Kränkelnde Wirtschaft Russische Zentralbank erhöht Leitzins auf 17 Prozent

Die Ukraine-Krise und fallende Ölpreise haben die russischen Wirtschaft in eine dramatische Lage gebracht. Die Bank Rossii entscheidet sich deshalb zu einem drastischen Schritt.

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

Angesichts des wegen Sanktionen aus dem Westen massiv an Wert verlorenem Rubel und einer kränkelnden Wirtschaft im Land hat die russische Zentralbank den Leitzinssatz angehoben. Die Bank Rossii gab am Dienstag in Moskau bekannt, sie erhöhe den Satz drastisch von 10,5 auf nun 17 Prozent, um der Währung einen Schwung zu verpassen. Diese war gemeinsam mit den Ölpreisen in den vergangenen Monaten drastisch abgestürzt.

Der russische Rubel büßte seit Januar fast 50 Prozent seines Wertes ein. Als Gründe dafür werden die Sanktionen mehrerer westlicher Länder gesehen, die Russland im Zuge der Ukraine-Krise auferlegt wurden, aber auch ein starker Fall der weltweiten Ölpreise. Diese sanken von einem Hoch im Sommer von umgerechnet knapp 86 Euro pro Barrel auf nur noch etwa 45 Euro - wobei Öl eine Säule der russischen Wirtschaft ist. Ein fallender Rubel könnte die Inflation in Russland auf eine gefährlich hohe Stufe treiben. Die russische Regierung hatte kürzlich ihren ökonomischen Ausblick für das kommende Jahr herabgestuft. Es wurde vorhergesagt, dass die Wirtschaft des Landes in die Rezession sinken wird.

Russland - und die Ängste seiner Nachbarn

Der immense Schritt der russischen Zentralbank zeigt das Ausmaß der wirtschaftlichen Risiken, denen sich Moskau derzeit stellen muss. Er spiegel die Furcht davor wider, der Rubel könnte weiter sinken und eine Panik unter den Verbrauchern mit einem Ansturm auf die Banken auslösen. Dies würde die ökonomischen Probleme Russlands weiter verschärfen. Durch das Anheben der Zinssätze hofft die Bank darauf, dass es Investoren wieder lukrativer finden werden, ihr Geld in Russland zu belassen. „Sie tun es als Köder, um die Leute zu ermutigen, ihre Rubel zu Hause zu lassen anstatt weiterhin aus der Währung und dem Land zu fliehen“, sagte der Ökonom des University of California, Barry Eichengreen. Dies sei ein Versuch, Zeit zu gewinnen. „Es löst keines der eigentlichen Probleme, die die russische Wirtschaft hat“, sagte Eichengreen.

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Die Zentralbank hatte den Zinssatz seit Anfang des Jahres allmählich von 5,5 Prozent erhöht. Zuletzt hatte sie ihn vergangenen Donnerstag mit der Begründung eines „signifikanten Inflationsrisikos“ um einen Prozentpunkt auf 10,5 Prozent angehoben. Besonders die Wirtschaftssanktionen aus dem Westen hatten Moskau sehr getroffen. Im September gaben die Europäische Union und die USA wegen dem vermuteten russischen Vorgehens in der Ostukraine eine neue Runde an Strafmaßnahmen bekannt. Dazu zählte eine Blockierung der westlichen Finanzmärkte für führende russische Konzerne und eingeschränkte Importe von bestimmten Technologien. Durch die zusätzlichen Sanktionen war von dem Ökonom Alexej Kudrin erwartet worden, dass Russland für ein oder zwei Jahre in die Rezession stürzen werde. Kudrin war bis 2011 elf Jahre lang unter Präsident Wladimir Putin russischer Finanzminister.

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