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Konjunktur War's das, China?

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Die Frage ist vertrackt: Ist der alte Weg noch der richtige? Oder ist man längst über ihn hinausgewachsen? 30 Jahre lang folgte China einem Pfad, der große Erfolge versprach: Es setzte auf Exporte, einen Handelsüberschuss, um das gewonnene Kapital im Inneren zu investieren. Das funktionierte fantastisch, denn China war ein armes Land, es brauchte Straßen, Flughäfen, Krankenhäuser. »Früher«, sagt Ökonom Chovanec, »war es nicht so wichtig, ob man sinnvoll investierte. Denn der Gewinn, den man dadurch erzielen konnte, dass man einen Bauern in eine Fabrik stellte, war so hoch, dass er alles andere überstrahlte. Inzwischen aber ist China kein armes Land mehr. Deshalb werden sinnvolle Investitionen umso wichtiger.«

Theoretisch könnte die Regierung die Investitionsrate senken und trotzdem ein hohes Wirtschaftswachstum erzielen, indem sie die einbrechenden Exporte durch eine stärkere Binnennachfrage ersetzen würde. Genau das forderten chinesische Politiker zu Beginn der Finanzkrise auch. Die Regierung erhöhte die Löhne der Arbeiter und die Unterstützung für arme Familien, sie verteilte Gutscheine, mit denen die Menschen einkaufen, essen und ins Kino gehen oder reisen sollten. Hat es funktioniert?

»Ich bin immer vorsichtig mit meinem Geld«

Wanderarbeiter Zhang Anchi, 47, schiebt sich mit seiner Familie durch die Weiten eines Supermarktes. Er ist ein stiller Mann, der Gedichte mag und seine rechte Hand stets unauffällig versteckt hält, so wie alle Wanderarbeiter, die sich einmal verletzt haben. Einst rammte er sich ein großes Messer in die Hand, seither kann er zwei Finger nicht mehr richtig bewegen. In einer Stadt aber, in der vor allem mit den Händen gefertigt wird, gibt es nichts Schlimmeres. Man muss so eine Verletzung verbergen, beim Vorstellungsgespräch, beim Mittagessen mit den Kollegen. Zhang ist die Gewohnheit längst in Fleisch und Blut übergegangen, auch in der Freizeit versteckt er seine Hand.

Zhangs zweijähriger Sohn steht im Einkaufswagen wie der Kapitän eines Schiffs. An ihm vorbei ziehen Goldfische und Geburtstagstorten, Lammschenkel und Liebestöter, die ganze wunderbare Welt des Konsums. Seine Mutter aber wird so gut wie nichts davon mitnehmen, nur ein paar Äpfel und Birnen. Das Milchpulver, dessentwegen sie gekommen ist, lässt sie im Regal stehen. Es kostet heute 164 Yuan, und nicht wie letzte Woche 157. Das sind 7 Yuan Unterschied, umgerechnet etwas mehr als 70 Cent.

Warum aber kauft die Familie so wenig, wo Zhang sich doch über einen großen Gehaltssprung freuen kann? 2008, sagt er, habe er noch 3.000 Renminbi im Monat verdient, umgerechnet etwa 330 Euro, »seit 2009 verdiene ich mehr als 5.000 Renminbi«. Auch wenn die Inflation einen Teil davon nimmt, bleiben ihm 3.000 Renminbi für den Konsum. Seine monatlichen Fixkosten liegen bei 2.000 Renminbi.

»Ich bin immer vorsichtig mit meinem Geld«, sagt Zhang. Gut, ein Handy und einen Computer habe er sich geleistet, sonst aber lebt er enthaltsam. Keine neuen Möbel, obwohl er doch in einer Möbelfabrik arbeitet, er raucht nicht, trinkt nicht, spielt nicht, und das Karaokesingen hat er inzwischen auch aufgegeben.

Das meiste Geld spart er für seinen Sohn. Als Wanderarbeiter kann Zhang ihn nicht auf eine öffentliche Schule in der Stadt schicken, das verhindert das Meldesystem, das die auf dem Land Geborenen benachteiligt. Und Privatunterricht ist teuer. Auch ist das Sozialsystem in China noch immer mangelhaft. Arme Menschen müssen sparen, um sich für die Zeit abzusichern, wenn sie krank oder alt werden. Noch immer gehen weniger als 50 Prozent des Bruttosozialprodukts an die Haushalte. Das heißt, dass in China noch immer viele Menschen leben, die kein Geld zum Ausgeben haben. »In der Theorie ist allen klar, dass die Chinesen mehr konsumieren sollen«, sagt Ökonom Chovanec. »Doch das ist gar nicht so einfach.«

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