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Kriseninsel Zyperns Comeback

Vor einem Jahr stand Zypern am Rande des Abgrunds. Nun könnte die Insel die Krise schneller hinter sich lassen als gedacht – vielleicht sogar mit einem Wachstumsplus im kommenden Jahr. Doch es bleiben zwei große Risiken.

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Die schöne Seite Zyperns: Im Tourismus gab es 2013 ein leichtes Plus, vor allem dank des größeren Zustroms russischer Urlauber. Quelle: Getty Images

Athen Lob von der Troika? Das bekommt man nicht leicht. Den Zyprern ist es jetzt zuteil geworden: „Das Zypern-Programm bleibt auf Kurs, wobei die finanzpolitische Entwicklung besser ausfällt als erwartet“, stellten die Prüfer der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach ihrer jüngsten Inspektion auf der Kriseninsel fest. Doch zugleich warnt die Troika: „Zypern ist immer noch mit erheblichen Risiken konfrontiert.“ Die Entwicklung auf der Insel wird am Montagnachmittag auch die Eurogruppe, die Finanzminister der Euro-Staaten, bei ihrem Treffen in Brüssel beschäftigen.

Vor einem Jahr stand Zypern am Rand des Abgrunds. Mit einem Hilfspaket von zehn Milliarden Euro bewahrten die EU und der IWF die Insel vor dem Untergang. Bis 2016 soll das Geld in elf Tranchen fließen. Die Rettung ihrer beiden größten Banken, die sich mit griechischen Staatsanleihen verzockt und beim Schuldenschnitt ihr gesamtes Eigenkapital verloren hatten, mussten die Zyprer selbst stemmen: Die Laiki Bank, das zweitgrößte Institut, wurde zerschlagen. Und die Bank of Cyprus wurde mit Kundengeldern gerettet. Ungesicherte Einlagen von mehr als 100.000 Euro wurden mit einer Zwangsabgabe von 47,5 Prozent zur Rekapitalisierung herangezogen. Damit wurden erstmals in der Eurozone Bankkunden teilenteignet.

Elf Monate später mehren sich die Anzeichen, dass Zypern die Krise womöglich schneller hinter sich lassen wird als zunächst angenommen: „Zypern hat die Ziele, die zu Beginn des Programms gesetzt wurden, klar übererfüllt“, attestierte jetzt ein EU-Beamter in Nikosia. „Das ist ungewöhnlich und entspricht nicht den Erfahrungen, die wir zuvor (in anderen Krisenländern) gemacht haben“, lobte der EU-Experte.

Noch liegen keine endgültigen Haushaltszahlen für 2013 vor, aber das Defizit scheint deutlich geringer ausgefallen zu sein als die noch im vergangenen Herbst von der EU veranschlagten 8,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Ende November lag die Defizitquote nur bei 3,63 Prozent.

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    Finanzminister Harris Georgiades hat sich nicht nur erfolgreich großer Sparsamkeit befleißigt. Hilfreich war auch, dass die zyprische Wirtschaft weniger stark einbrach als befürchtet. Statt um 8,7 Prozent, wie von der Troika veranschlagt, schrumpfte das BIP im vergangenen Jahr nur um 5,3 Prozent, wie jetzt vorläufige Daten des staatlichen Statistikamtes zeigen. Vor allem im Dienstleistungssektor fiel die Rezession weniger schwer aus als erwartet. Im Tourismus gab es sogar ein leichtes Plus, vor allem dank des größeren Zustroms russischer Urlauber, die im Schnitt deutlich mehr Geld ausgeben als Briten oder Deutsche. Für 2014 erwartet man jetzt einen Rückgang des BIP um 4,7 Prozent, und 2015 könnte die Insel mit einem Plus von einem Prozentpunkt zum Wachstum zurückkehren.


    Die heilige Kühe Zyperns

    Noch im Laufe dieses Jahres will Finanzminister Georgiades auch die Kapitalkontrollen aufheben, die vor einem Jahr aus Angst vor einem Bank-Run und einer massiven Kapitalflucht eingeführt wurden. Auslandsüberweisungen sind noch beschränkt, Festgeldanlagen können nicht gekündigt werden und Privatkunden dürfen pro Tag maximal 300 Euro von ihren Konten abheben, Unternehmen 500 Euro.

    Die Zwischenbilanz der Kriseninsel ist allerdings durchwachsen. Den Erfolgen bei der Haushaltskonsolidierung stehen Verzögerungen bei wichtigen Strukturreformen gegenüber. Vor allem mit den geforderten Privatisierungen tut sich Zypern schwer. Die meisten öffentlichen Unternehmen datieren noch aus der Ära vor 1960, als Zypern eine britische Kolonie war. Sie gelten als heilige Kühe. Viele haben monopolartige Stellungen, die Beschäftigten sind praktisch unkündbar.

    Nicht nur die traditionell sehr starken Gewerkschaften sträuben sich gegen die von der Troika geforderten Privatisierungen, auch im Inselparlament gibt es heftige Widerstände. Bis 2018, so die Vorgabe der Troika, soll Zypern mit dem Verkauf von Staatsunternehmen 1,4 Milliarden Euro einnehmen. Das Kabinett billigte vergangene Woche den Entwurf eines Privatisierungsgesetzes. Bis Ende Februar muss es durchs Parlament. Nur dann will die Troika grünes Licht geben für die nächste Rate der Hilfskredite von 236 Millionen Euro.

    Zu den „erheblichen Risiken“, mit denen Zypern laut der Troika weiterhin konfrontiert ist, gehört vor allem der Bankensektor. Die Bank of Cyprus, die Hellenic Bank und die Genossenschaftsbanken wurden zwar rekapitalisiert. Aber die Institute kämpfen mit ständig wachsenden Kreditausfällen. Der Anteil der faulen Kredite beläuft sich nach Angaben der EU und des IWF auf 46 Prozent. Es geht um Darlehen im Volumen von rund 19 Milliarden Euro, was 120 Prozent des zyprischen BIP entspricht. Branchenbeobachter schätzen, dass die Kreditausfälle im Laufe dieses Jahres auf 50 Prozent der gesamten Darlehenssumme ansteigen werden.


    Notenbanker fordert ein Umdenken bei den Banken

    Zyperns Zentralbankchef Panicos Demetriades sieht in den notleidenden Darlehen „die größte Herausforderung für den Bankensektor in Zypern“. Ob sich aus den Kreditausfällen neuer Kapitalbedarf ergibt, und wie er gedeckt werden kann, ist noch unklar.

    Die Kreditmisere ist nicht nur eine Folge der Rezession und der hohen Arbeitslosenquote von fast 18 Prozent, die es vielen privaten Haushalten unmöglich macht, ihre Kredite zu bedienen. Zyperns Banken waren früher bei der Vorgabe von Darlehen auch zu sorglos. Man achtete zwar auf Sicherheiten, prüfte aber weniger die Fähigkeit des Kunden, den Kredit auch zurückzahlen zu können. Notenbanker Demetriades fordert deshalb ein Umdenken bei den Banken.


    Das ist ohnehin fällig, denn das bisherige Geschäftsmodell der Insel als Steuerparadies trägt nicht mehr. Kurz vor der Krise erreichte die Bilanzsumme der zyprischen Banken das Neunfache des BIP. Jetzt soll die Branche etwa auf die Hälfte schrumpfen. Zypern müsse sein Bankensystem für neue Gesichter und Ideen öffnen, eine Kultur der Unabhängigkeit und Offenheit entwickeln, um sich vom Ruch der Klüngelei und Vetternwirtschaft zu befreien, heißt es in einen Gutachten, das die Zentralbank bei einer unabhängigen Expertenkommission in Auftrag gab. Nur mit „besserer Governance, besseren Banken und besserer Aufsicht“ habe Zypern in Zukunft als Finanzplatz eine Chance, so das Fazit.

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