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Kampf gegen Terror-Gruppe "Isis" Im Irak geht nichts mehr ohne Teheran

Der Westen hat im Irak auf die Falschen gesetzt und erlebt ein Desaster. Von der Isis-Invasion profitiert ausgerechnet der Iran.

Noch sieht BP in den Kämpfen im Irak keine Gefahr für die Ölförderung. Aber der Bürgerkrieg zwischen den Ölfeldern geht weiter Quelle: dpa

Alles halb so schlimm? BP-Konzernchef Bob Dudley versichert, dass der Gewaltausbruch im Irak die Aktivitäten des britischen Energieriesen im Land bisher nicht beeinträchtige. „Wir sind einfach nur sehr vorsichtig und haben einige nicht so wichtige Mitarbeiter abgezogen, aber die Produktion geht weiter“, sagt Dudley. Vom Bürgerkriegsland Syrien aus sind islamistische Terroristen der schlimmsten Sorte in den erdölreichen Irak eingefallen, haben Mossul erobert, die zweitgrößte Stadt, und stehen bedrohlich nahe vor der Hauptstadt Bagdad. Aber BP ist in beruhigendem Abstand vom Kriegsgeschehen tätig, vor allem auf dem riesigen Ölfeld Rumaila weit im Süden des Landes. Wer in dieser Gegend des Irak zur Waffe greift, ist in aller Regel ein schiitischer Freiwilliger, gerüstet zum Kampf gegen die Eindringlinge weiter nördlich.

Elf Jahre nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak haben sich fast alle großen Erdölunternehmen der Welt dort etabliert. BP arbeitet in Rumaila mit dem chinesischen Konzern CNPC zusammen; auf anderen Ölfeldern sind ExxonMobil, Royal Dutch Shell, Gazprom Neft tätig geworden. Die Ölvorkommen sind alle irakisches Staatseigentum, die Regierung in Bagdad hat 2009 und 2010 langfristige Kooperationsabkommen mit vielen internationalen Unternehmen geschlossen. Aus Sicht der Konzernzentralen in London, New York oder Moskau sieht das immer noch außerordentlich lukrativ aus: Der Irak ist das Land mit den weltweit fünftgrößten bekannten und nutzbaren Rohölreserven der Welt.

Fakten zum Terror im Irak

Weil unter Saddam Husseins Diktatur und in den ersten Jahren nach dem amerikanischen Einmarsch von 2003 kaum neue Felder erschlossen wurden, verzeichnet das Land derzeit außergewöhnliche Steigerungsraten von Fördermengen und Einnahmen. Von 2009 bis 2013 stieg die gesamte Erdölproduktion im Irak nach Angaben von BP um 28 Prozent, bis in den Mai 2014 setzte sich diese Entwicklung nach Schätzung aller Experten fort. Und die Wirtschaft wächst seit 2011 mit jährlichen Raten von jeweils mehr als acht Prozent, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt inzwischen mit 7100 Dollar pro Kopf wieder im arabischen Durchschnitt, knapp hinter Algerien und deutlich vor Ägypten.

Keine Ruhe mehr im Norden

Aber eigentlich gibt es den Irak als einheitlichen wirtschaftlichen oder politischen Raum schon lange nicht mehr. Das Land zerfällt nicht nur religiös und kulturell in drei sehr unterschiedliche Teile. Die Ölfelder finden sich zum kleineren Teil im Norden des Landes, der im Wesentlichen von Kurden bewohnt wird und sich seit Jahren von den arabischen Landesteilen zu separieren sucht. Rund um die kurdische Provinzhauptstadt Erbil hat sich in den vergangenen fünf Jahren eine Oase der Stabilität und marktwirtschaftlichen Entwicklung etabliert, fast alle der etwa 150 im Irak tätigen deutschen Unternehmen haben sich hier angesiedelt, in aller Regel mit Verkaufsbüros. Nach der Invasion der Terroristen-Armee ist die irakische staatliche Armee aus allen nördlichen Landesteilen verschwunden. Die Kurden sind in das Vakuum vorgestoßen und haben die ölreiche Gegend um die Stadt Kirkuk in Besitz genommen. Erster Schritt zu einem von Bagdad ganz unabhängigen, ölreichen Kurdistan? Oder Eröffnung einer neuen Front im Bürgerkrieg, sobald die Terroristenführer sich stark genug fühlen, die ihnen verhassten Kurden zu attackieren? Das ist noch unklar.

Die größten Ölreserven der Welt
Eine Frau trocknet Wäsche auf einer Erdöl-Pipeline Quelle: ASSOCIATED PRESS
Libyen Quelle: REUTERS
Logo von Rosneft Quelle: ITAR-TASS
Ölraffinerie in den Vereinigten Arabischen Emiraten Quelle: AP
Ktar Quelle: REUTERS
Kuwait Quelle: REUTERS
Irak Quelle: REUTERS

Mit der Ruhe in Kurdistan ist es jedenfalls vorbei. Denn ein unabhängiger Staat im Nordirak ist für die Nachbarn Iran und Türkei eine Horrorvorstellung, schon wegen der mehr oder weniger unterdrückten kurdischen Minderheiten auf eigenem Staatsgebiet. Erst einmal wird die Türkei allerdings den irakischen Kurden gegen die Terroristen beistehen müssen. Denn die haben die Pipeline zwischen Erbil und dem türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan unter Beschuss genommen und türkische Bürger als Geiseln genommen. Die Regierung in Ankara muss jetzt dieselben terroristischen Glaubenskämpfer abwehren, denen sie seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor drei Jahren ein sicheres Hinterland geboten hat.

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