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Künstler Ai Weiwei "Das ist lächerlich"

Der chinesische Künstler Ai Weiwei über die Eröffnung des größten Museums der Welt, den Zusammenhang von asiatischen Werten und Demokratie sowie die Auswirkungen der Revolutionen in der arabischen Welt auf China.

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Ai Weiwei Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Im Pekinger Nationalmuseum, dem nun größten Museum der Welt, hat eine von drei deutschen Kunstsammlungen bestückte Ausstellung zur Aufklärung begonnen. Was halten Sie davon?

Ai: Das war eine phantastische Idee. Es ist wichtig, einen Blick auf die Epoche der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert zu werfen: Die Bedeutung des Humanen, der Menschenrechte, der Gewaltenteilung und der Notwendigkeit von Revolutionen – ganze Teile dieser Kategorien dürfen bis heute in China nicht öffentlich diskutiert werden. Das Bewusstsein für Demokratie, aber auch für Wissenschaft als fundamentale Werte hat es im Leben der Chinesen lange nicht gegeben. Das Auftreten großer westlicher Denker seit der Aufklärung hat doch erst das Fundament geschaffen für die moderne Zivilisation.

Sind Sie überrascht, dass die chinesische Regierung eine solche Ausstellung erlaubt?

Nein. Es ist am Ende aller Tage eine Kunstausstellung, und sie wird von der Regierung kontrolliert. Es ist dennoch eine große und wichtige Ausstellung. Ich habe meinen Freunden gesagt, sie sollen sie sich anschauen. Doch nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung wird die Gemälde und Skulpturen zu sehen bekommen. Solange die chinesischen Medien keine tiefgehende Diskussion zu der Ausstellung führen, wird diese auch keinen Einfluss auf die gesellschaftlichen Zustände in China haben.

Angesichts der jüngsten Aufrufe im Internet zu Demonstrationen in China verwundert es aber doch, dass die Regierung die Ausstellung nicht gekippt hat.

Nein, das sehe ich anders. Öffnung und Reformen in China sind ein Trend, ein wichtiges Prinzip, und das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden. Aber zum Tempo und zur Art der Reformen gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Behörden können so eine Ausstellung außerdem nicht einfach kippen, weil sie auch an die Beziehungen zu Europa und Amerika denken müssen. Eine Ausstellung über das 17. und 18. Jahrhundert ist für Chinas Regierung keine Bedrohung.

Hatte China nicht auch eine Periode der Aufklärung, namentlich die 4. Mai-Bewegung im Jahr 1919, als die Intellektuellen über den Modernisierungskurs des Landes stritten?

Ja. Mit Beginn der Bewegung hielten westliche Konzepte und Denkweisen Einzug in China. Nur diese Konzepte, so sahen es chinesische Intellektuelle und Revolutionäre damals, könnten China in die Modernisierung führen. Die Kommunistische Partei war damals der Auffassung, sie habe die Mission, die Nation zu retten. Und die Kommunisten waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ja auch wirklich die Treiber des Geistes der 4. Mai-Bewegung. Nach 1949 änderte sich allerdings alles. Die Diskussionen über ein Mehrparteiensystem, eine unabhängige Justiz und die Meinungsfreiheit waren auf einmal beendet.

Könnten Demonstrationsaufrufe im Internet, wie wir sie unlängst beobachtet haben, zu einer ernsten Bedrohung für die chinesische Regierung werden?

Das ist ganz schwer vorherzusagen. Das generelle Verlangen nach Meinungsfreiheit, nach Demokratie, nach politischen Reformen und einer Reform der Justiz wird größer. Aber eine Diskussion zu diesen Fragen ist nicht gestattet, geschweige denn Demonstrationen. In den letzten Wochen wurden viele Schriftsteller und Intellektuelle, die offen ihre Meinung sagen, festgenommen. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass das ganze System instabil ist. Warum würde man sie sonst festnehmen? Die Regierung hat wohl schreckliche Angst.

Was halten Sie von dem oft gehörten Argument, dass Demokratie und Menschenrechte und die chinesische Kulturtradition nicht zusammenpassen?

Das ist lächerlich. Es ist eine Entschuldigung der Herrscher, die nicht von der Macht lassen wollen. Man soll die Menschen entscheiden lassen, nicht die Regierung.

Haben die Entwicklungen in Nordafrika und arabischen Ländern eine Wirkung auf China?

Viele Leute beobachten die Ereignisse in der Region sehr genau und versuchen davon zu lernen. Es gibt Kräfte, die sich für eine Demokratisierung in China stark machen. Manche von ihnen unterstütze ich ausdrücklich nicht. Sie wollen lediglich etwas heraufbeschwören, provozieren. Aber ihre Gründe sind in meinen Augen solide: Die chinesische Regierung widersetzt sich politischen Reformen.

In China gibt es doch längst Ansätze einer Zivilgesellschaft.

Richtig, China bewegt sich in diese Richtung. Aber wichtig ist, dass die Menschen sich engagieren und mitmachen. Damit sie ihre Meinung zu politischen und sozialen Fragen äußern können, braucht es eine offene Diskussionsplattform. Die gibt es nicht. Wenn beispielsweise nicht mehr Pressefreiheit verwirklicht wird, kann sich eine richtige Zivilgesellschaft nicht entwickeln.

Vielleicht ist die große Mehrheit der Menschen ja schon ganz zufrieden, wenn sie jedes Jahr etwas mehr im Geldbeutel und einen sicheren Job hat.

China war lange Zeit sehr arm. Diese Tatsache in Verbindung mit dem Nichtvorhandensein politischer Freiheiten führt dazu, dass die Menschen nach materiellen Werten streben. Diese Entwicklung ist sehr wichtig, denn sie führt zu mehr Individualismus, zu persönlichen Wünschen und Bedürfnissen.

Wann kamen sie erstmals mit den Werten der Aufklärung in Berührung?

Als ich 1981 in New York landete. Die anschließenden zwölf Jahre in Amerika waren die wichtigste Erfahrung meines Lebens.

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