Kongresswahlen Die Parteien werben um die Gunst der Latinos

Vor den Kongresswahlen buhlen Republikaner wie Demokraten gleichermaßen um die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe – die Latinos. Ein Besuch im besonders hart umkämpften US-Staat Colorado.

Ebola bekommt in den USA politische Dimensionen. Quelle: AP

Auf dem tischgroßen Grill brutzelt das Taco-Fleisch, daneben tollen Kinder über den Rasen, im Hintergrund dudelt der Latin Pop der Radiostation Que Bueno 1280. An die 100 Menschen haben sich um eine kleine Bühne versammelt, wo ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters in Khakis und hellblauem Hemd redlich bemüht ist, gute Stimmung zu verbreiten.

Die Fiesta in Aurora, einem Vorort von Denver, mutet an wie eine mexikanische Hochzeit. Doch es ist knallharter amerikanischer Wahlkampf. „No mas excusas!“, ruft Andrew Romanoff, der Mann auf der Bühne, ins Mikrofon. Soll heißen: Es gibt keine Entschuldigung, wenn die Latinos im Distrikt 6 – einem Bezirk von Denver, den Romanoff künftig im US-Repräsentantenhaus vertreten will – nicht zur Wahl gehen. Beim Urnengang am 4. November werden in Amerika das Repräsentantenhaus mit seinen 435 Sitzen, ein Drittel des 100-köpfigen Senats und 36 von 50 Gouverneuren neu gewählt. Und der 48-jährige Demokrat Romanoff will den Sitz des elf Jahre älteren Republikaners Mike Coffman erobern.

Wissenswertes zu den Kongresswahlen

In Umfragen liegen die Rivalen gleichauf. Deshalb sind die überwiegend demokratisch gesinnten Latinos in dem Wahlbezirk am Fuße der Rocky Mountains nun das Zünglein an der Waage: Gehen viele zur Wahl, zieht wohl Romanoff, ein Vertrauter von Ex-Präsident Bill Clinton, in den Kongress ein. Bleiben wie bei früheren Wahlen viele Latinos zu Hause, dürfte der Ex-Marinesoldat und Kriegsveteran Coffman seinen Job in Washington zum dritten Mal erfolgreich verteidigen.

„No mas excusas“, mahnt Romanoff seine Parteifreunde aus der Latino-Community ein zweites Mal. „Da vorne liegen Listen von Wählern, die wir noch besuchen müssen. Ich hoffe, jeder von euch schnappt sich eine und legt los.“

Wahlkampfkosten verdoppelt

Colorado ist einer der am härtesten umkämpften Bundesstaaten. Als „Swing State“ – ein Bundesstaat, der nicht eindeutig republikanisch oder demokratisch ist – steht er traditionell im Blickpunkt der Wahlkampfstrategen. Doch so aufgeheizt wie diesmal war die Stimmung wohl noch nie. Und noch nie war der Einfluss der Latino-Community größer. Über 120 Millionen Dollar, doppelt so viel wie bei der vergangenen Halbzeitwahl, werden die Parteien und ihre Unterstützer aus der Wirtschaft in Colorado investiert haben, wenn am 4. November um 19 Uhr die Wahllokale schließen. Mit den Millionen pflasterten die Wahlkampfmanager über Wochen die TV-Werbeblöcke zu und zettelten Schlammschlachten an, die selbst für US-Verhältnisse ungewöhnlich schmutzig ausfielen.

Die Demokraten müssen um jeden Preis ihre Mehrheit im Senat verteidigen. Von stark umkämpften Sitzen wie dem des demokratischen Senators Mark Udall aus Colorado wird abhängen, ob das klappt. Sollten die Demokraten die Kontrolle über den Senat verlieren, hätte Präsident Barack Obama künftig das gesamte Parlament gegen sich. Denn im Repräsentantenhaus, der zweiten Kammer des Parlaments, dürften die Republikaner ihre Mehrheit verteidigen. Obama könnte dann nur noch mit präsidialen Direktiven regieren, die keiner Zustimmung der Parlamentarier bedürfen.

Entscheidende Gruppe

Dass in Washington trotz des absehbaren Wahlausgangs im Repräsentantenhaus die Elite der demokratischen Partei auf das Duell Romanoff versus Coffman starrt, wie ein demokratischer Senator hinter vorgehaltener Hand erzählt, hat einen besonderen Grund. Distrikt 6 ist wegen seiner Wählerstruktur das perfekte politische Labor: So wie in dem Wahlkreis die Zahl der Latino-Wähler anstieg, wird sie künftig auch im gesamten Land wachsen. „Hier kann man siegen lernen“, sagt der Senator.

Bis vor drei Jahren war Distrikt 6 eine Republikaner-Hochburg, wo die weiße Mittel- und Oberschicht lebte. Durch einen neuen Zuschnitt des Distrikts, der von der Wahlbehörde 2011 verfügt wurde, lagen mehrere weiße Wohnviertel plötzlich außerhalb der Bezirksgrenzen. Mehrere Latino-Viertel wurden stattdessen integriert. Der Latino-Anteil in der Wahlbevölkerung stieg so von 9 auf 20 Prozent.

Für Coffman, der als Hardliner bei Einwanderungsfragen gilt, war das eine Katastrophe. Romanoff dagegen, der sich in sozialen Projekten für Latinos engagiert und fließend Spanisch spricht, sah die Chance seines Lebens. Schnell zog er in Distrikt 6 um und brachte sich als Kandidat in Stellung. Nun freut sich Romanoff auf das letzte öffentliche Rededuell mit Coffman: Es findet am 30. Oktober statt – in Spanisch. Coffman büffelt seit Monaten Vokabeln.

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