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Land schadet sich selbst Spaniens Geschäft mit dubiosen Uni-Titeln brummt

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Fehlende berufliche Ausbildung in Spanien

Währenddessen blüht das Geschäft mit teilweise zweifelhaften Unititeln weiter. „In Spanien herrscht Titulitis“, kritisiert Ex- Professor Fernández. Die Universitäten geben selbst zu, dass es eine regelrechte Blase an Angeboten gäbe, allein 2780 verschiedene Master-Studiengänge gibt es insgesamt. Das erklärt zum Teil, warum die Zahl der Studenten für diese Programme von 2007 bis 2017 um über 1000 Prozent auf rund 184.000 angestiegen ist. Allerdings verfügt Deutschland nach offiziellen Angaben bei einer doppelt so hohen Bevölkerung wie Spanien ebenfalls über 8000 Masterstudiengänge. Dort ist die Arbeitslosigkeit allerdings bei so viel Studiertheit auch so niedrig wie nie zuvor.

Zugleich sind spanische öffentliche Unis was die Einschreibungs- und Semestergebühren angeht wesentlich teurer als die deutschen. Im Durchschnitt muss ein spanischer Student 1538 Euro für ein Jahr an einer öffentlichen Hochschule bezahlen. Für einen Masterstudiengang kann es doppelt so hoch sein. „Das Bizarre in Spanien ist, dass trotz der vielen Mastertitel 35 Prozent der Jugendlichen keinen Job haben“, sagt Fernández. Der aktuelle Bildungsminister Pedro Duque sieht dennoch keinen Reformbedarf bei der Titelvergabe.

Gemäß der OECD liegt es neben wirtschaftlichen Strukturproblemen auch an einem mangelnden Angebot bei der beruflichen Lehre und einer fehlenden Basisausbildung in der Schule, dass die spanische Jugend so schlecht Jobs findet. Nach einer Studie besitzen 35 Prozent der Jugendlichen zwischen 25 und 34 Jahren weder einen Lehrabschluss noch das Abitur, doppelt so viel wie der europäische Durchschnitt.

Irregularität an Universitäten

Das alles führt dazu, dass Spaniens Jugend ihr Heil vermehrt im Ausland sucht. „Spanien leidet unter einem Brain-Drain, der bei der aktuellen Debatte um gefälschte Masterarbeiten und Plagiate völlig untergeht, der aber auch mit einer falschen Wirtschaftskultur zu tun hat“, sagt Unternehmensberater Ignacio Sánchez-León. Er fordert ein duales Ausbildungssystem nach deutschem Muster und bemängelt: „Das funktioniert derzeit eigentlich nur so richtig bei Seat“.

Wie die Privatuni Pontificia Comillas in einer Umfrage herausfand, wollen mehr als die Hälfte der 500 befragten Studenten wie Rebecca Revuelta im Ausland arbeiten. Sie ist mittlerweile Ingenieurin und arbeitet in London bei einem koreanischen Unternehmen. Gemäß des Registers für Spanier im Ausland verließen im vergangenen Jahr 76.197 Menschen das Land, gut drei Prozent mehr als im Jahr davor. Deutschland bleibt Hauptziel wegen der Sicherheit der Arbeitsplätze, der besseren Gehälter und der guten beruflichen Ausbildung.

Revuelta wäre auch nach Deutschland gegangen, würde sie Deutsch sprechen. Sie ist nur froh, dass sie derzeit weit weg ist von all diesen Problem. Die Madriderin verdient in London das Dreifache von dem, was sie in Spanien bekommen hätte und hat sogar schon ein Firmenauto. Sie verfolgt auch die Krise um Katalonien und eine mögliche Unabhängigkeit aus der Ferne: „Je länger ich weg bin aus Madrid, desto fremder kommt mein Land mir vor“.


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