Konjunktur Vom Shooting-Star zum Sorgenkind: Chinas Konjunktur in 5 Grafiken

China Quelle: Illustration: Patrick Zeh

Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten sind in China längst vorbei. Das Land mutiert zum Sorgenkind der Weltwirtschaft. Das liegt nicht nur an der Anti-Corona-Politik der Regierung.

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Zwei Generationen lang blickten Manager und Ökonomen nach Fernost, wenn es darum ging, neue Absatzmärkte zu erschließen oder Prognosen für die Weltkonjunktur zu erstellen. Denn seit den Reformen unter Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre stürmte China mit Verve, Fleiß und unternehmerischem Geschick seiner Einwohner in Richtung Weltspitze, vollzog einen in der Wirtschaftsgeschichte beispiellosen Aufholprozess und gab der globalen Wirtschaft immerzu neue Impulse. In der Finanzkrise 2008 legte die Regierung in Peking eines der größten Konjunkturprogramme der Wirtschaftsgeschichte auf und trug so maßgeblich dazu bei, dass sich die Weltwirtschaft nach der Lehman-Pleite wieder berappelte. Davon profitierte nicht zuletzt Deutschland mit seinem exportorientierten Wirtschaftsmodell. 

Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten sind in China längst vorbei. Das Land ist auf dem Weg, vom Shooting-Star zum Sorgenkind der Weltwirtschaft zu mutieren. Im zweiten Quartal dieses Jahres schrumpfte Chinas Wirtschaftsleistung um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal, nachdem sie zu Jahresbeginn noch um 1,4 Prozent zugelegt hatte. Verglichen mit dem Vorjahresquartal gab es im zweiten Quartal nur noch ein Mini-Plus von 0,4 Prozent. Das ist nicht viel mehr als Stagnation. 



Der wichtigste Grund für die schlechte Performance in den vergangenen Monaten ist die rigide Null-Covid-Politik, mit der die Regierung in Peking seit dem Ausbruch des Corona-Virus immer wieder ganze Regionen und Wirtschaftszentren herunterfährt und abriegelt, sobald ein Corona-Verdachtsfall auftritt. Das bremst die Produktion und die Beschäftigung in den Unternehmen, blockiert die Abfertigung von Schiffen in den Häfen, gefährdet die Funktionsfähigkeit der globalen Lieferketten und hinterlässt tiefe Bremsspuren auch in der Weltkonjunktur. 



Die Bürger halten sich mit Einkäufen zurück

Jetzt hat die Null-Covid-Politik auch die Tourismus-Insel Hainan erwischt. Nachdem dort Verdachtsfälle von Corona aufgetreten sind, hat die Regierung eine Ausgangssperre sowie weitere Einschränkungen für den sozialen Kontakt der Menschen verfügt. 80.000 Chinesen sitzen dort in ihren Hotelzimmern und können nicht in ihre Heimatstädte zurückkehren. Die Angst, einer Ad-hoc-Abriegelung von Restaurants, Einkaufszentren oder Kinos zum Opfer zu fallen, hält die Chinesen im gesamten Land vom Shoppen und Ausgehen ab. 

Entsprechend mau laufen die Geschäfte der Einzelhändler. Im Juli legten ihre Umsätze nur noch um knapp 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat zu. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank die Zuwachsrate auf 2,7 Prozent nach 3,1 Prozent im Juni. Während die Umsätze im Bereich Bekleidung, Möbel und Baumaterialien deutlich sanken, steigerten die Anbieter von Büromaterial und Haushaltsgeräten ihre Umsätze leicht. Insgesamt schrumpften die Einzelhandelsumsätze in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 0,2 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. 



Die schwache Endnachfrage schlägt auf die Industrie durch. Der Output im Verarbeitenden Gewerbes legte im Juli nur noch um knapp 0,4 Prozent gegenüber Juni zu, weniger als halb so kräftig wie im Vormonat. Auch im Vorjahresvergleich gab die Zuwachsrate der Produktion nach, und zwar von 3,9 auf 3,8 Prozent. 

Die Zentralbank lockert die Zügel

Eine rasche Erholung ist nicht in Sicht. Der Caixin-Index der Einkaufsmanager für private Industriefirmen gab im Juli auf 50,4 Punkten nach. Im Juni hatte er mit 51,7 Zählern noch ein 13-Monatshoch erreicht. Damit liegt der vielbeachtete Frühindikator für die Industrie nur noch knapp über der kritischen Schwelle von 50 Punkten, die den Expansions- vom Kontraktionsbereich trennt. Die Teilkomponente für die Beschäftigung ging den vierten Monat in Folge zurück und deutet auf den stärksten Beschäftigungseinbruch seit April 2020 hin.



Angesichts der wachsenden Zurückhaltung der Personalchefs fällt es insbesondere jüngeren Erwerbspersonen schwer, Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen. Die chinesische Jugendarbeitslosenquote liegt bei über 19 Prozent – und hat damit Dimensionen wie in vielen südeuropäischen Ländern während der Eurokrise erreicht. Das schürt die Unzufriedenheit in der Gesellschaft. 

Die chinesische Zentralbank hat auf die schlechten Konjunkturdaten reagiert und den Zinssatz für kurzfristige Refinanzierungsgeschäfte der Geschäftsbanken um 0,1 Punkte auf 2,0 Prozent reduziert. Ende vergangenen Jahres lag der Satz noch bei 2,2 Prozent. Die Regierung hat darüber hinaus weitere Konjunkturhilfen angekündigt. Experten bezweifeln jedoch, ob es gelingt, mit monetären und fiskalischen Konjunkturspritzen allein der Wirtschaft neue Dynamik einzuhauchen. So rechnen die Ökonomen der DekaBank für dieses Jahr nur mit einem Wachstum von 3,5 Prozent nach 8,1 Prozent im Vorjahr. 



Mehr Staat – weniger Wachstum

Neben den Verwerfungen durch die willkürlichen Lockdown-Maßnahmen der Regierung leidet die chinesische Wirtschaft unter strukturellen Problemen. Diese gefährden vor allem das langfristige Wachstumspotenzial des Landes. So herrschen auf dem Immobilienmarkt, aber auch in vielen Staatsunternehmen Überkapazitäten. Nicht wenige Unternehmen sind im Kern unrentabel, werden jedoch aus Sorge um die Arbeitsplätze und aus Angst der Regierung vor sozialen Unruhen nicht geschlossen. Sie binden weiterhin Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen und schmälern so das Wachstumspotenzial der Wirtschaft. Weil die Regierung den für die Gesundung der Volkswirtschaft nach einem Boom dringend benötigten Bereinigungsprozess fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, setzt sich die Zombifizierung ungebremst fort. 

Die ubiquitären Eingriffe des Staates in den Produktionsprozess und die allumfassende Überwachung der Bürger legen die Axt an die Säulen, denen China seinen Aufstieg zu verdanken hat: Der unternehmerischen Dynamik, der wirtschaftlichen Freiheit und den Kräften des freien Marktes. Statt dem Markt und der Kreativität der Unternehmer die Suche nach erfolgversprechenden Zukunftstechnologien zu überlassen, denkt die Regierung den technologischen Entwicklungspfad am grünen Tisch vor, dirigiert die Investitionen der Unternehmen in die von ihr gewünschte Richtung und vergrault nebenbei mit ihrem rigorosen Machtanspruch die unternehmerischen Talente des Landes. Setzt Peking diese Politik fort, wird es dem Land kaum gelingen, aus der Rolle des gewieften Imitators in die des genialen Innovators hineinzuwachsen. Dabei ist es die Fähigkeit zur Innovation, die darüber entscheidet, ob ein Land technologisch an der Weltspitze mitspielt. 

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Gerade vor dem Hintergrund der ungünstigen demografischen Entwicklung – Chinas Bevölkerung altert wegen der jahrelangen Ein-Kind-Politik besonders schnell – wäre es geboten, den unternehmerischen Kräften freien Lauf zu lassen, um der Wirtschaft neue Dynamik zu verleihen. Mit der von Xi Jinping betriebenen Politik steht sich China beim Weg an die Weltspitze selbst im Weg. Das hat Konsequenzen für die Industrieländer. Lahmt das Zugpferd China, muss der Westen zusehen, wie er seine Wirtschaft selbst auf Trab bringt.

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