Kurdenmiliz YPG In Syrien bildet sich eine Allianz gegen Erdogan

Truppen des syrischen Regimes und kurdische Separatisten wollen sich gegen die Türkei zusammenschließen. Deren Regierungsvertreter drohen Syrien.

Der türkische Präsident will Washington davon abbringen, die YPG weiter zu unterstützen. Quelle: AP

IstanbulWer hat noch einen Überblick, wer in Syrien eigentlich gegen wen kämpft? Wer ist auf der Seite der Guten, wer auf der Seite der Bösen? Und wer ist mit wem verbündet? Die Regierung von Machthaber Baschar al-Assad hat der ganzen Verwirrung in diesem brutalen und nicht enden wollenden Konflikt nun noch einen draufgesetzt: Die syrische Regierung will der Kurdenmiliz YPG einem Medienbericht zufolge im Kampf gegen die Türkei rasch militärische Hilfe leisten. Regierungsnahe Milizen würden innerhalb weniger Stunden in der umkämpften Region Afrin eintreffen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Montag.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu reagierte auf die Kooperation zwischen YPG und syrischer Armee mit der Drohung, türkische Soldaten würden auch gegen syrische Truppen vorgehen. „Wenn sie kommen, um die YPG zu verteidigen, dann kann niemand und nichts uns oder die türkischen Soldaten stoppen.“, sagte Cavusoglu in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Die YPG hat sich im Laufe des syrischen Bürgerkriegs als Besatzungsmacht im Norden des Landes, an der Grenze zu Syrien, etabliert. Einerseits sorgte sie dort für eine relative Stabilität, ohne große Kämpfe. Andererseits ist sie mit der PKK verbunden. Die PKK gilt in der Türkei, der EU und den USA  als Terrororganisation. Nach Angaben Ankaras seien von dort aus Terroranschläge in der Türkei geplant worden. Mit Angriffen aus der Luft und vom Boden will die Türkei die Rebellen aus dem Grenzgebiet vertreiben.

Das Problem: Die YPG wird derzeit von den USA unterstützt. Die Kurdenmiliz hatte in der Vergangenheit besonders effektiv gegen den IS gekämpft. Die USA hatten nach offiziellen Angaben deswegen ihre Hilfe angeboten. Mittlerweile unterhalten US-Truppen im von der YPG kontrollierten Gebiet mehrere Stützpunkte. Gleichzeitig haben die beiden Verbündeten inzwischen mehr als ein Viertel des Staatsgebiets unter ihre Kontrolle gebracht – dazu zählt auch der besonders ölreiche Südosten des Landes, in dem eigentlich so gut wie keine Kurden sesshaft sind.

Mit beharrlichem diplomatischem Druck will Ankara den Nato-Partner in Washington davon abbringen, die YPG weiter zu unterstützen. Unbestätigten Berichten zufolge soll US-Außenminister Rex Tillerson bei einem Besuch in Ankara in der vergangenen Woche angeboten haben, die Unterstützung für die YPG Stück für Stück zu verringern. Eine entsprechende Bestätigung aus dem Weißen Haus liegt allerdings noch nicht vor.

Doch mit dem Abkommen zwischen YPG und Damaskus deutet sich die nächste Konfrontation an. Die Motive der syrischen Führung sind unklar. Einerseits will Assad die volle Kontrolle über das Land zurückhaben. Das passt nicht zur Strategie der YPG, die für föderale Autonomie in der Region oder so einen eigenen Staat kämpft. Dass beide Seiten nun gemeinsam kämpfen wollen, überrascht daher.

Allerdings teilen die syrische Führung sowie die Kurdenmiliz im Norden des Landes schon immer den gemeinsamen Feind Türkei. Die YPG und ihre Mutterorganisation PKK kämpfen in der Türkei schon lange für einen eigenen Staat. Und die syrische Herrscherfamilie Assad hat der Türkei nie verziehen, dass das Nachbarland mit einem Staudamm auf dem Fluss Euphrat den Syrern quasi das Wasser abgedreht hat. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren hat der Vater des syrischen Machthabers, der Ex-Präsident Hafiz al-Assad, der PKK angeboten, sich in seinem Land zu verstecken, um Anschläge in der Türkei zu planen. Die Kader der Organisation hielten sich damals vor allem in derselben Region auf, in die nun das türkische Militär vorrückt.

Die YPG, in der neben Kurden auch Söldner aus Europa, den USA und Asien kämpfen, sieht ihre Bündnisse pragmatisch. „Wir können mit jeder Seite kooperieren, die uns eine helfende Hand reicht im Lichte der barbarischen Verbrechen und des internationalen Schweigens dazu“, sagte Kurdenführer Jia Kurd angesichts der türkischen Invasion. Bereits in den vergangenen Wochen hatte die syrische Armee kurdischen Kämpfern erlaubt, auf dem Weg nach Afrin von ihr kontrolliertes Gebiet zu durchqueren. Eine politische Annäherung an die syrische Regierung sieht die YPG in der militärischen Kooperation ausdrücklich nicht.

Die aktuelle Konstellation in Nordsyrien könnte zu einem Patt führen. Einerseits könnten die USA anbieten, die kurdischen Truppen und ihre eigenen Einheiten bis zu einem bestimmten Punkt zurückzuziehen; allerdings nicht so weit, wie es die Türkei fordert. Andererseits könnten die syrischen Regimetruppen die Türkei zusätzlich unter Druck setzen, so dass es für Ankara schwer werden wird, die gesamte derzeit von der YPG kontrollierte Provinz zu übernehmen. Assads Ziel: Er will verhindern, dass die Türkei sich dauerhaft in der syrischen Region niederlässt.

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