Jim Glassman „Für Konsumenten ist es schwer, das ganze Bild zu sehen“

Wird die Fed es diesmal schaffen, eine Rezession abzuwenden? Quelle: REUTERS

J.P.-Morgan-Chase-CEO Jamie Dimon warnt vor einem Sturm, der auf die US-Wirtschaft zurase. Sein Head Economist und Managing Director Commercial Banking Jim Glassman gibt sich entspannter. Er hält die Probleme für lösbar.

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Jim Glassman ist Head Economist und Managing Director Commercial Banking bei der größten US-Bank J.P. Morgan Chase. Vor seiner Karriere im Privatsektor arbeitete er von 1979 bis 1988 als Senior Economist bei der Federal Reserve.

WirtschaftsWoche: Herr Glassman, Ihr CEO Jamie Dimon warnt vor einem Hurrikan, der auf die US-Wirtschaft zurase. Wie schlimm wird es?
Jim Glassman: Der Nationale Wetterdienst sagt, der Atlantik ist in diesem Jahr wärmer und erwartet deshalb eine heftige Sturmsaison. Aber im Ernst: Die Prognosen sind derzeit mit Unsicherheiten gespickt, aber ich denke, Unternehmen können insgesamt optimistisch sein. Dinge können schiefgehen, aber die Entwicklung der wirtschaftlichen Aktivität ist positiv – in den USA, in Europa und in Asien. Der Ausbruch der Coronapandemie war die beängstigendste Zeit, an die ich mich erinnern kann. Viele unserer Kunden wussten nicht, ob ihre Unternehmen überleben würden. Für sie sind die aktuellen Herausforderungen deutlich leichter zu handhaben. Wir befinden uns in einem Übergangsmoment. Die Zentralbanken fahren die Unterstützungsprogramme der vergangenen Jahre zurück. Gleichzeitig haben wir es mit Engpässen und Preisdruck zu tun. Diese Kombination macht die Menschen nervös. Trotzdem erwarten die meisten meiner Ökonomenkollegen, dass wir relativ gut aus dieser Situation herauskommen, auch wenn wir die Herausforderungen durch die Inflation durchaus erkennen.

Es ist Zentralbanken in der Vergangenheit nur selten gelungen, in einer solchen Situation die richtige Balance zu finden. Restriktivere Geldpolitik führt häufig zu einer Rezession. Wird die Fed es diesmal schaffen, dieses Schicksal abzuwenden?
Diese Balance wirkt in unseren Vorstellungen oft fragiler als sie tatsächlich ist. Die Erholung nach der Pandemie hat gezeigt, dass unsere Wirtschaft recht widerstandfähig ist. Jetzt den Leitzins wieder auf ein normaleres Niveau anzuheben, ist eine Herausforderung. Die Zentralbank hat signalisiert, dass sie wieder an die Seitenlinie zurückkehren will. Dieser Prozess schlägt sich bereits auf den Märkten nieder und wird etwa Auswirkungen auf den Immobiliensektor haben. Aber viele Menschen, die sich um die Inflation sorgen, stellen sich eine Situation vor, wie wir sie in den Siebzigerjahren erlebt haben. Ich glaube allerdings nicht, dass wir uns in diese Richtung bewegen.

Warum nicht?
In den USA haben die Fed und die Regierung es geschafft, dass die Nachfrage bereits wieder das Niveau erreicht hat, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Das Problem ist, dass die Zusammensetzung sich verändert hat. Die Nachfrage nach Gütern ist höher, die nach Dienstleistungen geringer. Das erhöht den Druck auf Lieferketten und treibt so die Inflation nach oben. Aber dieser Druck wird nachlassen. Engpässe werden sich auflösen, die Ausgaben werden sich wieder verstärkt Richtung Dienstleistungen normalisieren. Wir sehen bereits, dass das passiert. Was aber noch wichtiger ist: Die Zentralbanken genießen gerade eine Menge Vertrauen – mehr als jemals zuvor. Das zeigt sich auf dem Anleihenmarkt, wie die langfristige Inflationserwartung bei rund zwei Prozent liegt. Diese Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum verändert. Das ist wichtig, denn es gibt der Notenbank Spielraum und den Luxus, vorsichtig zu handeln. In den 1970ern musste die Fed den Leitzins immer weiter erhöhen, bis er die Wirtschaft abschnürte und eine Rezession auslöste. Das halte ich diesmal nicht für sehr wahrscheinlich.

Die amerikanische Wirtschaft ist im ersten Quartal dieses Jahres bereits geschrumpft. Eine Rezession scheint also plausibel.
Diese Zahlen hat niemand wirklich ernst genommen. Wir kamen von einem sehr starken vierten Quartal. Und das Bruttoinlandsprodukt ist zwar geschrumpft, das Bruttoinlandseinkommen aber gleichzeitig gestiegen. Diese Quartalszahlen sollten mit Vorsicht genossen werden – insbesondere, weil die Situation am Arbeitsmarkt weiter stark ist.

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Wird dieser Trend anhalten?
Ich denke ja. Drei Millionen Menschen, die in der Anfangszeit der Pandemie die Arbeitskräftereserve verlassen haben, sind immer noch nicht zurückgekehrt. Etwa ein Drittel von ihnen war älter als 65 und dürfte in den Ruhestand gegangen sein, doch der Großteil der Übrigen waren junge Arbeiter, die es sich durch die signifikante Unterstützung der Regierung erlauben konnten, auszusteigen. Sie werden weiter zurückkommen. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Erwerbsquote zum Jahresende fast wieder das Vorkrisenniveau erreicht hätte.

Für die meisten Amerikaner ist die Inflation derzeit ein deutlich wichtigeres Thema als die Lage am Arbeitsmarkt. Die Kerninflation ist jüngst erstmals wieder zurückgegangen. Haben wir das Schlimmste hinter uns?
Es könnte sein, dass wir den Höhepunkt überschritten haben. Energie- und Lebensmittelpreise sind immer noch erhöht, aber die Quote insgesamt könnte sinken, da einige Lieferkettenprobleme der Automobilindustrie sich auflösen – und dieser Sektor allein war für 30 bis 40 Prozent des Anstiegs der Kerninflation in den vergangenen Jahren verantwortlich.

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