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Konjunktur War's das, China?

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Man kann sich das an einem konkreten Beispiel ansehen: den Königlichen Gärten, einem der exklusivsten Wohnprojekte Dongguans. Der Eingang ist nicht gerade vielversprechend. Unten versucht ein plätschernder Schwanenbrunnen Romantik zu verbreiten, während oben auf der Überführung eine Stadtautobahn vorbeirauscht. Immobilienmakler Zhang Yongjun lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen, er weiß um den Effekt, der sich einstellen wird, sobald man den Eingang durchschritten hat. Ein Wasserreservoir, umgeben von sanften Hügeln, Palmen wiegen sich im Wind, im Hafen dümpeln Jachten. Eine Villa schmiegt sich an die nächste, die Szene wirkt perfekt, fast ein bisschen zu perfekt, denn auf den Balkonen und in den Gärten stört kaum ein Wäscheständer, kaum ein Sonnenschirm das Bild. Eine Katalogidylle. Im Paradies wohnt fast keiner – und das, obwohl beinahe 60 Prozent der Villen und Wohnungen bereits verkauft sind.

Zhang, 28, ist ein nachdenklicher junger Mann und ein ehrlicher Vertreter seiner Zunft, er versucht die Leere weder weg- noch schönzureden. »90 Prozent der Käufer haben nur gekauft, um zu investieren. Sie leben in Guangzhou oder Shenzhen, dort, wo die Immobilienpreise viel zu hoch sind. Und mal ehrlich, um hier zu leben, braucht man pro Familie zwei Autos. Vom Verkehr her ist das nicht sehr praktisch.« So sei es in vielen chinesischen Städten, sagt Zhang.

In Dongguan, sagt Zhang, sei der Markt sogar noch relativ gesund. Eine Industriestadt, viele Fabriken und schlechte Luft, keine gute Wohngegend. Viele Investoren steckten ihr Geld lieber in eine Fabrik. Zhang glaubt, dass die Blase in einigen Städten platzen werde, andere hingegen würden verschont bleiben. »Ganz so schlimm wird’s nicht werden«, sagt Zhang. »Das wird die Regierung verhindern.«

Der Glaube an die Regierung ist groß. Warum auch nicht? Schließlich hat sie die Macht, strenge Gesetze zu verabschieden, vor allem aber verfügt sie über viel Geld für den Fall, dass sie den Banken beispringen müsste. Liu Minkang, Chinas oberster Bankregulierer, versichert, Chinas Banken würden sogar einen Einbruch der Immobilienpreise um 30 bis 50 Prozent aushalten. Doch selbst wenn es der Regierung gelänge, die Blase abzuwenden, die Inflation einzudämmen und ein hard landing zu vermeiden, so lauert doch noch eine weitere Gefahr am Horizont: die der faulen Kredite.

»Unsere Version der US-Subprime-Krise ist die Darlehensvergabe an die lokalen Regierungen. Dies wird Ausfälle erzeugen«, sagt Cheng Siwei, der bis 2003 als Vizevorsitzender des Stehenden Komitees des Nationalen Volkskongresses tätig war. Die lokalen Regierungen sind die Träger einer gewaltigen Masse von Bauprojekten im Land.

Wie gefährlich ist die Lage? Das ist schwer einzuschätzen, vor allem, weil China so groß und divers ist. Es gibt im Land einige berühmt absurde Bauprojekte, die Stadt Ordos in der Inneren Mongolei zum Beispiel, gebaut für 1,5 Millionen Einwohner, doch wohnt fast keiner darin. Berüchtigt ist ebenso die South China Mall, auch Great Mall of China genannt, die 2005 in Dongguan von einem privaten Investor gebaut wurde.

Theoretisch könnte man sich hier ganz großartig amüsieren. Natürlich, es wäre ein dubaiesker Spaß, einer, bei dem man alle ästhetischen Bedenken über Bord werfen müsste, bevor man etwa in eine venezianische Gondel steigt, die den Besucher durch die Weiten einer gewaltigen Shoppingmall trägt. Vorbei an Klein-Amsterdam und Klein-Moskau, unter der San-Francisco-Brücke hindurch und entlang ägyptischer Statuen. Zu Wasserrutschbahnen und künstlichen Südseegrotten, einer Geisterbahn. Das Arrangement ist allerdings auch ohne sie gespenstisch genug. Der Besucher ist in der South China Mall nämlich so gut wie allein. Leere Ladenflächen kilometerweit, die Rolltreppen sind längst gesperrt. Straßenkehrer fegen unsichtbaren Staub vom Beton. Der Betreiber des Karussells hockt mutterseelenallein auf einem der Sitze, eine einsame Verkäuferin harrt in ihrem Kinderkleidergeschäft aus, in brüllender Hitze, die Klimaanlage hat sie abgestellt, »lohnt sich nicht, kommen doch eh keine Kunden vorbei«. Am Eingang der Mall prangt stolz ein Schild der Regierung: Dies ist eine Vier-Sterne-Touristenattraktion.

Ein Millionengrab? Besuch bei der Regierung von Dongguan. Ausländische Journalisten, die bei chinesischen Regierungsstellen ein Interview erbitten, sind an einiges gewöhnt: monatelange Wartezeiten, am Ende meist eine Absage, minutiös vorzubereitende Fragezettel. Ganz anders in Dongguan. Da sitzt plötzlich ein knappes Dutzend Beamter aus sechs unterschiedlichen Abteilungen: Außenhandelsbeziehungen, Wirtschaft, Finanzen, Hausbau, Abteilung für Reform und Planung, Abteilung für Preise. Ein jeder bereit, der Presse stolz von seinen Leistungen zu berichten.

»Früher war es nicht so wichtig, ob man sinnvoll investierte«

Die Krise, erzählen die Beamten, habe man hier zur Umstrukturierung genutzt. Weg von materialintensiven, schmutzigen Industrien, hin zu Hightech, Informationstechnologie und Kreativindustrie. 40 Prozent des lokalen Bruttosozialproduktes erwirtschafte nun die Dienstleistungsbranche. Dongguan liefere nicht nur zu, es erfinde, schaffe Marken und Produkte. Man wolle grüner werden, nachhaltiger, sozialer, vor allem aber: langsamer wachsen. Dongguan ist zusammen mit Suzhou Modellstadt, im vergangenen Jahr lobte die Zentralregierung beide Städte für den vorbildhaften Umbau der herstellenden und weiterverarbeitenden Industrie.

Die Frage nach faulen Krediten, nach Regierungskrediten überhaupt, quittieren die Beamten fast beleidigt. So was habe man gar nicht nötig. Die Stadt verdiene genug durch Steuern. Nach der Krise seien Regierungskredite lediglich an einige Krankenhäuser und Staatsbetriebe geflossen. Man wolle nicht für das ganze Land sprechen, sagt der distinguierte Herr von der Reformabteilung, doch in der Provinz Guangdong habe man schon lange erkannt, dass ein investmentgetriebenes Wachstum der falsche Weg sei. Bei ihnen läge der Anteil der Investitionen am Bruttosozialprodukt bei gerade mal 25 Prozent. Und nur 1,3 Prozent der Kredite hiesiger Banken seien faul.

Man muss nicht alle Zahlen der Lokalregierung für bare Münze nehmen. Tatsache ist: China ist groß, und der wirtschaftliche Erfolg ist im Land extrem ungleich verteilt. In einigen Städten ist der Immobilienmarkt völlig überhitzt, in Nanning etwa, 90 Prozent der Hausbesitzer kaufen hier, um zu spekulieren. In anderen ist das nicht der Fall. Einige Städte leben gut von ihren Steuern, andere nehmen kaum welche ein.

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