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Künstler Ai Weiwei "Das ist lächerlich"

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Könnten Demonstrationsaufrufe im Internet, wie wir sie unlängst beobachtet haben, zu einer ernsten Bedrohung für die chinesische Regierung werden?

Das ist ganz schwer vorherzusagen. Das generelle Verlangen nach Meinungsfreiheit, nach Demokratie, nach politischen Reformen und einer Reform der Justiz wird größer. Aber eine Diskussion zu diesen Fragen ist nicht gestattet, geschweige denn Demonstrationen. In den letzten Wochen wurden viele Schriftsteller und Intellektuelle, die offen ihre Meinung sagen, festgenommen. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass das ganze System instabil ist. Warum würde man sie sonst festnehmen? Die Regierung hat wohl schreckliche Angst.

Was halten Sie von dem oft gehörten Argument, dass Demokratie und Menschenrechte und die chinesische Kulturtradition nicht zusammenpassen?

Das ist lächerlich. Es ist eine Entschuldigung der Herrscher, die nicht von der Macht lassen wollen. Man soll die Menschen entscheiden lassen, nicht die Regierung.

Haben die Entwicklungen in Nordafrika und arabischen Ländern eine Wirkung auf China?

Viele Leute beobachten die Ereignisse in der Region sehr genau und versuchen davon zu lernen. Es gibt Kräfte, die sich für eine Demokratisierung in China stark machen. Manche von ihnen unterstütze ich ausdrücklich nicht. Sie wollen lediglich etwas heraufbeschwören, provozieren. Aber ihre Gründe sind in meinen Augen solide: Die chinesische Regierung widersetzt sich politischen Reformen.

In China gibt es doch längst Ansätze einer Zivilgesellschaft.

Richtig, China bewegt sich in diese Richtung. Aber wichtig ist, dass die Menschen sich engagieren und mitmachen. Damit sie ihre Meinung zu politischen und sozialen Fragen äußern können, braucht es eine offene Diskussionsplattform. Die gibt es nicht. Wenn beispielsweise nicht mehr Pressefreiheit verwirklicht wird, kann sich eine richtige Zivilgesellschaft nicht entwickeln.

Vielleicht ist die große Mehrheit der Menschen ja schon ganz zufrieden, wenn sie jedes Jahr etwas mehr im Geldbeutel und einen sicheren Job hat.

China war lange Zeit sehr arm. Diese Tatsache in Verbindung mit dem Nichtvorhandensein politischer Freiheiten führt dazu, dass die Menschen nach materiellen Werten streben. Diese Entwicklung ist sehr wichtig, denn sie führt zu mehr Individualismus, zu persönlichen Wünschen und Bedürfnissen.

Wann kamen sie erstmals mit den Werten der Aufklärung in Berührung?

Als ich 1981 in New York landete. Die anschließenden zwölf Jahre in Amerika waren die wichtigste Erfahrung meines Lebens.

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