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Linde-Chef Wolfgang Reitzle "Einheitliche Spielregeln, sonst hat der Euro keine Zukunft"

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Was nun für eine gewisse Unwucht im Vergleich der europäischen Länder sorgt. Muss das nicht Sorge bereiten?

Absolut. Es ist ein Kardinalfehler in unserem Währungssystem, dass Länder mit so unterschiedlicher Leistungsfähigkeit wie Griechenland, Portugal, Italien, Deutschland und Frankreich ohne wirksame Mechanismen unter dem Dach des Euro zusammengeführt wurden. Ich glaube dennoch, dass das System funktionieren kann – wenn die aktuelle Krise von der Politik als Weckruf verstanden wird und sich die Länder in den nächsten 10 bis 20 Jahren an eine disziplinierte Haushaltsführung halten. Diesen Kurs sollten wir unterstützen.

Ohne Gegenleistung?

Alle müssen ihren Teil beitragen. Deshalb ist es wichtig, endlich Mechanismen zu etablieren, die dafür sorgen, dass unseriöses Wirtschaften nicht ohne Konsequenzen bleibt. Wir müssen der Verschuldung europaweit Grenzen setzen. Die Landespolitiker brauchen da klare Ansagen zur Disziplinierung. Ich ärgere mich schon seit Jahrzehnten darüber, wie Politiker – auch in Deutschland – mit Geld umgehen: Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass ein Politiker spart. Was als „Sparen“ bezeichnet wird, ist allenfalls eine geringere Schuldenaufnahme.

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    Wir brauchen also mehr Disziplin und eine Schuldenbremse. Was sonst noch?

    Wir brauchen einen Prozess, der es erlaubt, ein Land, das sich nicht an die Regeln hält, aus der Gemeinschaft auszuschließen. Es muss die Möglichkeit geben, einen Staat geordnet pleitegehen zu lassen. Sonst wird so ein Land zum schwarzen Loch für die anderen. An den Folgekosten müssten dann auch die Banken beteiligt werden, die wegen des Ausfallrisikos der Staatsanleihen hohe Zinsen kassiert haben.

    Glauben Sie, dass die Politik auf den rechten Weg zurückfindet?

    Ich bin von Natur aus Optimist. Vielleicht führt die aktuelle Situation zu Verhaltensänderungen. Dann hätte die Euro-Krise etwas Gutes gehabt. Allerdings besteht nach der Griechenland-Rettung die große Gefahr, dass in den schwachen Ländern der Druck zur Haushaltssanierung nachlässt, weil man sich auf die Solidargemeinschaft verlassen kann. Wenn aus der Krise nicht die richtigen Lehren gezogen werden und sich die EU zu einer gigantischen Transferunion entwickeln sollte, muss man die Konsequenzen ziehen.

    Nämlich welche?

    Dann kann man als Privatanleger nicht mehr an den Euro als stabile Währung glauben und muss sein Erspartes in andere Währungen umtauschen – und in Aktien solider Unternehmen auch außerhalb des Euro-Raums investieren.

    Was wäre die Konsequenz für Linde?

    Linde ist ein vergleichsweise sicherer Hafen, unser Geschäftsmodell hat zwei große Vorteile: Erstens sind wir global sehr gut aufgestellt. Wir erwirtschaften nur noch knapp zehn Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. Wird die Euro-Krise von der Politik nicht bewältigt, werden wir unser Engagement außerhalb von Europa eben noch stärker ausbauen als ohnehin geplant. Etwa 70 Prozent unserer Investitionen in neue Projekte tätigen wir bereits heute in Asien und Lateinamerika.

    Und der zweite Vorteil?

    Wir sind kein Export-Unternehmen. Wir produzieren unsere Industriegase immer dort, wo sie benötigt werden. Das heißt, unsere Kosten sind immer in der gleichen Währung wie unser Umsatz. Dadurch haben wir eine natürliche Währungsabsicherung. Bricht eine Währung ein, macht sich dies zwar auch in unserer Bilanz in Euro bemerkbar, wir verlieren aber keine Marge. Eine Währungsschwäche ändert nichts an unserer Wettbewerbsfähigkeit. Egal, was mit dem Euro passiert – Linde wird diese Währungskrise sicher überstehen. 

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