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Krieg in Mali Terror-Nester bekämpfen statt neokolonial demokratisieren

Eine Islamisten-Hochburg im eigenen Vorhof wäre tödlich für Europa. Darum ist der Krieg in Mali notwendig, auch für Deutschland. Ein Erfolg kann der Einsatz nur werden, wenn sich eine starke Koalition findet und der Westen aus seinen Fehlern in Afghanistan lernt.

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Eine deutsche Transall mit logistischer Unterstützung für die französischen Truppen landet auf dem Flughafen in Bamako, Mali. Quelle: REUTERS

Schon im Kopfkino wirken diese Bilder unglaublich grausam: In Reih und Glied ließen Islamisten ihre Geiseln am Gasfeld in Algerien antreten – um sie reihum per Kopfschuss hinzurichten. Vermutlich würde die Debatte über einen deutschen Beitrag zum Mali-Einsatz der Franzosen hierzulande anders verlaufen, wenn unter den 60 Getöteten auch Deutsche gewesen wären. Da etwa Wintershall in Nordafrika nach Gas bohrt, ist dies kein abwegiges Risiko.

Der Überfall in der Sahara macht uns klar: Wenn radikale Islamisten in der grenzenlosen Sahara ihre apokalyptisch-kranken Kampfestruppen aufstellen, sie dort unbehelligt ausbilden und gen Europa ausrichten, ist das eine Gefahr für den ganzen Kontinent. Algerien und Libyen sind Schlagadern der europäischen Gas- und Ölversorgung, die Sahara eine Drogenroute, von Nordafrika können Terror-Brigaden mit Leichtigkeit übers Mittelmeer nach Europa übersetzen und die Reisefreiheit zum Bombenlegen missbrauchen.

Eine langfristige Strategie ist vonnöten

Für die Sicherheit Europas und auch Deutschlands ist eine stabile Sahelzone entscheidender als Afghanistan: Nordafrika ist der Vorhof zur EU, der Hindukusch liegt mehr als 5000 Kilometer von Rhein und Donau entfernt. Angesichts steigender Terrorgefahr sollten Europa und Afrika die Franzosen nicht allein lassen und eine starke Koalition gegen den Terror aufstellen – vor allem aber eine langfristige Strategie entwickeln, wie die Sahelzone stabilisiert werden kann.

Sosehr dies unseren Klischees widerspricht: Anders als in Afghanistan sind Frieden und Sicherheit in der Sahelzone möglich: In Algerien geht es dank der Öl- und Gasexporte wirtschaftlich aufwärts, auch in Libyen läuft die Rohstoffförderung wieder an. Mali und Niger hängen zwar stärker am Tropf der Entwicklungshilfe, doch dort sind vitale Zivilgesellschaften entstanden, die von stabilen Demokratien träumen. Vor allem ist den Ländern rings um die Sahelzone gemein, dass sie einen moderaten Islam leben wollen, den Dschihad, radikalen Islamismus und die Scharia dagegen mehrheitlich ablehnen. Was übrigens selbst die separatistischen Tuareg-Rebellen einschließt.

Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen

Französische Soldaten im Einsatz bei Diabaly, Mali: Statt neokolonialer Demokratisierung sollte die Bekämpfung der Terror-Nester vorrangiges Ziel sein. Quelle: REUTERS

Auch die Afghanen sind in der Mehrheit nicht radikal – aber aus historischer Erfahrung zu lethargisch und unpolitisch, als dass sie sich einem Taliban-Regime entgegenstellen würden. Dies, zumal die Demokratisierung seitens des Westens am Hindukusch kaum mit ökonomischem Nutzen einherging. Stattdessen haben militärische Fehlschläge zur Radikalisierung der eingangs moderaten Bevölkerung beigetragen.

Mali ist der nächste Versuch. Die Franzosen, die in Afghanistan desertierten, werden in der Wüste jubelnd empfangen. Das wird nur so bleiben, wenn die Armee die Islamisten zurückzudrängen kann. Angesichts der Weiten der Sahelzone und einer zu vermutenden Guerilla-Taktik der Islamisten wird dies wohl kaum ohne Unterstützung anderer afrikanischer und europäischer Armeen möglich sein. Auch Deutschland sollte Verantwortung für die Sicherheit Europas übernehmen und mehr als zwei Transportflugzeuge nach Afrika schicken – auch wenn geheuchelter Pazifismus im Wahlkampf noch so opportun erscheint.

Ausland



Vor allem sollte Europa die Lehren aus Afghanistan ziehen: Statt neokolonialer Demokratisierung sollte die Bekämpfung der Terror-Nester vorrangiges Ziel sein. Statt massiver Bombardements sollte schnell eine schlagkräftige lokale Armee aufgestellt und ausgebildet werden, die die riesigen Gebiete kontrollieren kann. Statt einen Krieg ohne Ende zu riskieren, sollten Europäer und Afrikaner massiv, aber kurz im Land intervenieren.

Wie sich in Afghanistan zeigt, werden fremde Truppen mit der Zeit nicht mehr als Befreier wahrgenommen, sondern als Besatzer. Besonders, wenn die Islamisten ihre demagogische Kraft entfalten. Umso wichtiger ist es, die Sahara-Anrainer mit handfesten Investitionen langfristig zu entwickeln, bevor es die Islamisten tun. Wer die Armut der Menschen bekämpft, kann sich ihrer Unterstützung sicher sein.

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