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Konjunktur War's das, China?

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Wohnheim bei Dongguan Surpassing: Laut einem Bericht herrschen bei dem Puma-Lieferanten unmenschliche Zustände Quelle: China Labor Watch

»Die Arbeiter wollen gutes Geld, gutes Essen und eine schöne Unterkunft«

Am meisten jedoch quält Bao, dass die Menschen in den USA, in Deutschland, Frankreich und England nicht mehr so viele Schuhe kaufen wollen wie früher. »Allein in diesem Jahr sind die Aufträge um 30 bis 40 Prozent eingebrochen.« Könnte man die Schuhe stattdessen nicht an Chinesen verkaufen? Den Einbruch bei den Exporten durch Binnennachfrage ersetzen, so wie es die Regierung schon zu Beginn der Finanzkrise plante? »Ja, es gibt inzwischen mehr Chinesen, die hochwertige Qualitätsturnschuhe kaufen. Aber so viele, dass sie den Export ersetzen könnten, sind es nicht. Die meisten können sich das nicht leisten.«

Könnte er dann statt Schuhmaterial nicht einfach einen ganzen Schuh fertigen? Eine Marke schaffen? Bao schüttelt den Kopf. »Ach, dazu brauchte man viel Know-how, das wir nicht haben«, sagt er. »Und noch mehr Geld.« Schuhmaterial fertigt Bao inzwischen nur noch für wenige Stammkunden, er lässt seine Arbeiter jetzt vor allem Taschen produzieren. Fototaschen, Kühltaschen, das Material ist ähnlich, doch im Gegensatz zu den Schuhen kann Bao gleich ein ganzes Produkt anbieten. Taschen lassen sich wesentlich einfacher fertigen als Schuhe.

Bao stapft durch seine Fabrik, vorbei an Arbeitern, die Kunststoffe auf Textilien kleben, an ratternden Nähmaschinen Taschen zusammennähen. Bao sagt, er beschäftige nur noch 150 Arbeiter, tatsächlich sieht man in der Fabrik höchstens 80. An einem Schwarzen Brett hängt der kopierte Artikel einer Wanderarbeiterinnen-Zeitschrift: »Wie ich ein höheres Gehalt verhandele«. »Die Arbeiter sind so anspruchsvoll geworden«, seufzt Bao. »Sie wollen ein gutes Gehalt, gutes Essen, eine schöne Unterkunft, und der Chef soll sie auch nicht beschimpfen. Früher war der Chef der Chef. Inzwischen sind die Arbeiter die Bosse.« Dann steigt er in seinen Porsche Cayenne, und es ist unklar, ob er das nun ironisch meint oder ernst.

Immobilien, sagt Bao und steuert den Cayenne durch die Straßen Dongguans, das sei die Zukunft. »Damit kann man noch Geld machen. Pro Quadratmeter 10.000 Renminbi Gewinn im Jahr, das sind bei 200 Quadratmetern zwei Millionen, ohne Arbeit, ohne Schweiß.« Die Fabrik wolle er behalten, mit ein paar Stammkunden mache er noch Geschäfte. 60 Prozent aber seines umgerechnet mehrere Millionen Euro schweren Vermögens werde er ab jetzt in den Immobilienmarkt stecken. Doch was, wenn alle Fabrikbesitzer so dächten wie er? Wenn sich der Immobilienboom eines Tages als Blase entpuppte und platzte? Bao verneint entschieden: »Das ist unmöglich. Die Regierung wird es verhindern.«

Nicht alle sind davon aber so überzeugt. Vor allem ausländische Experten verweisen seit Längerem auf ein unheilvolles Dreigestirn von Immobilienblase, steigender Inflation und faulen Krediten. Nouriel Roubini, der Professor an der New York University, der die Finanzkrise in den USA vorausgesagt hatte, befürchtet ein hard landing in China von 2013 an. Die immer höhere Inflation führe geradewegs in die Rezession. Auch Patrick Chovanec, Ökonom an der Qinghua-Universität in Peking, sagt: »Chinas Wirtschaft wächst auf Basis von Steroiden.« In der Finanzkrise legte die chinesische Regierung ein Stimulusprogramm von 586 Milliarden US-Dollar auf. Auch China musste seine Wirtschaft stützen. Zwar waren die chinesischen Banken nicht so sehr in faule US-Kredite verstrickt wie die amerikanischen oder europäischen, doch litt die exportabhängige chinesische Wirtschaft unter dem Einbruch der Nachfrage in den USA und Europa.

»Ganz so schlimm wird’s schon nicht werden«

Um dies auszugleichen, vergab die Regierung massenhaft Kredite: an Firmen in Not, an Staatsunternehmen, vor allem aber an lokale Verwaltungen, die in Infrastruktur investierten. Die Investitionsrate stieg von 42 auf mehr als 47 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. »›Reicht alles ein, was ihr schon immer mal bauen wolltet‹ war das Signal«, sagt Chovanec. China wurde für sein Krisenmanagement sehr gelobt, denn während der Westen strauchelte, blieb es von den Verwerfungen weitgehend verschont.

Die Kreditvergabe aber endete nicht einfach mit der Krise. Sie ging weiter. Die Banken pumpten Geld in die Wirtschaft. Zwischen 2008 und 2010 verdoppelte sich die Geldmenge in China. 2011 stieg sie nochmals um 16 Prozent. Inzwischen versucht die Regierung, die Geldvergabe wieder zu drosseln, doch die Inflation hat China schon erfasst, insbesondere den Immobilienmarkt. Denn ein gewaltiger Teil der Kredite landete in der Baubranche. An manchen Orten stiegen die Immobilienpreise ins Unermessliche. Viele Wirtschaftszweige profitierten davon, und weil die Inflation so hoch ist, sehen Unternehmer wie Bao Genfa keine andere Möglichkeit, als in Immobilien zu investieren: »Alles andere lohnt sich nicht.«

Warum aber soll das Zeichen einer Blase sein? Ist es nicht vielmehr ein Boom? Eine positive Sache also? Theoretisch könnte das der Fall sein. Denn noch immer ziehen viele Menschen in die Städte, es besteht also Bedarf an Wohnungen.

Man muss sich ansehen, wer welche Wohnungen erwirbt. Der Wohlstand in der chinesischen Gesellschaft ist sehr ungleich verteilt. Nur 30 Prozent der Städter haben überhaupt das Geld für eine Immobilie. Die Wohlhabenden aber kaufen oft viele Wohnungen, sie spekulieren darauf, dass die Preise steigen. Inzwischen wurde die Spekulation zum Teil gesetzlich beschränkt, sie besteht aber noch immer. Was, wenn nun eines Tages die Preise einbrechen, so wie 2008 in den USA? Dann wären die Wohnungsbesitzer gezwungen, weit unter ihrem Kaufpreis zu verkaufen oder zu vermieten. Und weil die Baubranche so wichtig für die ganze Wirtschaft ist, würden auch andere Branchen leiden.

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