zu vermeiden.

Noch immer sind Abfindungsangebote der einfachste, aber auch teuerste Weg zum Personalabbau in Japan. Wollen die Angestellten trotzdem nicht gehen, werden sie entweder in die Produktion abkommandiert oder zum „Aus-dem-Fenster-Gucker“ degradiert. Die Firma bestraft sie dann zum Nichtstun, nimmt ihnen den Computer weg, damit sie irgendwann aufgeben und freiwillig gehen.

Für junge Menschen sind die traditionellen Arbeitsverhältnisse in Japan daher immer weniger verlockend. Statt eine Festanstellung bei einem der großen Konzerne anzustreben, bauen sie zunehmend eigene Firmen auf. Dadurch hat sich eine lebendige Szene von Jungunternehmern entwickelt. Ihr Vorbild ist Hiroshi Mikitani, der den Amazon-Konkurrenten Rakuten gegründet hat.

Regierungschef Abe sähe es gern, würden sich mehr Japaner für eine Selbstständigkeit entscheiden. Das Problem ist nur: Der Staat mit seinen Bürokraten bremst die Menschen aus, sobald sie nach unternehmerischer Eigenständigkeit streben. Die Beamten neigen dazu, alles bis ins Detail zu regeln. „Wettbewerb finden die Beamten suspekt“, sagt ein japanischer Firmenchef. Seine Verkaufsbemühungen für einen innovativen Wasserenthärter aus Deutschland scheiterten daran, dass er die Zulassungsvoraussetzungen nicht ausfindig machen konnte.

Zu einer Wachstumsbremse droht zudem die Alterung der Bevölkerung zu werden. Fast jeder vierte Japaner ist über 65 Jahre alt, die Zahl der Erwerbstätigen schrumpft jährlich um 0,4 bis 0,8 Prozent. Gegenüber 1995 ist die Zahl der Japaner im erwerbsfähigen Alter um sechs Millionen gesunken, während sich die Sozialausgaben auf ein Fünftel der Wirtschaftsleistung mehr als verdoppelten. Wie soll Japan da dauerhaft und kräftig wachsen? Der Düsseldorfer Japanologe Christian Tagsold verlangt daher eine „Öffnung der Einwanderungsschleusen“. Ziel müsse es sein, durch Zuwanderung das Arbeitskräftepotenzial zu verjüngen. „Das würde im asiatischen Wirtschaftsraum ein starkes Zeichen setzen“, sagt Tagsold. Doch auch hier zeigt Abe keinen Mut. Stattdessen will der Regierungschef mehr Frauen davon überzeugen, erwerbstätig zu werden.

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