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Kritik nach Las Vegas Sind nur weiße Verbrecher „einsame Wölfe“?

Der Schütze von Las Vegas war weiß – und nicht muslimisch. Seine Tat sei die eines „einsamen Wolfes“ gewesen, nicht die eines „heimischen Terroristen“. An dieser Interpretation wird immer mehr Kritik laut.

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Die Bezeichnung „einsamer Wolf“ wird oft in Verbindung mit Massenmorden benutzt, wie etwa im Fall von James Holmes, der 2012 in einem Kino in Colorado 12 Menschen getötet hatte. Quelle: AP

Las Vegas Stephen Craig Paddock, der Massenmörder von Las Vegas, ist ein weißer Amerikaner. Nach seiner Identifizierung als Täter wurde er schnell als ein „einsamer Wolf“ bezeichnet, ein isolierter Einzeltäter. Wäre er im Fall einer anderen Hautfarbe oder Volkszugehörigkeit stattdessen Terrorist genannt worden oder wären irgendwelche Verbindungen zwischen der Tat und der Minderheitengruppe hergestellt worden, der er angehört?

Diese Frage ist in den vergangenen Tagen immer wieder aufgetaucht. Kritiker meinen, dass in den Diskussionen und Gesprächen nach Tragödien und Verbrechen in den USA oft Formulierungen mit spaltenden, rassistischen Untertönen auftauchen. Wenn Weiße für die Tat verantwortlich gemacht werden, so sagen sie, dann als Einzelpersonen. Sind es Angehörige von Minderheiten, wird angedeutet, dass ihre Verbrechen einen breiteren Hintergrund haben.

„Bei Weißen heißt es, es ist etwas, „das eben passiert ist““, meint Professorin Sharlette Kellum-Gilbert von der Texas Southern University. „Wenn es sich um eine andere ethnische Zugehörigkeit handelt, dann heißt es, „so sind sie“, und es gibt Rufe nach Recht und Ordnung.“

Der Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivist Shaun King sieht es ähnlich. „Weiße Männer, die Massengewalt anwenden, werden konstant vorrangig als isolierte „einsame Wölfe“ charakterisiert“, stellt er in einer Kolumne für die Nachrichtenseite „The Intercept“ fest. „Wenn ein Gewaltakt von einem Afroamerikaner begangen worden ist, ist es seit Jahrhunderten so, dass rassistische Ausdrücke folgen - und dann früher oder später die Kriminalisierung und Dehumanisierung einer ganzen ethnischen Gruppe.“

Als im vergangenen Jahr Micah Xavier Johnson in Dallas fünf Polizisten erschoss und neun weitere verletzte, gab es viele, die Black Lives Matter die Schuld daran gaben - einer Bewegung, die exzessive Polizeigewalt gegen Schwarze anprangert. Dabei hatte Johnson keine Verbindung zu ihr.

Und als 2014 Alton Nolen im Zusammenhang mit der Enthauptung eines Arbeitskollegen und einer Messerattacke gegen einen zweiten festgenommen wurde, waren manche sehr schnell dabei, die Tat auf Nolens „Radikalisierung“ zurückzuführen: Er war kurz davor zum Islam übergetreten. Dabei hätte das Verbrechen auch als Gewalt am Arbeitsplatz kategorisiert werden können, wie das in anderen Fällen gang und gäbe ist: Nolen war verbittert über seine jüngste Zwangsbeurlaubung von seinem Job.

Die Bezeichnung „einsamer Wolf“ wird oft in Verbindung mit Massenmorden benutzt, wie etwa im Fall von James Holmes, der 2012 in einem Kino in Colorado 12 Menschen getötet hatte. Der Begriff sei zweckdienlich für eine Gesellschaft, die bestrebt sei, ihre Ängste nach einem schrecklichen Ereignis abzumildern, sagt Mark Hamm, ein Professor für Kriminologie an der Universität des US-Staats Indiana, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. „Es ist leicht, zu dieser Metapher zu greifen. Terrorismus ist ein solch befrachteter Begriff. Er hat einen ethnisch bezogenen Beiklang.“

Den Ermittlern ist es noch nicht gelungen, das Motiv hinter dem Massaker von Las Vegas, dem schlimmsten Blutbad in der US-Kriminalgeschichte, zu identifizieren. 58 Menschen starben, etwa 500 wurden verletzt. Der Schütze tötete sich selbst. Präsident Donald Trump sprach von einem „Akt des reinen Bösen“, der Begriff heimischer Terrorismus fiel nicht. Den Täter nannte Trump „krank“ und „verrückt“ - was nahelegt, dass psychische Probleme eine mögliche Erklärung für das Verbrechen seien.

Im vergangenen Jahr, nach dem Blutbad in einem Nachtclub in Orlando, hatte Trump den damaligen Präsidenten Barack Obama kritisiert, weil dieser die Tat des Schützen Omar Mateen nicht sofort als einen Akt des „radikalen islamischen Terrorismus“ bezeichnet hatte. Zwar hatte Mateen in der Vergangenheit Unterstützung für die Terrormiliz Islamischer Staat geäußert, aber seine spezifischen Motive wurden nie geklärt - und auch nicht, ob irgendwelche psychischen Krankheiten zu der Tat beitrugen.

Obama redete nicht um den heißen Brei, als der Weiße Dylann Roof 2015 in einer Schwarzenkirche in South Carolina neun Gläubige erschoss: Er sprach von einem „Akt des Terror“ und einem „Akt des Hasses“. Trump seinerseits geriet im August ins Kreuzfeuer der Kritik, nachdem er sich schonungsvoll über die Gewalt bei einer Demonstration Rechtsradikaler in Charlottesville (Virgina) geäußert hatte. Am Rande der Veranstaltung war es zu Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten gekommen, eine Frau wurde bei einer gezielten Autoattacke getötet. Trump machte nicht Rechtsradikale für die Eskalationen verantwortlich, sondern „viele Seiten“.

Wes Bellamy, Vizebürgermeister von Charlottesville, wirbt für mehr Ehrlichkeit in den Diskussionen. „Was in Las Vegas und was in Charlottesville vor sich ging, war heimischer Terrorismus“, sagt er. „Er hat keine Farbe. Wir müssen das ansprechen und benennen, was es ist, egal, wer die Tat begeht.“

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