Kanzlerin Charme-Offensive im Reich der Mitte

Es ist noch eine Stunde bis zum offiziellen Beginn der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen, und die Gastgeber spielen noch einmal alles durch. Das Musikcorps übt die Hymnen, die Ehrenformation steht stramm, der Kommandeur bellt seine Befehle und paradiert im Stechschritt über den roten Teppich. Die Begrüßung von Staatsgästen findet in Peking seit einigen Jahren stets in der Großen Halle des Volks statt. Das schützt genauso vor Regen wie vor Hitze. Zwei Soldaten messen den Bodenbelag nach und bringen kleine Markierungen für den Laufweg an.

Merkel Jiabao Quelle: REUTERS

Jenseits aller Drangsalierungen lassen sich Diktaturen leicht erkennen: an ihrer Architektur und ihrem Zeremoniell. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Je erdrückender die Gebäude, je lauter das Kommandogebrüll, desto unfreier das Regime. Das gigantische Symbol aus Beton, in den fünfziger Jahren im chinesisch-stalinistischen Stil errichtet, macht jeden Menschen klein.

Aber ein wenig legerer als früher geht es schon zu. Weil der Andrang der Journalisten so groß ist, schleppen die Beamten immer neue Absperrkordeln heran, um das Aufstellungsabteil für die Presse zu vergrößern. Früher hätte man alle auf dem einmal festgelegten Raum zusammengepfercht. Und ich darf noch herumspazieren, in Nebenräume schauen, die mehr als mannshohen Vasen bestaunen, die die Gigantomanie des Gebäudes beim Interieur fortsetzen.

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP
Rasantes WachstumChina hat Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Sein Bruttoinlandsprodukt beträgt 2011 fast 7,3 Billionen US-Dollar, das sind etwa 5.417 Dollar pro Chinese. Die Chinesen sind damit heute etwa viermal so reich wie vor zehn Jahren. Die Wachstumsraten, die vor 2007 jahrelang weit über 10 Prozent lagen, haben sich etwas abgeschwächt, blieben aber auch in den Krisenjahren der Weltwirtschaft beeindruckend. 2011 waren es 9,24 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds 7,83 Prozent. Quelle: AP
Alles unter KontrolleWer in chinesische Firmen investiert, investiert in der Regel auch in den chinesischen Staat. Denn die meisten großen chinesischen Aktienunternehmen sind staatlich kontrolliert. Dazu zählen etwa der größte einheimische Ölkonzern PetroChina und die Bank of China. Auch das Management der Konzerne ist mit der politischen Führung eng verwoben. Wirklich privat geführte Unternehmen haben es oft schwer, da die Staatsunternehmen privilegiert werden. Quelle: rtr
Millionen ChristenChristen haben es in dem traditionell konfuzianistisch geprägten und seit 1949 kommunistisch - also atheistisch - regierten Land schwer. Offiziell sind es - Stand 2008 - etwa 19 Millionen. Tatsächlich dürften es aber sehr viel mehr sein und mit wachsender Tendenz. Manche Autoren schätzen bis zu 80 Millionen. Erstaunlich ist der Zulauf vor allem angesichts des Verbotes jeglicher Missionierung nach der kommunistischen Machtübernahme und der brutalen Christenverfolgung im Rahmen der Kulturrevolution in den 1960er Jahren. Quelle: AP

Wie es sich gehört

Als Merkel am Morgen gegen sieben Uhr auf dem Flughafen in Peking landete, gab es nur eine so genannte stille Ankunft. So heißt das Zeremoniell, wenn nur protokollarisch Nachrangige – in diesem Fall der Staatssekretär im Außenministerium und der stellvertretende Protokollchef - den Gast in Empfang nehmen. Zwar ist eine kleine Formation aller Waffengattungen als Ehrenspalier aufmarschiert, mit aufgepflanztem Bajonett, aber es fehlt das Tschingderassabumm. Das soll ja später erst stattfinden.

In der großen Halle des Volkes haben inzwischen die Delegationen Aufstellung genommen. Links vom mittleren Teppichband die Gastgeber, rechts davon die Zugereisten. Die Reihenfolge richtet sich normalerweise nach der Geschäfts- und damit Hackordnung der Bundesregierung, doch Merkel handhabt es anders. An erster Stelle steht nicht der Außenminister, sondern der Vizekanzler, den es in der deutschen Verfassung gar nicht gibt: Also erst Philipp Rösler, dann Guido Westerwelle, dann Wolfgang Schäuble, und so weiter.

Bildungsministerin Annette Schavan ruft gut gelaunt zu mir herüber: „Stellen Sie sich doch mit dazu, wir erklären Sie zum Staatssekretär für Irgendwas.“ Das gäbe einen schönen Eklat, wenn die Kanzlerin beim Vorstellen Ihrer Regierung plötzlich den eingeschmuggelten Journalisten erklären müsste. Und überhaupt: Krumrey als Staatssekretär? „Das wäre für beide Seiten nicht gut“, antworte ich, und Schavan weist „diese Distanzierung von der Regierung“ zurück. Aber genau das soll es sein – wie es sich für Journalisten gehört.

Als Ministerpräsident Wen Jiabao erscheint, wird es urplötzlich still.

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