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Kreditblase China bedroht die Weltwirtschaft

China hat sein Wachstum jahrelang auf Pump finanziert. Jetzt steigt die Gefahr, dass die Kreditblase platzt. Stürzt das Riesenreich die Weltwirtschaft in die nächste Krise?

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Stürzt das Riesenreich in eine Krise? Quelle: REUTERS

Todlangweilig, steif und nichtssagend – so verlaufen meist die Pressekonferenzen der Führungseliten in Peking. Nicht so in der vergangenen Woche. Aus Anlass des Nationalen Volkskongresses überraschte Zhou Xiaochuan, der Chef der chinesischen Zentralbank, die Öffentlichkeit mit einer Ankündigung, die es in sich hat. In weniger als zwei Jahren, so der oberste Währungshüter Chinas, werde das Land die Zinsen für Spareinlagen freigeben. Nicht mehr die Regierung, sondern die Marktkräfte werden dann darüber entscheiden, wie viel Zinsen die Banken ihren sparenden Kunden gutschreiben. Zudem werde die Regierung bereits in diesem Jahr die Schwankungsbreite der Landeswährung Yuan gegenüber dem Korb der wichtigsten Handelspartnerwährungen verdoppeln. Außerdem sei geplant, bald mehrere Privatbanken zuzulassen.

Was sich aus westlicher Sicht wie eine Selbstverständlichkeit anhört, ist für Chinas Finanzbranche eine Zeitenwende. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schickt sich an, den bisher staatlich gelenkten Finanzsektor den Kräften von Angebot und Nachfrage zu überlassen. Im vergangenen Jahr hatte die Zentralbank, die Teil der Regierung ist, bereits die Kreditzinsen freigegeben. Nun sollen die Zinsen für Spareinlagen folgen. Dass China den Finanzsektor liberalisieren wird, hatten die meisten Experten erwartet. Dass es nun so schnell gehen soll, hat die meisten jedoch überrascht.

Die Eile, mit der die Pekinger Regenten zur Tat schreiten, hat gute Gründe. Der Bankensektor und die Kreditvergabe sind in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. Die Gesamtverschuldung der Wirtschaft hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise auf das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöht. 2002 lag sie erst bei 120 Prozent des BIPs.

Das hohe Wirtschaftswachstum, für das China weltweit lange bewundert wurde, ist zum großen Teil auf Pump finanziert. Viel Geld floss in unsinnige Projekte. Ob in der Stahlindustrie, im Immobiliensektor oder in der öffentlichen Infrastruktur – überall entstanden Überkapazitäten. Viele Kreditnehmer haben nun Probleme, ihre Schulden zurückzuzahlen. Das spürt auch der Schattenbankensektor, der sich in den vergangenen Jahren als unregulierter Kreditmarkt neben dem staatlichen Bankensektor etabliert hat. Geht der Konjunktur die Puste aus, wofür es zunehmende Anzeichen gibt, droht das Schulden-Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Eine neue Finanzkrise made in China könnte die Weltwirtschaft gewaltig durchrütteln.

Die Kreditexzesse in China... Gesamtverschuldung (zum Vergrößern bitte anklicken)

Der Regierung in Peking ist die Gefahr bewusst. Durch die Liberalisierung der Finanzmärkte will sie daher kontrolliert Luft aus der Kreditblase entweichen lassen. „Der Regierung geht es darum, zu verhindern, dass das Schiff sinkt, bevor die Liberalisierung umgesetzt werden kann“, sagt Ashley Davies, Ökonom der Commerzbank in Hongkong. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, ein Drahtseilakt, der im totalen Absturz enden könnte.

Schulden im Schattenreich

Dass das Reich der Mitte in den vergangenen Jahren einen so gewaltigen Schuldenberg auftürmte, hat mehrere Gründe. Zum einen legten die Provinzregierungen nach der Lehman-Pleite umfangreiche kreditfinanzierte Konjunkturprogramme auf, um dem weltweiten Abwärtssog zu entgehen. Das sorgte für gehörig Dampf in der heimischen Wirtschaft und half, dass die Weltwirtschaft nicht absoff. Doch nun ächzen die Lokalregierungen unter einer Schuldenlast, die sich auf rund 30 Prozent der Wirtschaftsleistung beläuft.

"Zehn Prozent Zinsen pro Jahr - kein Risiko"

Fabers düstere Prognose für China
Marc Faber Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche
Rio de Janeiro Quelle: dapd
Kupfermine in Chile Quelle: IVAN ALVARADO
Taipeh 101 Quelle: dpa/dpaweb
Casino in Macau Quelle: REUTERS
Louis Vuitton in Shanghai Quelle: AP
Transformator Quelle: REUTERS

Zum anderen haben die staatlich verordneten Minisparzinsen, die häufig nicht einmal die Inflation ausgleichen, dazu geführt, dass sich außerhalb des Bankensektors ein grauer Kapitalmarkt entwickelt hat. Dort bieten Schattenbanken (Trusts) den Sparern attraktive Anlagemöglichkeiten in Form von Wealth Management Products (WMP). Für chinesische Investoren sind die Produkte schon deswegen attraktiv, weil der Aktienmarkt als Tummelplatz für Zocker gilt. Immobilien sind bei Chinesen zwar sehr beliebt, ihr Erwerb aber durch Regularien erschwert.

Die Trusts sammeln das Geld von den Sparern und reichen es in Form von Krediten an Unternehmen weiter. Die Firmen nehmen das Geld trotz der teils horrend hohen Zinsen gerne an. Denn vielen bleibt nichts anderes übrig: Chinas Finanzsektor ist von vier großen Staatsbanken geprägt. Diese vergeben Kredite bevorzugt an Staatsunternehmen. Private Unternehmen gehen oft leer aus und suchen nach anderen Möglichkeiten, an Geld zu kommen.

Sie stoßen auf Sparer, die auf der Suche nach rentablen Anlagen sind. So bringen die Trusts Sparer und Unternehmen zusammen. „Die Trusts erfüllen grundsätzlich eine wichtige Aufgabe, denn sie entwickeln innovative Produkte, die durch flexible Zinsen Kreditangebot und -nachfrage zusammenbringen“, sagt Nikolaus Keis, China-Experte der Bank UniCredit. Etwa 500 solcher Produkte werden pro Woche in China aufgelegt. Die meisten – rund 60 Prozent – haben eine Laufzeit von weniger als drei Monaten.

Die Kreditexzesse in China... an denen die Schattenbanken beteiligt sind(zum Vergrößern bitte anklicken)

Doch was passiert, wenn ein Unternehmen seinen Kredit nicht zurückzahlen kann? In entwickelten Finanzmärkten tragen die Anleger in diesem Fall das Risiko. In China wurde ihnen jedoch eine risikofreie Anlage versprochen. Die Gefahr, dass die Versprechen gebrochen werden und dadurch das Vertrauen erodiert, steigt. Denn so rasant wie noch vor ein paar Jahren wächst China nicht mehr. Im Januar und Februar brachen die Wachstumsraten der Industrieproduktion, der Investitionen und der Einzelhandelsumsätze ein. „Das Wachstumsziel der Regierung von 7,5 Prozent ist nicht mehr zu erreichen“, sagt Keis.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s schätzt, dass chinesische Unternehmen Ende 2013 mit umgerechnet knapp zehn Billionen Euro in den Miesen standen – das entspricht 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nun hoffen die Unternehmen, die Trusts und die Anleger, dass der Staat einspringt. So wie im Fall der „Shanxi Zhenfu Energy Group“.

„Zehn Prozent Zinsen pro Jahr – kein Risiko“, so bewarb die China Credit Trust, eine der größten Schattenbanken des Landes, Anfang 2011 das Produkt mit dem schillernden Namen Credit Equals Gold No. 1. Abnehmer fand die CCT reichlich. Das bei den Anlegern eingesammelte Geld, insgesamt rund drei Milliarden Yuan, umgerechnet rund 350 Millionen Euro, verlieh die Gesellschaft an die Shanxi Zhenfu Energy Group.

Rettung durch den Staat

Das Kohlebergbau-Unternehmen machte bei den damals recht hohen Kohlepreisen ordentlich Gewinn. Außerdem sollte Shanxi Zhenfu eine neue Mine in Luliang kaufen. Mehr als zehn Prozent Rendite, glaubte das Unternehmen, wären realistisch. Bei den staatlichen Banken war es schwer, an Kredite zu kommen. Also bediente sich das Unternehmen bei der CCT. Alle Beteiligten waren sich sicher: Das Geschäft würde funktionieren. Nur tat es das nicht – weder konnte Shanxi Zhenfu die Mine erwerben, noch blieben die Kohlepreise stabil. Zu allem Überfluss wurde auch noch der Hauptanteilseigner wegen Unterschlagung verhaftet. Als das Produkt zum chinesischen Neujahrsfest Anfang Februar fällig wurde, sprangen unbekannte Investoren ein und zahlten die Anleger aus.

Gefährliche Insolvenzwelle

Hier ist die Luft raus
ChinaChinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 7,7 Prozent, das war weniger als im Vorquartal und blieb auch unter der Analystenprognose von acht Prozent. "Die allseits erhoffte Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität in China blieb trotz großzügiger Kreditvergabepolitik aus", sagten Experten. Nun mehren sich die Sorgen, dass die asiatische Konjunkturlokomotive an Schwung verliere, erklärten die Analysten der National-Bank die Reaktion an den Finanzmärkten. Das schwächere Wirtschaftswachstum Chinas hat bereits die Anleger an den Finanzmärkten vergrault, Verschärfungen im Immobiliensektor und eine höhere Inflation führten zu einem Kursrückgang chinesischer Aktien. Moody's senkte den Ausblick für die Chinas Kreditwürdigkeit von positiv auf stabil, woraufhin sich Kupfer und Öl deutlich verbilligten, da Investoren eine schwächere Nachfrage aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt fürchteten. Quelle: Reuters
BrasilienBrasilien war 2012 ein beliebtes Investitionsziel: Anleger brachten insgesamt 65,3 Milliarden Dollar in das lateinamerikanische Land. Trotzdem nahm das Wachstum über das gesamte Jahr 2012 um 0,9 Prozent ab. Nur im letzten Quartal stieg das Wachstum um -1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In den ersten beiden Monaten 2013 gingen daraufhin die Zuflüsse von neun Milliarden Dollar im selben Zeitraum des Vorjahres auf 7,5 Milliarden Dollar zurück. Auch die Kurse brasilianischer Aktien gingen wegen des schwächeren Real, der höheren Arbeitslosigkeit, der Inflation und des relativ geringeren BIP-Wachstums auf Talfahrt. Quelle: dpa
IndienDie Reserve Bank of India (RBI) hat ihre Wachstumsprognose für 2013 von 5,8 Prozent auf 5,5 Prozent gesenkt. Behalten die Experten Recht, wäre das die niedrigste Wachstumsrate seit 2003. Schon 2012 hatte das Bruttoinlandsprodukt unter der schwächelnden Landwirtschaft und der Schwäche im Dienstleistungssektor zu leiden. Das BIP-Wachstum Indiens ging von 5,3 Prozent im dritten auf 4,5 Prozent im vierten Quartal zurück. Hoffnung ruht jetzt auf dem Vorhaben der Zentralbank, die Richtlinien für Banklizenzen an private und öffentliche Gesellschaften zu vereinfachen. Dadurch könnten weitere Banken gegründet werden. Quelle: AP
Südafrika2012 ist die südafrikanische Wirtschaft um 2,5 Prozent gewachsen, nach 3,5 Prozent im Jahr 2011. Die Kapitalzuflüsse ausländischer Investoren (foreign direct investments) nahmen im Jahr 2012 sogar um 24 Prozent ab. Mit Kapitalzuflüssen in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar war das das schlechteste Ergebnis seit dem Jahr 2010. Grund für das rückläufige Wachstum und die daraus resultierende Investorenflucht sollen hohe Treibstoffpreise, Inflation, eine Abwertung des Rand sowie eine schwächere Auslandsnachfrage nach südafrikanischen Exporten sein. Dementsprechend senkte die südafrikanische Regierung auch für 2013 die Prognose: Statt 3,0 Prozent soll das BIP nur um 2,7 Prozent wachsen. Quelle: dpa
TürkeiIn der Türkei schwächelt die Binnennachfrage. Das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 betrug nur noch 2,2 Prozent - das ist der niedrigste Wert seit 2009. In den Jahren 2010 und 2011 erzielte die Türkei noch Wachstumsraten von neun Prozent. Quelle: AP
RusslandAuch in Russland fiel das Wirtschaftswachstum auf den niedrigsten Stand seit 2009 zurück: 2012 erreichte das BIP-Wachstum nur 3,4 Prozent. 2011 waren es noch 4,3 Prozent Wachstum gewesen. Analysten hoffen auf die rund 30 Wirtschaftsabkommen, die die russische Regierung mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping geschlossen hat. Energielieferungen und Militärtechnologie könnten die Wirtschaft beider Länder ankurbeln. Quelle: AP
SüdkoreaInsgesamt ist das südkoreanische BIP im Jahr 2012 um zwei Prozent gewachsen - das ist das schlechteste Ergebnis seit 2009. Schuld an der vergleichsweise mauen Entwicklung sind die schwachen Exportzahlen, der unerwartet schwache globale Aufschwung und geringere Investitionen. Auch 2013 soll es nicht viel besser werden: Das Finanzministerium senkte seine Wachstumsprognose von 3,0 auf 2,3 Prozent. Quelle: AP

Das grundsätzliche Problem aber wurde so nicht gelöst. Im Gegenteil, allen Beteiligten signalisierte das Vorgehen, dass im Notfall die Regierung einspringt, die hinter den namenlosen Investoren gesteckt haben dürfte. Die Aussicht auf Rettung durch den Staat verleitet Trusts und Sparer dazu, immer risikoreichere Kredite zu vergeben, beziehungsweise immer dubiosere WMPs zu zeichnen. Die Kreditspirale dreht sich immer schneller.

Andy Xie, ein unabhängiger Analyst, hofft deswegen geradezu auf die Pleite eines Trusts: „Die Investoren spekulieren auf Bailouts der Regierung“, sagt er. Eine Reihe von Pleiten hätte einen reinigenden Effekt auf die Realwirtschaft. Mit einem Großteil des Geldes werde ohnehin auf steigende Immobilienpreise spekuliert. Ein anderer Teil diene dazu, ineffektive und unproduktive Projekte der Lokalregierungen zu finanzieren. „Wenn China nachhaltiger und qualitativer wachsen will, ist es gesund, einige dieser Produkte platzen zu lassen“, sagt Xie. „Auch wenn das kurzfristig zu Problemen führt.“

Nur weiß niemand genau, wie groß die Turbulenzen im Fall einer Pleite wären. Verlieren Anleger erst einmal Geld bei einem als sicher angepriesenen Produkt, könnte das eine verheerende Signalwirkung haben. „Erlaubt man eine Pleite, wird das Geld von vielen WMPs in einer Geschwindigkeit abgezogen, die auch gesunde Verleiher stark unter Druck setzt“, sagt Michael Pettis, Professor für Finanzwesen an der Peking-Universität.

Gefährliche Insolvenzwelle

Die darauffolgende Geldknappheit werde auch gesunde Unternehmen treffen. Die Kreditkrise könnte sich zu einer Wirtschaftskrise auswachsen. Denn schon jetzt ist Geld knapp in China. „Viele unserer Kunden berichten von Problemen bei chinesischen Banken, langfristige Kredite zu bekommen“, sagt Edith Weymayr von der Commerzbank. Niemand weiß, wie eng die Verflechtungen zwischen Fondsanbietern und Banken sind. Auch Lokalregierungen haben in die Produkte investiert. Am wahrscheinlichsten ist eine Kettenreaktion, die zu massiven Zahlungsausfällen führt. Indirekt hätte das auch Folgen für ausländische Unternehmen in China, warnt Weymayr: „Eine Kreditkrise beträfe deutsche Unternehmen insbesondere dann, wenn deren chinesische Geschäftspartner in Zahlungsschwierigkeiten gerieten oder keine Bestellungen mehr tätigen, da ihre Finanzierung nicht gewährleistet ist.“

Die Kreditexzesse in China... haben zu gefährlichen Blasen am Immobilienmarkt geführt (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bisher versucht die Regierung, sich durchzuwursteln: Sie springt für angeschlagene Trust-Produkte ein und versucht gleichzeitig, den Sektor auszutrocknen. Im vergangenen Juni entzog die Zentralbank den Geschäftsbanken schlagartig Liquidität. Das Vorgehen sollte die Banken dazu anhalten, ihre Kreditvergabepraktiken zu überdenken. Doch weniger Geld im Markt treibt nur noch mehr Unternehmen zu den Schattenbanken.

Die Freigabe der Zinsen könnte den wuchernden Schattenbankensektor zurückdrängen. Denn der Wettbewerb dürfte die Banken zwingen, mit höheren Zinsen um die Spareinlagen der Kunden zu werben. Legen diese ihr Geld bei den Banken an, statt WMPs zu kaufen, müssen auch die Trusts ihren Sparern höhere Zinsen bieten. Die steigenden Finanzierungskosten dürften sie an ihre Kreditkunden weitergeben.

Das könnte manche Unternehmen in Schwierigkeiten bringen. „Investitionsprojekte könnten in der Schublade bleiben“, urteilt UniCredit-Ökonom Keis. Zwar will die Regierung die starke Abhängigkeit des Landes von Investitionen und Exporten reduzieren. Doch dabei könnte ihr die Kontrolle entgleiten. „Je stärker die Regierung die Finanzmärkte und die Zinsen liberalisiert, desto stärker entziehen sie sich der direkten Steuerbarkeit“, sagt Keis. So könnte ausgerechnet die Einführung von Marktwirtschaft im Finanzsektor einen Crash auslösen.

Dessen Nachbeben würden die gesamte Weltwirtschaft erschüttern. Das Krisenvirus dürfte sich in Windeseile über die Finanz- und Gütermärkte weltweit ausbreiten. Zwar sind die chinesischen Banken international nicht so stark vernetzt wie ihre Konkurrenten aus Amerika und Europa. Eine Banken- und Kreditkrise in Fernost würde jedoch massiv auf die Stimmung der Börsianer in New York, Tokio und London drücken. Eine globale Abwärtsspirale an den Börsen verschlechterte die Finanzierungsbedingungen für Unternehmensinvestitionen dramatisch.

Weltweiten Erschütterungen

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Drehscheibe für die Verbreitung des Krisenvirus könnte die Sonderwirtschaftszone Hongkong sein. Über die dort ansässigen Banken und den sogenannten Offshore-Yuan können Chinesen die heimischen Kapitalverkehrskontrollen umgehen. Seit 2008 sind die Nettokredite Hongkonger Banken an Kunden vom Festland rasant gestiegen, derzeit erreichen sie fast 150 Prozent der Wirtschaftsleistung. 2007 lag die Quote noch bei 18 Prozent. Bereits kleine Verluste der Finanzinstitute bedeuteten große Probleme für Hongkong. Wegen des starken Engagements britischer Banken in der ehemaligen Kronkolonie wäre das Beben auch in der Londoner City zu spüren.

Häusermärkte unter Druck

Kollabiert Chinas Kreditpyramide, käme es auch zu weltweiten Erschütterungen an den Immobilienmärkten. Im Reich der Mitte ist das Überangebot an Wohn- und Büroflächen schon jetzt beachtlich. Schätzungen zufolge steht ein Viertel der Apartments im Land leer. In China haben sich die Preise für Wohneigentum seit 2008 im Schnitt verdoppelt. Doch im Januar sind die Preise in Städten wie Hangzhou und Changzhou erstmals gefallen. Landesweit hat sich der Preisauftrieb abgeschwächt. Immobilienentwickler haben ihre Preise gesenkt und Banken die Finanzierungen eingeschränkt oder ganz gestoppt. Chinesische Immobilienaktien sind auf den tiefsten Stand seit acht Monaten gefallen.

Der Schub aus Fernost lässt nach. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Nach Einschätzung von Zhiwei Zjang, Chefvolkswirt für China bei der japanischen Investmentbank Nomura, wird die chinesische Regierung einen aus dem Überangebot resultierenden Preisrückgang nicht aufhalten können. Das wiederum könnte die Banken in Bedrängnis bringen. Denn bei sinkenden Immobilienwerten wären ihre Kredite nicht mehr ausreichend besichert.

Die Chinesen haben ihre Kreditgelder aber nicht nur in den Kauf von heimischen Immobilien gesteckt. Das Geld floss auch in die Großstädte Asiens und Europas, nach London, Sydney, Toronto und Singapur. Beispiel London: Laut dem Immobilienentwickler Jones Lang LaSalle haben sich die chinesischen Immobilieninvestments in der britischen Hauptstadt zwischen 2010 und dem dritten Quartal 2013 um 1.500 Prozent erhöht, auf über eine Milliarde Pfund Sterling. Damit sind die Chinesen hinter Deutschen (1,2 Milliarden Pfund) und Amerikanern (1,1 Milliarden Pfund) die drittstärkste ausländische Käufergruppe in London.

Globale Kollateralschäden

Vor allem in London lassen sich Symptome einer Spekulationsblase erkennen. In Knightsbridge und Belgravia kostet ein Haus inzwischen durchschnittlich 4,4 Millionen Pfund Sterling, 342 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Rund 30 Prozent aller Neubauten im Zentrum von London im Wert von mehr als einer Million Pfund gehen an Käufer aus Schwellenländern, darunter China. Bei einer anhaltenden Krise dürften diese Käufer ausbleiben, die Häuserpreise auf Talfahrt gehen und die Banken Probleme bekommen.

Wie heftig ein Wachstumseinbruch im Gefolge einer Kredit- und Finanzkrise in China die Weltwirtschaft träfe, haben die Ökonomen der Bank Société Générale ausgerechnet. Sinkt die Wachstumsrate Chinas auf weniger als fünf Prozent, minderte dies das Wachstum der Weltwirtschaft um 1,5 Prozentpunkte. Das für dieses Jahr erwartete Wachstum der Weltwirtschaft halbierte sich.

Sturm aus Fernost

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP

Besonders hart träfe der Einbruch in China die Schwellenländer, die als Lieferanten von Vorprodukten stark mit der Wirtschaft des Riesenreichs verbandelt sind. Umgekehrt ist China häufig der wichtigste Investor in diesen Ländern. Leiden dürften auch die Anbieter von Rohstoffen, etwa Australien, Brasilien und Chile. Schon seit Wochen befindet sich der Preis für Kupfer auf Talfahrt. Der Preis des Metalles gilt wegen dessen Verwendung in der Bauwirtschaft und Industrie als Frühindikator für Chinas Robustheit. Reißt China die Schwellen- und Rohstoffländer mit sich nach unten, wird es auch für die Industrieländer ungemütlich.

Die BRIC-Staaten schwächeln

Deutschland erwirtschaftet Berechnungen der Citibank zufolge rund elf Prozent seines BIPs durch Exporte in die Schwellenländer. Rund sechs Prozent der deutschen Ausfuhren gehen nach China. Auf der Rangliste der wichtigsten Absatzmärkte befindet sich das Land auf Rang fünf. Der Export nach China steht für drei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Für die deutschen Autokonzerne wäre ein Einbruch der chinesischen Wirtschaft ein mittlerer GAU. So verkauft der Volkswagenkonzern jeden dritten Wagen im Reich der Mitte. Auch für die deutschen Maschinenbauer ist der chinesische Markt, der für rund acht Prozent der Umsätze der Branche steht, nicht mehr wegzudenken.

Daher stellt sich die Frage, ob die Regierung in Peking im Fall der Fälle tatenlos zusähe, wie ihre Wirtschaft durch das Platzen der Kreditblase abschmiert. „Die Regierung wird alles tun, um eine Restrukturierungskrise zu verhindern“, sagt UniCredit-Ökonom Keis. Sackt das Wachstum deutlich unter die Marke von sieben Prozent, dürfte es schwer werden, den in der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräften im Industrie- und Dienstleistungssektor neue Jobs zu verschaffen. Steigende Arbeitslosigkeit und soziale Unruhen wären die Folgen.

Ausland



Keis geht daher davon aus, dass die Regierung notfalls mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen der Wirtschaft unter die Arme greift. Für die nächsten Jahre erwartet er daher eine „akzentuierte Wachstumsverlangsamung, aber keinen Crash“. Thorsten Polleit, Chefökonom von Degussa Goldhandel, rechnet für den Fall der Fälle damit, dass die Zentralbank mit Zinssenkungen und Geldmengenausweitungen gegensteuert. „Die Ungleichgewichte könnten sich erst noch weiter aufbauen, bevor eine wirkliche Korrektur und Bereinigung einsetzt“, sagt Polleit.

Bleibt zu hoffen, dass die Weltwirtschaft bis dahin stark genug ist, um dem Sturm aus Fernost zu trotzen.

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