WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Karlspreis an Schäuble Der letzte Europäer

Wolfgang Schäuble gilt manchen als Hardliner, der mit seinen Sparforderungen an die Krisenländer den Euro aufs Spiel setzt. Doch er ist leidenschaftlicher Europäer. Deshalb hat er heute den Aachener Karlspreis bekommen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Düsseldorf Kein deutscher Politiker hat in Griechenland so viel Zorn auf sich gezogen wie Wolfgang Schäuble. Einst sprach er sich dafür aus, Griechenland unter das Kuratel eines Brüsseler Sparkommissars zu stellen. Jetzt gibt er wieder den Hardliner und schließt Nachverhandlungen über das Griechen-Hilfspaket aus. So manche griechische Tageszeitung hat ihn schon in Naziuniform abgebildet.

Doch grade Wolfgang Schäuble bekommt nun für seine Verdienste um die Stabilisierung der Währungsunion den Aachener Karlspreis. "Wenn Wolfgang Schäuble über Europa spricht, dann sind es beileibe nicht nur fiskal- und währungspolitische Probleme, die den Bundesfinanzminister umtreiben," heißt es in der Begründung des Direktoriums. Europa sei für Schäuble eine Herzensangelegenheit und innere Überzeugung.

"Seit ich ihn kenne, gibt es ein Thema, dass ihn besonders bewegt - und das ist Europa," sagte der CDU-Politiker Hans-Peter Repnik, ein langjähriger Freund Schäubles. Der Philosoph Jürgen Habermas bezeichnete ihn als "letzten profilierten Europäer im Kabinett.“

Die Leidenschaft für Europa hängt eng mit Schäubles Biografie zusammen. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs in der Nähe der französischen Grenze geboren. Schon als junger Abgeordneter des Wahlkreises Offenburg leitete er 1979 die Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Obwohl Schäuble in den Euro-Krisenländern als Hardliner gilt, befürwortet er eine stärkere europäische Integration. Mit seinen Vorschlägen hierfür ist er häufig weit über das hinaus gegangen, was Kanzlerin Merkel zu tun bereit war. Zum Beispiel forderte er vor zwei Jahren die Gründung eines Europäischen Währungsfonds – und wurde von der Kanzlerin zurückgepfiffen.

    Auch Eurobonds hat Schäuble für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Vorraussetzung dafür seien aber Regeln für strikte Haushaltsdisziplin. Bald könnte Schäuble eine noch wichtigere Rolle bei der Lösung der Euro-Krise einnehmen als ohnehin schon.


    Favorit für Eurogruppen-Chefposten

    Schäuble wird als Nachfolger für Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker gehandelt. In dieser Rolle könnte er die Tagesordnung für die Treffen der Euro-Finanzminister setzen. Grade in der jetzigen Phase, wo die Euro-Länder angesichts des Chaos in Griechenland hilflos wirken, ist eine klare Linie wichtig. Immer wieder sorgen völlig unterschiedliche Kommentare der Euro-Finanzminister an den Märkten für Unsicherheit.

    Derzeit tritt Schäuble vor allem als Anwalt der deutschen Interessen auf - und Deutschland muss bei jeder Rettungsaktion für die Krisenländer den größten Anteil bezahlen. Wenn Schäuble jedoch Eurogruppen-Chef würde, müsste er stärker Kompromisse suchen. Das könnte die deutsche Verhandlungsposition schwächen. Schäuble sieht dies aus einer anderen Perspektive: "Was gut ist für Europa, ist gut für Deutschland", sagt er.

    Auch der bisherige Euro-Gruppenchef Juncker gilt als leidenschaftlicher Verfechter der europäischen Idee. Wie Schäuble jetzt, wurde auch er 2006 mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Allerdings war Juncker zuletzt verbittert darüber, dass Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy wichtige Entscheidungen in der Euro-Krise unter sich trafen. Erst hinterher stellten sie die anderen Euro-Länder vor vollendete Tatsachen.

    Sein Rückzug vom Chefposten habe auch mit Verbitterung über die Einmischung Deutschlands und Frankreichs zu tun, räumte Juncker ein. Er habe es nicht sehr gerne, wenn zwei so täten, als ob sie ganz alleine die Geschicke Europas zu bestimmen hätten. In dieser Hinsicht hat Schäuble einen Vorteil gegenüber Juncker. An ihm wird sicher kein Weg vorbei führen, wenn wichtige Entscheidungen in der Euro-Krise anstehen.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%