Kenneth Rogoff "China will weiter als aufsteigende Supermacht gelten"

Der Starökonom erklärt die Gründe für Pekings Schwäche – und verteidigt die deutsche Euro-Politik gegen US-Nobelpreisträger Paul Krugman.

Kenneth Rogoff Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Rogoff, mögen Sie Krisen?

Kenneth Rogoff: Wie meinen Sie das?

Ihre Reputation beruht maßgeblich darauf, dass Sie als einer der wenigen Ökonomen die Euro-Krise vorhergesagt haben. Seit Jahren warnen Sie auch vor einem Abschwung in China. Und erneut scheinen Sie recht zu behalten.

Ich mag einen Satz des MIT-Ökonomen Rudi Dornbusch, der einst sagte, in der Ökonomie dauerten Dinge immer länger, als man denkt – aber wenn sie passierten, käme alles schneller als gedacht.

Gefragter Vordenker

Das müssen Sie uns erklären.

Gerade vor Finanzkrisen sind die möglichen Gründe dafür ja oft nicht unbekannt. Viele denken dann, es müsse schon früher krachen, aber dann passiert lange doch nichts. Dann steht man als Krisenprophet ziemlich alleine. Wenn dann aber was passiert, verläuft die Reaktion besonders heftig. Auch weil Leute geneigt sind zu sagen: War ja glasklar, dass es dazu kommen musste, also reagieren wir nun besonders extrem.

Gilt der Satz nun auch für China, wo die Aktienkurse ins Bodenlose taumeln?

einer anderen verbreiteten These: dass dieses eine Mal ausnahmsweise alles anders ist und es nicht zu einer Krise kommen wird. Argumente dafür gab es viele: Die chinesische Spitze hat die Wirtschaft lange hervorragend gemanagt. Chinesen arbeiten hart, sie sparen viel, das Land verfügt zudem über gewaltige Devisenreserven.

Und nun scheint die Party dennoch vorbei.

Ich sehe in China natürlich keine Krise wie in Griechenland voraus. Aber zu sagen, dass die Chinesen keine erhebliche Wachstumsdelle verkraften werden müssen, ist wirklich naiv. Die muss kommen. Das Land kann nicht 30 Jahre lang ohne Rückschlag wachsen. Dafür sind Verschuldung und politische Probleme dort schlicht zu groß.

Meinen Sie die Schattenbanken, die maroden Staatsbetriebe, die hohen öffentlichen Schulden?

Deutsche sehen China als Bedrohung
Wirtschaftsmacht37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung. Quelle: dpa/dpaweb
BevölkerungswachstumBabyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an. Quelle: REUTERS
Kommunismus15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild. Quelle: REUTERS
Chinesische MauerMan kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland. Quelle: dpa
Chinesisches EssenPeking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche. Quelle: REUTERS
MenschenrechtsmissachtungEbenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden. Quelle: dpa
Diebstahl von Ideen12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer. Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware. Quelle: dpa
Großes, weites Land China ist groß, klar, das wissen auch wir im fernen Europa. 12 Prozent der Befragten denken bei China daher an ein großes, weites Land. Groß trifft es auf den Punkt, denn die Volksrepublik hat mit 1,34 Milliarden Einwohnern mehr als Nordamerika, Europa und Russland zusammen. Damit geht nicht nur Faszination einher sondern auch Angst: 35 Prozent der befragten Bevölkerung empfinden Chinas Größe als Bedrohung. Über die Kultur und Gesellschaft Chinas wissen Deutsche sehr wenig. 57 Prozent sagen aus, die chinesische Kultur sei ihnen fremd. China wird als ein Land gesehen, dass stark durch Traditionen geprägt ist und in der vor allem Höflichkeit, Friedfertigkeit und Familien- und Gemeinschaftssinn herrschen. Wenig zu wissen bedeutet aber nicht, sich nicht für China zu interessieren: 55 Prozent der Deutschen geben an, sehr großes oder großes Interesse an der Geschichte, Philosophie und Kultur der Voksrepublik zu haben. Quelle: REUTERS
BilligprodukteAcht Prozent der Deutschen denken bei China vor allem an Billigprodukte, à la „made in China“. Dabei wird rund ein Viertel der globalen Exporte von Spitzentechnik in China hergestellt. Dennoch bestimmt das Bild von mangelhaften Massenprodukten das Chinabild der Deutschen maßgeblich. Das ist nicht zuletzt den Medien zu schulden, die viel und gerne über die schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Firmen, Billigware und die Ausbeutung chinesischer Arbeitskräfte berichten. Für China hat das Billigprodukt-Image der Deutschen fatale Folgen: Es senkt das Markenimage chinesischer Produkte. Und das, obwohl viele chinesische Unternehmen bereits durch hohe Produkt- und Servicequalität bestechen. Weltweit, wie auch in Deutschland. Quelle: dpa
Ein-Kind-PolitikManche loben sie, andere verurteilen sie aufs Schärfste: Die Ein-Kind-Politik Chinas. Die fällt fünf Prozent der Befragten zum Stichwort China ein. Die Politik soll das Bevölkerungswachstum in der Volksrepublik China regulieren, indem jede Familie nur ein Kind haben darf. Das hatte seinen Grund: Bis zu Öffnungspolitik 1979 brachen durch die Überbevölkerung in China immer wieder Hungersnöte und Wirtschaftskrisen aus. Auch wenn die Ein-Kind-Politik als notwendige Maßnahme betrachtet wurde, gibt es heute verschiedene negative Auswirkungen, die vor allem die Städte betreffen. So leben laut Statistik in China heute mehr als 140 Millionen Einzelkinder. Sie werden von ihren Eltern verwöhnt und können daher wenig Sozialkompetenzen entwickeln. Außerdem lastet auf ihnen die Verpflichtung, alleine beide Elternteile im Alter versorgen zu müssen. Quelle: dapd

Ich meine das eher prinzipiell. China versucht derzeit einen Kurswechsel: von einer Volkswirtschaft, die 50 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes investiert und ganz überwiegend vom Export lebt, hin zu einer, die sich eher auf heimische Konsumenten verlässt. Dieser Übergang ist extrem schwierig. Selbst wenn er gelingt, wird die chinesische Wirtschaft langsamer wachsen.

Und wenn es zu einem Zusammenbruch der Finanzmärkte käme – wäre dann auch soziales und politisches Chaos programmiert?

Chinas Präsident Xi Jinping hat so viel Macht angehäuft wie wohl keiner seiner Vorgänger seit Mao. Wir können seine starke Stellung durchaus mit der von Wladimir Putin in Russland vergleichen. Also muss die Krise nicht unbedingt zum politischen Chaos führen. Ganz sicher wird es aber zu gewaltigen sozialen Spannungen kommen, sollte die Wirtschaft langsamer wachsen.

Weil die Partei schnelles Wachstum garantiert hat?

Darauf beruht die Glaubwürdigkeit der Kommunistischen Partei. Sie liefert ja auch Wachstum, aber in einer Weise, die auf keinen Fall aufrechtzuerhalten ist. Das würden Parteifunktionäre selber zugeben.

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