Kanada-Wahl Öl oder Öko

Kanada wählt ein neues Parlament und entscheidet indirekt über seine künftige Wirtschafts- und Energiepolitik.

Mulcair Quelle: REUTERS

Als „tree hugger“ verspotten die USA-Amerikaner gerne ihre nördlichen Nachbarn. Die Kanadier, so das Klischee, seien so umweltbewusst, sie würden am liebsten die Bäume umarmen. Tatsächlich zieht es die Kanadier oft in die Natur, sie trennen ihren Müll und kaufen gerne Bio-Produkte. Ihre Öko-Bilanz ist dennoch katastrophal. Kanada ist – gemessen am Pro-Kopf-Ausstoß – einer der größten CO2-Emittenten der Welt. Das liegt vor allem an der Produktion von Rohöl, das Kanada zu über 50 Prozent aus Teersanden gewinnt. Der Prozess ist extrem energieaufwändig und damit klimaschädlich.

Bisher hat sich die Mehrheit der Kanadier damit arrangiert, schließlich sorgte die Ölindustrie für zahlreiche Jobs, gute Löhne und hohe Einnahmen des Landes. Doch der Preisverfall des Rohstoffs hat Kanada, fünftgrößter Ölproduzent der Welt, in die Rezession gestürzt – und zum Nachdenken gebracht. Die Parlamentswahlen am Montag sind nicht nur eine Abstimmung über eine neue Regierung, sondern auch ein Votum über die künftige Wirtschafts-, Energie- und Umweltpolitik des Landes.

Wer spart Treibhausgase - wer nicht?

„Es ist eine Richtungswahl“, sagt Politikbeobachter und Energieexperte Benjamin Dachis von der kanadischen Denkfabrik „C.D. Howe Institute“. „Und der Ausgang ist völlig offen.“

Stephan Harper, seit 2006 Ministerpräsident des Landes, setzt weiter auf die Ölindustrie. „Wir können unsere langfristige Politik nicht von Marktschwankungen abhängig machen“, findet der Amtsinhaber bei einem Wahlkampfauftritt nahe Toronto. Die Branche sorge für Wohlstand und mache Kanada unabhängig von Importen aus Krisenländern. Die Ölkonzerne sollen deshalb weiter Steuerrabatte für die Erforschung neuer Ölfelder bekommen; höhere Unternehmenssteuern sollen per Gesetz ausgeschlossen werden. Vor allem aber: Neue Pipelines sollen gebaut und den Rohstoff schneller und kostengünstiger in die USA und an die kanadischen Küsten bringen, von wo aus das Öl über den Pazifik nach Asien gelangen soll.

Den Kanadiern ist der Klimaschutz wichtiger als die Ölförderung

Seine politischen Gegner wollen der Ölindustrie klare Grenzen setzen. Die Liberalen können sich mit „Keystone XL“, einer Pipeline gen Texas, anfreunden, nicht aber mit den Fernleitungen gen Küste; die Sozialdemokraten wollen jedwede Pläne nur realisieren, wenn es die kanadischen Klimaziele nicht gefährdet, so Spitzenkandidat Thomas Mulcair. Und die Grünen wollen die Abhängigkeit vom Öl drastisch verringern und ganz unbescheiden zum weltweiten Vorreiter bei Erneuerbaren Energien werden.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde
Das BevölkerungswachstumDie Anzahl der Menschen auf der Erde wächst jedes Jahr um etwa 70 bis 80 Millionen Personen. Das entspricht fast der Bevölkerungsgröße Deutschlands. Bis 2050 soll laut Schätzungen der Vereinten Nationen die Weltbevölkerung auf knapp 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. Dass die Kinder nicht hierzulande oder bei unseren europäischen Nachbarn geboren werden, ist hinreichend bekannt. Vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika und Asien wächst die Bevölkerungszahl. Dadurch wächst auch der Bedarf an Rohstoffen, Energie, Wasser und Nahrung. Quelle: dpa
WirtschaftswachstumTrotz Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1992 hat sich der CO2-Ausstoß kaum verringert. Lediglich als 2009 aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise viele Industriestätten weniger produzierten, sank der Wert der Kohlendioxidemission auf 784 Millionen Tonnen. Schon ein Jahr später lag der Wert wieder bei 819 Millionen Tonnen. Dabei entsteht ein Großteil der Emissionen in nur wenigen Ländern wie China, den USA und der EU. Quelle: dpa/dpaweb
AutomobileWährend Carsharing und der öffentliche Nahverkehr in Ländern wie Deutschland in Zeiten hoher Bezinkosten viele Anhänger findet, ist der weltweite Trend eindeutig ein anderer. Immer mehr PKW fahren über den Globus. 2010 wurde erstmals die 1.000.000-Marke geknackt. Besonders viele Autos pro Einwohner werden in Monaco und den USA gefahren. Quelle: dpa
Kohle, Kohle, KohleDer seit Mai 2012 stetig ansteigende Ölpreis hat dafür gesorgt, dass Kohle wieder an Attraktivität gewonnen hat. Die Wiederauferstehung der Kohle ist für die Umwelt eine Katstrophe. Laut BUND sind Kohlekraftwerke mehr als doppelt so klimaschädlich wie moderne Gaskraftwerke. Die großen Dampfwolken aus den Kühltürmen der Kraftwerke machen ein anderes Problem deutlich: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie geht meist als ungenutzte Wärme verloren. Quelle: dpa
AbholzungDas Handout der Umweltschutzorganisation WWF zeigt die illegale Abholzung eines Waldgebietes in Sumatra (Indonesien). Jährlich gehen knapp 5,6 Millionen Hektar Wald verloren. Die fortschreitende Abholzung von Regenwäldern trägt entsprechend mit zur globalen Erderwärmung bei. Denn die Wälder speichern Kohlendioxid. Quelle: dpa
RindfleischRinder sind wahre CO2-Schleudern. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch in Brasilien erzeugt genauso viel klimaschädliches Kohlendioxid wie eine 1.600 Kilometer lange Autofahrt. In diese Rechnung fließen mehrere Faktoren ein. Zum einen können auf dem für die Rinder genutzten Weideland keine Wälder mehr wachsen. Zum anderen scheiden Rinder das klimaschädliche Gas Methan aus. Laut WWF sind in Deutschland fast 70 Prozent der direkten Treibhausemissionen auf die Ernährung mit tierischen Produkten zurückzuführen. Quelle: dpa
WegwerfgesellschaftNicht nur Unmengen an Verpackungsmüll produzieren die Deutschen. Wir schmeißen auch jede Menge Lebensmittel weg, pro Kopf etwa 100 Kilogramm pro Jahr. Auch diese Verschwendung wirkt sich massiv negativ auf das Klima aus. Quelle: dpa

Bei den Wählern dürften die Töne der Opposition gut ankommen. Laut einer Umfrage finden 61 Prozent der Kanadier den Klimaschutz wichtiger als Pipelinebau und die Ölförderung aus Teersand. 70 Prozent wollen, dass ihr Land international eine Führungsrolle im Klimaschutz übernimmt.

„Kanada muss sich entscheiden. Man kann nicht gleichzeitig die Ölförderung aus Teersanden ausweiten und den Ausstoß von Treibhausgasen um 15 oder 20 Prozent reduzieren“, sagt Dachis.

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