Krieg in der Ukraine Hört endlich auf, von „den Russen“ zu reden!

Russische Demonstranten halten ihre Nationalflagge und Protestschilder gegen Putins Krieg in der Ukraine bei einem Friedensmarsch in Tiflis in die Kameras. Quelle: imago images

Der Westen muss differenzieren und die These der Kollektivschuld schroff zurückweisen. Meinungsumfragen in Russland belegen nichts – jedenfalls nicht, dass 85 Prozent der Russen Putins Krieg unterstützen. Ein Gastbeitrag.

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Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ist die georgische Hauptstadt Tiflis zu einem der interessantesten Orte der Welt geworden. Ein Großteil der kulturellen und intellektuellen Elite Russlands – Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Regisseure, Philosophen und Professoren – ist hierher geströmt. Wenn Sie ein Café betreten, hören Sie unweigerlich Russisch und erkennen jemanden, den Sie kennen.

Das gemütliche, malerische Tiflis ist klein. Man sieht unzählige ukrainische Flaggen mit Slogans, die die Unterstützung des Landes bezeugen. Und dann sind da noch die unmissverständlichen Botschaften, die an die Zäune und Wände der Häuser gekritzelt sind: „Fuck Putin“. „Fuck Russia“. Und natürlich: „Russisches Kriegsschiff, fick dich“. Beim letzten Spruch handelt es sich bekanntlich um ein Zitat, genauer: um die Antwort ukrainischer Grenzsoldaten auf der Schlangeninsel im Schwarzen Meer auf eine russische Kapitulationsforderung zu Beginn des Krieges. Er wurde schnell zu einem Slogan des Widerstands.

Das Problem ist, dass jetzt alle Russen als Unterstützer von Präsident Wladimir Putin verurteilt werden, so als wären sie auf diesem Kriegsschiff gewesen.

Zur Autorin

Ich bin mit meinen Kindern und meinem Mann (dem Chefredakteur von Dozhd, dem kürzlich geschlossenen unabhängigen russischen Fernsehsender) nach Tiflis geflogen, nachdem sich im März 2022 das letzte Fenster für die Meinungsfreiheit in Russland geschlossen hatte. Die russische Regierung hat den Sender bereits im August 2021 zum „ausländischen Agenten“ erklärt. Gleichwohl konnten mein Mann und ich danach noch arbeiten, weil Putin es damals noch für notwendig hielt, die Fassade der Demokratie aufrecht zu erhalten. Wir hatten es mit der Verfolgung von Oppositionellen und Journalisten zu tun und mit korrupten Gerichten. Aber auch vielen Liberalen blieb in Russland noch Raum zum Atmen und sogar zum Sprechen.

Seit der Invasion ist damit Schluss. Nun können Russen bis zu 15 Jahre ins Gefängnis kommen, wenn sie die Wahrheit über den Krieg sagen.

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Nach unserem Umzug, den ich immer noch nicht als Auswanderung zu bezeichnen wage, begann die Erkenntnis zu reifen: Putin hat nicht nur das Leben von Millionen von Ukrainern zerstört, sondern auch das vieler Russen – etwa unseres.

Darüber hinaus hat er etwas erreicht, was zuvor unvorstellbar war: Die zivilisierte Welt mit ihren Werten (Humanismus, Respekt für jeden Einzelnen) hat auf den Einmarsch in die Ukraine mit der Verurteilung aller Russen reagiert. Wir sind alle verantwortlich für die Verbrechen der Regierung Putin. Wir alle tragen Schuld.

In Tiflis stieg ein Kollege von Dozhd in ein Taxi und begrüßte den Fahrer auf Russisch. Es folgte ein kurzes Gespräch auf Englisch:

„Russisch?“
„Ja.“
„Auf Wiedersehen.“

Als ich kürzlich in einer Talkshow des georgischen Jugendfernsehens zu Gast war, sagte mir einer der jugendlichen Moderatoren, dass Russen, die nach Georgien kommen, gut daran täten, auf den Freiheitsplatz im Zentrum von Tiflis zu gehen und lautstark ihre Unterstützung für die Ukraine zu bekunden: „Ich für meinen Teil“, sagte sie, „würde keine Russen in einem Café bedienen, bevor sie nicht über ihre Haltung gegenüber Putin gesprochen haben.“

Mit einem Kloß im Hals murmelte ich etwas von Menschenrechten und Demokratie, dass es so etwas wie „alle Russen“ nicht gibt und dass wir nicht Putin vertreten. Aber die Diskussion kam nicht weiter.

145 Millionen Russen einfach „canceln“?

Wie kommt der Westen dazu, ein ganzes Volk abzulehnen? 145 Millionen Russen zu blockieren – sie zu „canceln“? Wir sehen jeden Tag herzzerreißende Bilder von zerstörten ukrainischen Städten, von Leichen, die inmitten zerstörter Straßen liegen, von verwundeten Kindern, denen Arme und Beine fehlen. Als ich las, dass russische Streitkräfte in Odessa ein drei Monate altes Mädchen und seine Mutter getötet haben, war ich von ohnmächtiger Wut erfüllt. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die unabhängigen Meinungsforscher des Levada-Zentrums berichten, dass 83 Prozent der Russen das Vorgehen Putins gutheißen. Natürlich tun sie das, nickt der empörte Laie: Die Russen haben Imperialismus und Blutdurst in den Genen, und sie mögen Diktatoren. Schließlich haben sie Putin gewählt. Also sollen sie auch zahlen. Verweigert den Russen Visa! Frieren wir ihre Bankkonten ein! Verbieten wir ihnen den Besuch angesehener Universitäten! Verbannt wir sie aus der Mailänder Scala! Schließen wir sie vom Tennisturnier in Wimbledon aus! Lassen wir Russland wie Nordkorea werden. Vergessen wir, dass es diesen Ort gibt.

Aber halt. Vergessen wir nicht, dass Meinungsumfragen in einer Diktatur nicht aussagekräftig sind – selbst wenn sie kompetent durchgeführt werden. Eingeschüchterte Menschen beantworten Fragen nicht wahrheitsgemäß. Wir wissen nicht, wie viele Russen Putin tatsächlich unterstützen. Was wir wissen, ist, dass er in den 22 Jahren seiner Machtdurchsetzung die Möglichkeit fairer Wahlen  zerstört hat, dass er seine Konkurrenten inhaftierte oder ins Exil schickte – Wahlen zu einer Farce machte.

Vielleicht kann die jüngste Geschichte den Weg zu einer differenzierteren Reaktion des Westens auf das russische Volk weisen. Im Jahr 2008 marschierte Russland in Georgien ein. Dieser Krieg war viel kürzer als der Krieg in der Ukraine (er dauerte nur fünf Tage) – und führte dazu, dass Russland 20 Prozent des georgischen Territoriums besetzte. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy vermittelte Waffenstillstandsgespräche. Obwohl Russland seine Verpflichtungen aus dem anschließenden Abkommen nicht erfüllte, war Frankreich nicht einmal beleidigt, und die anderen westlichen Demokratien vergaßen die Episode schnell.

Es ist auch nützlich, sich an die nachfolgenden Maßnahmen des damaligen georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili zu erinnern. Obwohl er einer der kompromisslosesten Kritiker Putins ist (er nannte den kleinwüchsigen russischen Staatschef einmal „Liliputaner“), schaffte Saakaschwili dreieinhalb Jahre nach dem Krieg die georgische Visaregelung für russische Bürger ab. Und Saakaschwili sagte: „Wir werden die Grenze für russische Geschäftsleute und Touristen niemals schließen, denn wo Geschäfte gemacht werden, ist kein Platz für Panzerspuren.“

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Obwohl Georgien und Russland noch immer keine formellen diplomatischen Beziehungen unterhalten, bedeutet Saakaschwilis Entscheidung, dass Zehntausende von Russen heute Zuflucht in einem Land gefunden haben, das vor 14 Jahren von russischen Flugzeugen bombardiert wurde. Für viele Georgier ist das Trauma dieser Aggression und Besetzung jedoch noch nicht überwunden. Sie erleben Putins Einmarsch in der Ukraine als einen zweiten Krieg gegen sie, was zum Teil die antirussische Stimmung hier erklärt.

Hoffen wir, dass der Westen differenziert und die perverse Logik der Kollektivschuld zurückweist. Anstatt alle Russen über einen Kamm zu scheren, einschließlich derer, die aufgrund ihrer Opposition zu Putin gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen, sollten westliche Regierungen konsequent die Ressourcen, den Ruf und die Möglichkeiten derjenigen ins Visier nehmen, die wirklich für diesen Krieg verantwortlich sind.

Copyright: Project Syndicate

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