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Kampf gegen Deflation Japans Notenbank öffnet den Geldhahn

Um die Konjunktur anzukurbeln, schmeißen Japans Notenbanker die Drucker an und fluten die Märkte mit Geld. Während Dax und Co. kaum reagieren, fürchtet Bundesbankpräsident Weidmann um die Unabhängigkeit der Notenbanken.

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Die Bank of Japan in Tokio - ihre expansive Geldpolitik stößt auf Kritik. Quelle: REUTERS

Die Drucker der Bank of Japan laufen wieder heiß: Regierung und Notenbank in Tokio wollen den stotternden japanischen Wachstumsmotor mit einer wahren Geldschwemme wieder auf Touren bringen. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten sie am Dienstag an, dass die japanische Zentralbank im Kampf gegen Deflation und Konjunkturflaute ab dem kommenden Jahr unbegrenzt Anleihen ankauft. Ab Januar 2014 wollen die Währungshüter monatlich Wertpapiere für umgerechnet rund 109 Milliarden Euro erwerben - eine Methode, wie sie ähnlich auch die Kollegen der Fed in den USA anwenden.

Zugleich erhöhte die Notenbank ihr mittelfristiges Inflationsziel von ein auf zwei Prozent. Ministerpräsident Shinzo Abe kündigte einen "Paradigmenwechsel" in der makroökonomischen Strategie an. Es bestehe aber kein Grund, das Notenbankgesetz zu ändern, um die Kontrolle der Regierung über die Zentralbank zu stärken. Die Entscheidung der Notenbank stellt einen Bruch mit der bisherigen Strategie dar, die Käufe schrittweise auszuweiten. Mehrere Analysten wiesen allerdings darauf hin, dass die Notenbank mehr hätte tun können. Zudem dürften Politiker, Volkswirte und einige Notenbankmitglieder den Druck weiter aufrecht erhalten, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen.

Japan bringt Milliarden-Konjunkturprogramm auf den Weg


Denn es ist vor allem Ministerpräsident Abe, der mit den geldpolitischen Maßnahmen die stagnierende Konjunktur ankurbeln will. Zur Bekämpfung der anhaltenden Deflation forderte der Politiker, dass die Zentralbank die Geldschleusen öffnet - ungeachtet der gewaltigen Staatsverschuldung von bereits 235 Prozent des BIP. Vor allem die hartnäckige Deflation ist ein massives Problem für die japanische Wirtschaft. Seit Ende der 1990er Jahre sind die Verbraucherpreise nur in wenigen Monaten stärker als zwei Prozent gestiegen. Häufiger waren dagegen fallende Preise. Diese sind gefährlich, weil sich die Verbraucher in der Hoffnung auf noch günstigere Angebote mit Einkäufen zurückhalten und so eine Abwärtsspirale in Gang kommt.

Scharfe Kritik von Weidmann

Bundesbankpräsident Jens Weidmann kritisiert eine derartige Einflussnahme von Regierungen auf Notenbankentscheidungen scharf. Der Deutsche sieht die Unabhängigkeit der Zentralbanken weltweit in Gefahr und warnt vor den Folgen ihrer schleichenden Überfrachtung und Politisierung im Zuge der Krise. "Den Notenbanken wird immer mehr Verantwortung zugeschoben, auch für Aufgaben, die außerhalb ihres Kernmandats liegen", beklagte er beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse am Montagabend in Eschborn bei Frankfurt. "Eine mittelfristige Folge dieser Entwicklung könnte sein, dass Preisstabilität als Hauptziel der Geldpolitik zunehmend infrage gestellt wird und die unabhängige Notenbank aus der Mode kommt."

Japans Lage


Schon heute seien, etwa in Ungarn oder Japan, "bedenkliche Übergriffe" zu beobachten. "Eine Folge, ob gewollt oder ungewollt, könnte eine zunehmende Politisierung der Wechselkurse sein", warnte der Bundesbank-Chef. Experten fürchten, dass die lockere Geldpolitik in den USA, Europa und Japan zu Gegenreaktionen bei Ländern führt, deren Exporteure durch das viele billige Geld massiv belastet werden - Politiker in manchen Schwellenländern sprechen bereits vom Beginn eines Währungskrieges.

Falsches Verständnis von Notenbank-Politik

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte die Politik der Japaner zuletzt kritisiert. „Mir macht ziemlich viel Sorge, was die neue Politik der neu gewählten japanischen Regierung ist“, sagte Schäuble neulich in Berlin. Es gebe ein Übermaß an Liquidität an den globalen Finanzmärkten. Dies werde durch falsches Verständnis von Notenbank-Politik weiter geschürt. Auch Ökonomen warnen vor den Gefahren der Geldschwemme: „Sollte sich herausstellen, dass die Geldpolitik nur genutzt wird, um die unhaltbar verschuldete Regierung zu finanzieren, droht ein sehr riskanter Inflationsschub“, warnt Martin Schulz, Ökonom beim Fujitsu Research Institute in Tokio.
Märkte reagieren gelassen

Der Börse in Tokio hat die Entscheidung der japanischen Notenbank vorerst nicht geholfen. Dort sanken die Kurse bis Handelsschluss sogar in negatives Terrain, nachdem das Maßnahmenpaket der japanischen Zentralbank, darunter ein Inflationsziel von zwei Prozent, dem Markt zunächst Auftrieb verliehen hatte. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss um 0,3 Prozent im Minus bei 10.709 Punkten. "Es war mehr oder weniger im Rahmen der Erwartungen und nicht enttäuschend. Es war aber auch nicht überragend, denn es hat Spekulationen gegeben, dass die Bank of Japan das ihr Mögliche tun würde", sagte Hiroshi Maeba von UBS.

In Arbeit
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Der deutsche Aktienmarkt reagierte kaum auf die Entscheidung in Japan und hat am Dienstag zunächst keine klare Tendenz gezeigt. Der Dax gab zunächst leicht nach um 0,08 Prozent auf 7743 Punkte. Die Märkte seien am Vortag ohne klare Impulse ganz gut gelaufen, und angesichts der leicht negativen Tendenz in Asien sei ein kleiner Rücksetzer verständlich, sagte Händler Chris Weston vom Broker IG. Auch Devisenanleger reagierten gelassen. Der Yen konnte im frühen europäischen Handel sogar etwas zulegen, nachdem er im Vorfeld der Notenbanksitzung unter Druck geraten war. Der Dollar verlor 0,6 Prozent an Wert und kostete 89 Yen, der Euro verbilligte sich um 0,3 Prozent.

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