Kuba Zwischen Himmel und Hölle

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Für Kuba wird es immer schwieriger sich selbst zu finanzieren

Wieviel Talent, Unternehmergeist und Steuereinnahmen der Staat verschenkt, lässt sich an der Biografie von Ernesto (Namen geändert) bestens beschreiben. Der 31-jährige Kubaner radelt am Nachmittag mit Touristen durch die Stadt, auch abseits der bekannten Pfade. Es geht durch das Künstlerviertel Hamel; eine alte Badewanne ist hier grün lackiert und dient als Pflanzenkübel, ein Bügelbrett, in den Landesfarben Rot, Weiß, Blau bemalt, als Bar-Tisch. An der nächsten Ecke steht ein dreigeschossiger grauer, verfallener Betonklotz mit einem Poster von Ex-Staatschef Fidel Castro an der Fassade. „Eine Grundschule, hier habe ich früher mal unterrichtet“, erzählt Ernesto den erstaunten Touristen. Anfang des Jahrtausends suchte die Regierung Lehrer; wer zusagte zu unterrichten, wurde vom zweijährigen Wehrdienst befreit. „Ein gutes Angebot“, sagt Ernesto.

Zwei Jahre lehrte der Hüne mit der sanften Stimme an der Schule, dann wechselte er ins Telekommunikationsministerium. Dort nämlich gab es damals schon einen Internetzugang – und Ernesto begeisterte sich früh fürs World Wide Web und fürs Programmieren. Parallel zur Arbeit entwickelte der Kubaner Smartphone-Apps. Mit einem Freund wollte er sich selbständig machen. „Wir wollten so etwas Ähnliches wie Airbnb aufbauen.“ Er bewarb sich um eine Lizenz beim Staat. Zwei Jahre hörte er nichts. Dann folgte die Ablehnung. „Ohne Angaben von Gründen“, sagt Ernesto und zuckt mit den Schultern. „Bisschen schade.“

Knapp 30 US-Dollar im Monat verdiente Ernesto als Systemadministrator im Ministerium. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ernesto zahlt zwar keine Miete; er wohnt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Frau und Sohn und seinen Eltern. Seine Großmutter hatte das Objekt einst von der Regierung geschenkt bekommen; von Generation zu Generation wird die Mini-Immobilie weitergereicht. „Ich habe noch nie in meinem Leben Miete gezahlt“, sagt er. Doch Konsumgüter sind teuer. Fahrräder, Möbel, Computer müssen importiert werden, und kosten weit mehr als ein Jahresgehalt.

Ein privater Internetzugang ist bis heute ein Luxusprodukt, das sich nur wenige Kubaner leisten können. Bisher besteht die Versorgung vor allem aus öffentlichen WLAN-Hotspots. Quelle: imago

Die Touristengruppe fährt an einem Park mitten im Stadtteil vorbei; Dutzende Kubaner tippen auf ihren Smartphones herum: wir befinden uns an einem der wenigen Hotspots der Stadt. Das Internet ist frei, Seiten wie Facebook oder Twitter können problemlos aufgerufen werden. Doch der Zugang zum WWW ist teuer: Die Stunde kostet umgerechnet einen US-Dollar. Was für Touristen nach wenig Geld klingt, ist für Kubaner bei ihrem bescheidenen Einkommen eine Menge Geld. Lange Zeit auch für Ernesto. „Die Hälfte meines Monatslohns ging für Internetgebühren rauf“, sagt er. „So konnte es nicht ewig weitergehen.“

Und so schaute sich auch Ernesto vor über einem Jahr nach einem neuen Job um. Über eine Freundin hört er von offenen Stellen bei einem Fahrradtouren-Anbieter, der im Zuge der ersten Wirtschaftsreformen ins Leben gerufen wurde. Für dreißig US-Dollar können Touristen eine vierstündige Fahrt durch Havanna buchen. Ernesto wird dank seiner guten Englischkenntnisse und seiner sportlichen Natur sofort eingestellt. Was er verdient, möchte er nicht sagen. Doch klar ist: Alleine mit den Trinkgeldern der Ausländer toppt er in wenigen Tagen sein früheres Gehalt. Kein Wunder also, dass der Ex-Lehrer und Ex-Regierungsmitarbeiter, der Informatik studiert hat und sehr gutes Englisch spricht, nun als Stadtführer arbeitet. Für Ernesto ist es ein guter Deal, für den Staat ein selbstverschuldetes Debakel.

Wie es um die wirtschaftliche Lage Kubas steht, zeigt sich selbst am Malécon, der berühmten Uferpromenade Havannas. Quelle: imago

„Kuba leidet unter einem extremen Fachkräftemangel“, weiß Máximo López, der Ex-Regierungsmitarbeiter und heutige Hellmann-Logistiker, um die Folgen. Geschichten wie die von Ernesto kennt jeder Kubaner. Die Folge: Immer weniger Inselbewohner entscheiden sich für ein Studium, da Taxifahrer, Touristenführer oder Barkeeper mehr verdienen als Professoren, Ingenieure oder Ärzte. Und so wird es auch für den Kümmerstaat immer schwieriger sich zu finanzieren. Der Schwarzmarkt im Tourismus boomt, der Fiskus bleibt bei vielen Geschäften außen vor. Da es keine Industrie auf Kuba gibt, ist der Inselstaat längst komplett marode und pleite.

Wie schlimm die Lage ist, zeigt sich selbst am Malécon, der berühmten Uferpromenade Havannas, wo die Wellen gegen die Schutzmauer schlagen. Immer wieder spritzt Gischt über die grauen Mauern; auf den mit Löchern übersäten Steinplatten bilden sich tiefe Pfützen. Auch die Häuser mit Blick aufs Meer sind in erbärmlichem Zustand: die Farbe blättert reihenweise von den Gebäuden, und auf den Straßen fahren Autos, die der TÜV in Deutschland längst aus dem Verkehr gezogen hätte.

„Wir brauchen eine Trendwende. Das Land muss sich öffnen, Investoren müssen angelockt werden“, heißt es quer durch Kuba. Die Hoffnungen ruhen auf einer neuen Politikergeneration. Im April wählen die Kubaner einen neuen Präsidenten; nach Fidel und seinem Bruder Raúl Castro wird Kuba erstmals seit sechs Jahrzehnten nicht von einem Castro regiert werden. Wer folgt ist aber völlig unklar: es gibt keinen Wahlkampf, die Bürger wählen ihr Staatsoberhaupt nicht direkt, sondern nur Wahlmänner. „Die Ausgangslage ist aber klar: Das Land braucht Geld. Und das kann nur von außen kommen", wissen alle Beobachter.

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