Kampfjet-Abschuss In Syrien bleibt Krieg - mit und ohne Russland

Der Kreml zieht den Syrien-Krieg zusätzlich in die Länge. Der Abschuss eines Kampfjets durch türkische Truppen verstärkt die Tendenz noch. Aber ohne Moskau ist der Krieg nicht zu lösen. Eine Analyse verworrener Interessen.

Russlands Präsident Vladimir Putin. Quelle: dpa

Wie sich der Tod anhört, weiß Ahmed nur zu gut. Es ist ein tiefes Dröhnen, das immer näher kommt, sagt der Mittvierziger aus Aleppo. Minuten später knallt es, wenn die ersten Bomben einschlagen. Der Installateur hat auch registriert, dass sich der Tod neuerdings anders anhört, nämlich viel leiser. „Das sind die Russen, die unsere Stadt seit einigen Wochen aus größerer Höhe bombardieren.“ Das dumpfe Dröhnen bleibe jedenfalls Alltag in der völlig zerbombten Großstadt im Norden Syriens, deren Wasserwerke er mit Hilfslieferungen aus dem Westen flickschustert.

Diesen Dienstag sitzt Ahmed in Gaziantep, einer türkischen Großstadt rund 100 Kilometer nördlich von Aleppo. Er ist gekommen, um wieder eine Ersatzteillieferung in Empfang zu nehmen. Stunden zuvor hat die türkische Armee einen russischen Kampfjet vom Himmel geholt. Dass seine Landsleute zuhause froh und dankbar darüber sind, weiß der Mann mit dem Schnauzer. Doch er kann sich nicht über den Zwischenfall mit einem Todesopfer freuen: „Wir wollen nur Frieden in Syrien“, sagt er, und dieser Abschuss werde den Krieg nur verlängern.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Vermutlich hat er Recht, der Installateur aus Aleppo. Denn die Russen und deren verbündeter Diktator Baschar al-Assad haben im Syrien-Konflikt etwas, was der Türkei, Europa, dem Westen und vor allem der syrischen Bevölkerung fehlt: Zeit.

Schlechte Chancen für den Fahrplan zum Kriegsende

Jede weitere Bombe, die in Gebieten der syrischen Opposition Existenzen zerstört, treibt neue Menschen in die Flucht – in die Türkei, den Libanon und Jordanien, weiter nach Europa, aber nicht nach Russland. Derweil kommt zwar auch der Kampf gegen den IS nicht voran, dem sich die Russen in zweiter Linie ebenfalls annehmen. Die islamistische Terrorgruppe, das weiß man auch in Moskau, lässt sich ohnehin nur auf lange Sicht bekämpfen: Im Moment scheint man zufrieden, dass sich die Radikalen nicht weiter ausbreiten.

Die Zeit rennt am Verhandlungstisch im Wien. Dort sprechen die Vertreter Russlands und westlicher Staaten seit Oktober über eine Lösung des Bürgerkriegs. Nach jetzigem Stand soll es im Januar erste Gespräche zwischen Machthaber Assad und oppositionellen Gruppen geben; binnen sechs Monaten soll eine Übergangsregierung stehen, ehe ein Jahr später Neuwahlen folgen. Ob dieser Fahrplan eingehalten wird, liegt maßgeblich am Druck der Russen auf das Assad-Regime – und dafür stehen die Chancen schlechter denn je, seit sich die Türken zu jenem irrsinnigen Bomberabschuss entschlossen haben.

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