WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Klimawandel Wenig Ehrgeiz bei den Klimazielen

Auf der Konferenz in Kopenhagen übertreffen die Staatschefs sich mit Klimazielen. Die meisten sind weit weniger ambitioniert, als sie scheinen – derweil nehmen die weltweiten Emissionen zu.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
US-Präsident Barack Obama, Quelle: REUTERS

Der Weg von Washington nach Oslo führt über Kopenhagen – zumindest für Barack Obama. Bevor der US-Präsident in der norwegischen Hauptstadt am Donnerstag seinen Friedensnobelpreis entgegennimmt, will er kurz bei der 500 Kilometer entfernten Klimakonferenz der Vereinten Nationen vorbeischauen. Dort kann der Preisträger beweisen, dass er die Vorschusslorbeeren für „außergewöhnliche Bemühungen um die internationale Diplomatie“ tatsächlich verdient: Die Verhandlungen stocken, die Positionen scheinen unvereinbar, ein Einlenken der USA gilt als Schlüssel zum Erfolg. In bekannter „Yes we can“-Manier nutzte Obama seine Chance und verkündet vor der Konferenz eigene Klimaziele.

Damit ist der US-Präsident in guter, grüner Gesellschaft. Die weltgrößten Emittenten bringen sich im Vorfeld der Konferenz in Stellung, alle Staatschefs verpassen sich noch schnell ein Öko-Image, fast die Hälfte möchte sogar selbst nach Kopenhagen reisen. Das Wettrüsten bei den Klimazielen ist in vollem Gang: Während die USA womöglich 17 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen wollen, bietet Russland 20 Prozent. Japan macht mit stolzen 25 Prozent Schlagzeilen, selbst China, Weltmeister der Verschmutzer, protzt mit bis zu 45 Prozent. Doch was steckt hinter diesen Zahlen – Reduktion von was, bis wann, verglichen mit welchem Jahr? Ein kurzes Rechenexempel zeigt: Die angepriesenen Klimaziele sind weniger ambitioniert, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Kyoto-Klimaziele genügen nicht

Dass sich die Staaten mit Klimazielen übertrumpfen, hat einen triftigen Grund: In Kopenhagen soll nach zwei Wochen Verhandlungsmarathon ein umfassendes Abkommen vereinbart werden. Die Zeit drängt, die Verpflichtungen durch das Kyoto-Protokoll enden 2012. Die darin beschlossene Emissionsminderung von im Schnitt fünf Prozent bis 2012 reicht Wissenschaftlern zufolge nicht mehr aus.

Grafik: Weltkarte der CO2-Emissionen

Der UN-Klimarat warnt: Wenn sich die Erde um mehr als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erwärmt, sind die Risiken des Klimawandels nicht mehr beherrschbar – und die Kosten auch nicht. Bis zu 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts gingen drauf, wenn nichts unternommen wird, rechnet Nicholas Stern vor, einst Chefökonom der Weltbank, heute Berater der britischen Regierung. Der Klimaschutz dagegen sei günstiger; er verschlingt nur ein Prozent des globalen BIPs.

Auf dem G8-Gipfel im italienischen L’Aquila vereinbarten die führenden Industrienationen mit den weltgrößten Emittenten im Sommer offiziell das Zwei-Grad-Ziel. Dafür müssen die globalen Treibhausgas-Emissionen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts mindestens halbiert, die der Industriestaaten um 80 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 sinken. Uneinigkeit herrscht jedoch in Bezug auf dieses Basisjahr 1990 – denn damit haben vor allem jene Länder einen guten Stand, deren schmutzige Schwerindustrie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammengebrochen ist. Staaten, die wirtschaftlich noch kräftig zugelegt und damit mehr emittiert haben, werben für ein späteres Basisjahr.

Anspruch und Wirklichkeit liegen weit auseinander. Die einen rechnen sich ihre Ambitionen schön, die anderen geben ambitionierte Ziele an, die de facto einem Rückschritt gleichkommen. Dabei gilt die alte Regel: Je mehr Schmutz, desto eifriger wird er unter den Teppich gekehrt:

Grafik: CO2-Emissionen Deutschland und USA

USA: Das Land der unbegrenzten Emissionen will sich vom Klimasünder zum Retter der Atmosphäre mausern. Diese Metamorphose will aber so recht nicht gelingen: Dem mächtigsten Mann der Welt sind die Hände gebunden, seine Klimaziele haben bisher nicht den Segen des Kongresses. Barack Obama möchte den CO2-Ausstoß bis 2020 um 17 Prozent unter das Niveau von 2005 – nicht 1990! – drücken. Dieses Ziel hatte das Repräsentantenhaus im Sommer in einem ersten Klimaschutzgesetz beschlossen. Noch fehlt allerdings die Zustimmung der zweiten Parlamentskammer, des Senats.

Das ist zwar mehr als nichts – aber auch nicht viel mehr. Denn die Reduktion von 17 Prozent gegenüber 2005 entspricht nach den Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) auf das Basisjahr 1990 gerechnet einer Verringerung der Emissionen von lediglich einem Prozent. Während Europa seinen CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent – eventuell 30 Prozent – und Deutschland um 40 Prozent senken will, bewegen sich die Vereinigten Staaten zurück zur Ausgangslage 1990. „Als Ziel ist das zu wenig“, sagt Eric Heymann, Analyst von Deutsche Bank Research. Aber immerhin setzen die Amerikaner ein gutes Zeichen – und das ist nicht zu unterschätzen für die weiteren Verhandlungen.

China geht es um Kohlenstoff-Intensität

China: Kurz nachdem die USA sich geäußert hatten, legte die Volksrepublik ebenfalls konkrete Ziele vor. Die Nummer eins unter den Klimasündern setzt sich bis 2020 die Zielmarke von 40 bis 45 Prozent, verglichen mit 2005. „Das klingt ambitioniert, ist aber keine Garantie dafür, dass die Emissionen tatsächlich sinken“, sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Den Chinesen geht es nämlich nicht um Reduktionsziele, sondern um die Kohlenstoff-Intensität. Der CO2-Ausstoß soll im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung verringert werden – gemessen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts –, nicht aber in absoluten Zahlen. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht will ihr Wachstum nicht durch Klimaziele ausbremsen, verursacht dabei mittelfristig steigende Emissionen.

Grafik: Klimaschädiger

Die Werkbank der Welt produziert neben Computern, Handys und Kameras eben auch sehr viel CO2. Für diesen Emissionsdreck fühlen sich die Chinesen nicht allein verantwortlich und fordern einen fairen Deal mit den Importeuren ihrer Güter. Der Staatsrat pocht auf die UN-Klimarahmenkonvention, wonach die Unterzeichner „gemeinsame, aber differenzierte Verantwortlichkeiten“ für das Weltklima tragen. Dafür will sich Premier Wen Jiabao in Kopenhagen einsetzen.

Russland: Der weltweit drittgrößte Emittent von Treibhausgasen, bislang nicht gerade als Umweltengel bekannt, gibt sich großzügig. Er will das Klimaziel der EU übernehmen und bietet an, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren – und zwar ebenfalls im Vergleich zum Basisjahr 1990. Abhängig von den Zusagen der anderen Staaten, ist Russland im Extremfall sogar zu einem Abbau um 25 Prozent bereit. Im Juni noch hatte Präsident Dmitri Medwedew lediglich ein Ziel von 10 bis 15 Prozent genannt.

Mit diesem neuen Angebot haben die Russen ihre europäischen Nachbarn im ersten Augenblick geradezu verzückt. Bis denen auffiel: Das wäre für Russland keine Leistung – im Gegenteil. Nach dem Zusammenbruch der Schwerindustrie im letzten Jahrzehnt emittiert das Land bereits heute über 30 Prozent weniger Treibhausgase als 1990. „20 Prozent kann nur ein erstes Angebot sein“, sagt Regine Günther, Klimaexpertin beim Umweltverband WWF. „Sonst könnte Russland de facto mehr ausstoßen.“

Grafik: Sünder und Geläuterte beim Treibhausgas

Indien: Nach China signalisiert nun auch Indien erste Zugeständnisse. Das Schwellenland, das rechtlich bindende Klimaziele bisher abgelehnt hat, erklärt nun grundsätzlich Bereitschaft, „ehrgeizige globale Ziele für die Senkung von Emissionen oder die Begrenzung des Temperaturanstiegs“ mitzutragen. So weit, so unkonkret. Immerhin machte Premier Manmohan Singh den Vorschlag, dass der indische CO2-Ausstoß pro Kopf in Zukunft nie den der Industriestaaten übersteigen werde.

Angesichts der aktuellen Zahlen mag das lächerlich erscheinen – schließlich stößt Indien pro Kopf nur zwei Tonnen Treibhausgase aus, in Deutschland sind es dagegen zwölf, in den USA 25 Tonnen. Aber die Idee ist interessant: Je schneller der reiche Westen seine Emissionen senkt, desto früher wird Indien an diese Grenze stoßen. Damit ist es im nationalen Interesse, einen klimaschonenden Wachstumspfad einzuschlagen – und dabei den eigenen, prosperierenden Markt der Umwelttechnologien zu fördern.

Japan sorgt für Überraschung

Japan: Für die größte Überraschung sorgte die neue Regierung in Tokio. Der japanische Premier Yukio Hatoyama will die Emissionen bis 2020 um 25 Prozent unter das Niveau von 1990 drücken. Die Vorgängerregierung hatte lediglich acht Prozent Reduktion angepeilt. Selbst das wäre schwierig, denn Japan läuft seinen Klimazielen hinterher. In Kyoto hatte sich das Inselreich verpflichtet, die Klimagase bis 2012 um sechs Prozent zu senken. Stattdessen ist der Ausstoß um acht Prozent gestiegen. Und das, obwohl japanische Behörden strenge Vorgaben für die Energieeffizienz von Haushalts- und Elektrogeräten machen – vom Kühlschrank bis zur beheizten Klobrille.

Deutschland: Einsamer Vorreiter in Sachen Klimaschutz ist und bleibt die Bundesrepublik. So konnte Deutschland sein Kyoto-Ziel, die Emissionen bis 2012 um 21 Prozent zu reduzieren, bereits im vergangenen Jahr erreichen. Grund dafür sind allerdings weniger die zahlreichen Solardächer und Windräder. „Der Erfolg geht zum größten Teil auf das Konto der Wiedervereinigung“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Deutschland sei mit seinem hohen Anteil an Kohlestrom für knapp ein Viertel der europäischen Emissionen verantwortlich und damit der größte Verschmutzer der EU. Unterm Strich ist die Klimabilanz deshalb nur „Mittelmaß“ – so eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC).

Damit will sich einer nicht abfinden: Umweltminister Norbert Röttgen sieht den Klimaschutz nicht als Kostenfaktor, sondern als Motor für Investitionen und Wettbewerb. Der Christdemokrat hält sich nicht lange mit schönen Worten über die Schöpfung auf, sondern schwört die deutsche Industrie auf den Wettlauf um die Leitmärkte von morgen ein. Die CO2-Schleudern können sich auf einiges gefasst machen: Kopenhagen, so Röttgen, stehe nicht nur für Klimaschutz – sondern sei in seinen Augen „die bedeutendste Wirtschaftskonferenz unserer Zeit“.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%