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Liberia nach Ebola Im Land der Ruinen

Das westafrikanische Land kann sich wohl bald ebolafrei erklären. Doch wenn die Helfer abziehen, bleiben nicht nur gänzlich unbenutzte Krankenstationen und die Ruine des Präsidentenpalastes zurück.

Freiwillige Ebola-Helfer halten in Monrovia Plakate mit der Bitte, weiter für das Deutsche Rote Kreuz arbeiten zu dürfen, empor. Quelle: dpa

Schon die Begrüßung fällt in Liberia anders aus: Desinfektionsmittel, Händewaschen und Fiebermessen gehören zum Ritual, seit das tödliche Virusfieber Ebola in diesem Land wütet. Nicht berühren gilt immer noch als Alltagsregel. Höchstens der Ebola Shake ist zulässig - statt sich die Hände zu schütteln, stupsen zwei Menschen leicht die Ellbogen aneinander.

Liberia erholt sich langsam vom Schrecken der Ebola-Epidemie. Doch noch ist das Land von der Normalität weit entfernt. Anders als in den Nachbarländern gibt es zwar zur Zeit keine Erkrankten mehr. Wenn kein neuer Infizierter dazu kommt, könnte sich das Land mit 3,4 Millionen Einwohnern am 7. Mai für ebolafrei erklären. So lange herrscht formal noch Ansteckungsgefahr.

Die schlimmsten Epidemien der Neuzeit
Schatten auf dem Röntgenbild der Lunge: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts ist die Tuberkulose (TB) trotz sinkender Todesfallraten – 1990 bis 2012 um 45 Prozent – noch die weltweit am häufigsten zum Tode führende heilbare Infektionskrankheit. Erreger sind Bakterien, die durch Tröpfchen in der Luft übertragen werden. Erkrankte leiden unter Kraftlosigkeit, Gewichtsabnahme und andauerndem Husten. Quelle: AP
Eine TB-erkrankte Patientin in einem Krankenhaus in Kampala, Uganda: In der Regel kann TB mit Antibiotika behandelt werden. Tuberkulose tritt heute vor allem in Ländern mit einer schlechten medizinischen Versorgung, Kriegs- und Krisenregionen auf – besonders in Staaten südlich der Sahara und in Südostasien. 2012 registrierte die WHO weltweit 8,8 Millionen Erkrankungen und 1,3 Millionen Todesfälle. Quelle: AP
Internationale Aids-Konferenz in Melbourne: Das Humane Immunschwächevirus (HIV) wird vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und infizierte Injektionsnadeln übertragen. Der Erreger legt unter anderem bestimmte Immunzellen lahm. Nach einer erkannten HIV-Infektion lassen sich Ausbruch und Symptome von Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom) heute mit Medikamenten bekämpfen. Quelle: REUTERS
Eine Heilung von Aids ist aber nicht möglich. Nach UN-Angaben waren 2013 weltweit rund 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Nach Daten des UN-Programms zur Aids-Bekämpfung UNAIDS starben etwa 1,5 Millionen Menschen daran. Besonders stark betroffen ist Afrika. Quelle: dpa
Anopheles-Mücke: Malaria wird durch ihren Stick übertragen. Die lebensbedrohliche Infektionskrankheit kann geheilt werden, viele Erkrankte sterben aber wegen mangelnder medizinischer Versorgung. Laut WHO erreichte Malaria ihren Höhepunkt 2004 mit 232 Millionen Erkrankten und 1,2 Millionen Toten. Die meisten Fälle waren in Afrika südlich der Sahara und in Indien zu beobachten. Seitdem hat die Zahl der Malaria-Toten jedoch in vielen Ländern abgenommen. 2013 starben weltweit noch 855.000 Menschen an der Tropenkrankheit. Rund 90 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren in Afrika. Quelle: dpa
Cholera: Die Durchfallerkrankung wird durch das Bakterium Vibrio cholerae ausgelöst, das im Darm ein Gift bildet. Ursachen sind Trinkwasser, das mit Fäkalien oder Erbrochenem von Erkrankten verschmutzt ist, und verunreinigte Lebensmittel. Etwa 80 Prozent der Infektionen verlaufen milde. In schweren Fällen können aber Flüssigkeits- und Salzverlust in Stunden zu Kreislaufkollaps, Muskelkrämpfen bis zum Schock und Tod führen. Quelle: dpa
Im 19. Jahrhundert hatte sich die Cholera vom Ganges-Delta in Indien über die ganze Welt ausgebreitet. Sechs Pandemien in Folge töteten Millionen Menschen. Die siebente Pandemie brach 1961 aus. Die WHO geht von jährlich drei bis fünf Millionen Erkrankungen und 100.000 bis 120.000 Todesfällen aus, vor allem in Afrika, Südamerika, Südostasien und im Westpazifik. Quelle: dpa Quelle: REUTERS

Doch alle sehnen sich nach dem Alltag: Die Schulen und die Universität haben nach einem dreiviertel Jahr wieder geöffnet. In Läden und auf Märkten wird schon länger wieder gehandelt. Kommende Woche soll zumindest Kenias Fluggesellschaft wieder nach Monrovia fliegen. "Nach nahezu apokalyptischen Zeiten herrscht nun fast schon wieder Normalität", beschreibt der deutsche Ebolabeauftragte und Botschafter Walter Lindner, seine Eindrücke. Er ist seit Oktober das siebte Mal im Land unterwegs.

Die Angst sitzt tief in Liberia. Nicht alle Verletzungen sind sichtbar. Auf den mehr als 50 Kilometern Straße vom Flughafen in die Hauptstadt Monrovia reihen sich einige auf: Da stehen Betongerippe, Häuser, die bereits im Bürgerkrieg zwischen 1989 und 2003 niedergebrannt wurden und seither wie hohle Zähne aufragen. Links zum Meer hin wechseln sich Sumpf und dicht bewachsene Hügel ab.

Dort liegt Disco Hill. Erst im Dezember eröffnete die liberianische Regierung auf einem etwa 20 Hektar großen Gelände einen Friedhof. Dort bestatten die Menschen seither ihre Angehörigen, die an Ebola gestorben waren. Etwa 1000 Gräber sollen es inzwischen sein. Manchmal steht nur "unbekanntes Kind" an einer Grabstelle. Doch am Ort des Grauens gibt es nun endlich auch einen Ort des Trauerns. Hier finden sichere Bestattungen statt, ein würdevoller Abschied soll möglich sein, ohne dass sich die Lebenden bei den Toten anstecken.

Vorher durften Infizierte längere Zeit nicht von den Angehörigen bestattet werden, viele Leichen wurden aus Angst vor Ansteckung verbrannt. Eltern und Eheleute sahen ihre Liebsten nicht mehr, sobald sie in Isolierstationen behandelt wurden. Manchmal erfuhren sie im Chaos während der Hoch-Zeit von Ebola nicht einmal, wann ihre Kranken gestorben waren und was mit ihnen geschehen war.

Das ist das Ebola-Virus

Insgesamt starben in Liberia - neben den Nachbarländern Sierra Leone und Guinea besonders stark von Ebola betroffen - mehr als 4300 Menschen. Doch das sind nur die nachgewiesenen Fälle, die Dunkelziffer ist hoch. Insgesamt erkrankten seit Ausbruch des Fiebers in den Ländern mehr als 26.000 Menschen, mehr als 10.000 starben.

Weiter stadteinwärts und ebenfalls zum Meer hin kommt ELWA3 in Sicht. So heißt die Zeltstadt der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die größte Ebola-Isolierstation des Landes. Vor den Mauern starben im Spätsommer 2014 immer wieder Menschen, weil die 120 Betten nicht ausreichten. Einmal am Tag wurden die Toten gezählt und genauso viele neue Patienten aufgenommen. Nun bauen Helfer die Zelte wieder ab.

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