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Kapitalabfluss Finanzkrise beutelt nun auch Zentral- und Osteuropa

Viele hielten die Region Mittel- und Osteuropa für einen sicheren Hafen, doch jetzt geht es Schlag auf Schlag: Die exportabhängige Industrie leidet unter der Nachfrageflaute im Westen. Kapital fließt ab. Kredite in Auslandswährung können nicht mehr bedient werden. Den Ungarn droht sogar ein Staatsbankrott.

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Das Parlament in Budapest, Quelle: dpa

Lange schien es, als rausche die Finanzkrise an den Ländern Zentral- und Osteuropas vorbei, als verwüste sie vor allem den Westen, Russland und Japan. Der Polnische Zloty etwa und die Tschechische Krone werteten unbeirrt auf. Polen und Tschechen genossen den vorteilhaften Wechselkurs auf Shopping-Ausflügen und Urlaubsreisen in die Eurozone und die gebeutelten USA. Banken rieten zum Kauf vermeintlich sicherer Osteuropa-Fonds.

Mit dem trügerischen Schein ist es nun vorbei. Besonders Ungarn, ohnehin im Ausland hoch verschuldet, leidet unter starkem Kapitalabfluss. Das Vertrauen der Anleger ist dahin. Der Ungarische Forint verlor so stark an Wert, dass die Zentralbank des Landes ihren Leitzins um 300 Basispunkte auf 11,5 Prozent anhob. Pessimisten sagen dem hoch verschuldeten Land mit seiner kaum noch wachsenden Wirtschaft sogar einen Staatsbankrott ähnlich dem isländischen voraus. Vorsichtshalber gewährte die Europäische Zentralbank den Ungarn bereits eine Kreditlinie von fünf Milliarden Euro. Serbien, die Ukraine und Weißrussland haben den Internationalen Währungsfonds IWF um Hilfsgarantien gebeten.

Polen ist zwar weniger hoch im Ausland verschuldet, doch auch hier erwarten Ökonomen einen Rückgang des Wirtschaftswachstums von 6,5 Prozent im vergangen Jahr auf drei Prozent im Jahre 2008. Grund ist vor allem die starke Vernetzung der polnischen Industrie mit der abkühlenden westeuropäischen Wirtschaft. Kaufen etwa die Deutschen weniger Autos, sinkt auch der Bedarf an Fahrzeugen aus dem Volkswagen-Werk in Posen (Poznan) und dem Opel-Werk in Gleiwitz (Gliwice). Auch die erfolgsverwöhnte tschechische Volkswagen-Tochter Skoda legte zeitweise ihre Fertigungsstraßen still, um bei sinkender Nachfrage keine Neuwagen-Halden zu produzieren.

Wachsender Unmut gegen Banken in Osteuropa

Mit wachsendem Unbehagen blicken die Mittel- und Osteuropäer auch auf ihre Finanzbranche – auf jene Banken, die ihnen in den Boomjahren so eifrig neue Finanzprodukte aufgeschwatzt haben. Die Finanzwirtschaft der Region liegt größtenteils in ausländischer Hand, Geldhäuser wie die italienische UniCredito und die österreichischen Finanzinstitute Erste Bank und die Raiffeisen-Bankengruppe dominieren nach der Übernahme der heimischen Institute in den Neunzigerjahren das Geschäft zwischen Warschau und Sofia. In den baltischen Ländern übernahmen  skandinavische Banken die Finanzbranche.

Da ihre Banken über deren Mutterkonzerne mit dem globalen Finanzgeschäft verknüpft sind, sind auch die Länder Zentraleuropas äußeren Risiken ausgesetzt.

Zwar haben einige Länder wie etwa Tschechien Gesetze, die den ausländischen Mutterhäusern im Falle einer Notlage übermäßige Kapitalentnahme aus ihren lokalen Töchtern verbieten – doch was nützen diese den heimischen Unternehmen, wenn ihnen die Banken wegen Liquiditätsproblemen bei der Konzernmutter keine Kredite mehr gewähren?

Besonders in Ungarn und Rumänien steigt das Risiko für Privatkunden, weil viele Kredite in westlichen Währungen, etwa Euro, aufgenommen haben und bei einer weiteren Abwertung ihrer eigenen Währung ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können.

Dann blüht ihnen, was zahlreiche Bankkunden im Baltikum bereits durchmachen. In Lettland und Estland ist das Wirtschaftswachstum zusammengebrochen. Nach 7,1 Prozent im Jahre 2007 wird die estnische Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich nur noch um 0,1 Prozent wachsen. Das Land litt bereits vor der Finanzkrise unter hoher Inflation, schwacher Binnennachfrage und dem Zusammenbruch seines überhitzten Immobilienmarktes. Nun platzen die letzten Hoffnungen auf eine rasche Wiederbelebung der einstigen Musterökonomie Zentral- und Osteuropas.

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