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Linde-Chef Wolfgang Reitzle "Einheitliche Spielregeln, sonst hat der Euro keine Zukunft"

Linde-Chef Wolfgang Reitzle spricht über die Ergebnisse des Brüsseler Krisengipfels und "elementare Fehler" der Eurozone. Gibt es nicht bald einheitliche Spielregeln, hat die Währungsunion, so Reitzle, keine Zukunft.

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Wolfgang Reitzle Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Reitzle, Sie haben im Juni einen Appell deutscher und französischer Unternehmer zur Rettung des Euro unterzeichnet. Sind Sie heute noch glücklich über die Aktion?

Reitzle: Ja, denn es ist gut für Deutschland, wenn wir den Euro langfristig erhalten können. Als Exportnation profitieren wir von der gemeinsamen Währung. Ich bin also grundsätzlich für den Euro, aber nicht um jeden Preis – vor allem nicht zum Preis der Sozialisierung der Schulden anderer Länder. Deshalb halte ich auch diese sogenannten Eurobonds für gefährlich.

Wie beurteilen Sie dann die Ergebnisse des jüngsten Krisengipfels in Brüssel? Wurden da quasi durch die Hintertür Eurobonds eingeführt?

Eine begrenzte Unterstützung der Schwächeren sollte uns der Euro schon wert sein. Diese Form von Solidarität akzeptiere ich auch als deutscher Steuerbürger. Aber der jetzt eingeschlagene Weg hin zu einer Transferunion mit einer zur Bad Bank mutierten Europäischen Zentralbank kann nicht die Lösung sein. Was in Brüssel beschlossen wurde, führt zu einer schleichenden Egalisierung des Zinsniveaus. Das wird die Investitionstätigkeit in Deutschland und in anderen leistungsstarken EU-Ländern bremsen. Damit setzen wir unseren Aufschwung aufs Spiel. Dabei brauchen wir in Europa insgesamt auch weiterhin ein ordentliches Wachstum, um die Schuldenmisere zu überwinden, und zwar in allen Ländern.

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    Ist denn der Euro noch zu retten?

    So wie die Währungsunion derzeit aufgestellt ist, bleibt die Lage schwierig. Es gibt elementare Webfehler im System, die zügig beseitigt werden müssen. Sonst hat der Euro keine Zukunft.

    Welche Veränderungen fordern Sie?

    Wir brauchen verbindliche einheitliche Spielregeln, nach denen sich alle Euro-Mitgliedstaaten richten müssen. Es kann nicht sein, dass einige Länder auf Kosten anderer Nationen ein angenehmes Leben führen. Insofern stehen wir vor einer historischen Weichenstellung: Europa könnte, wenn wir nicht aufpassen, zum großen Verlierer der Finanzmarktkrise werden.

    Sind sich die Deutschen der Bedeutung dieser Situation schon bewusst?

    Ich glaube nicht. Die Euro-Krise ist hierzulande für die meisten bisher nur ein virtuelles Ereignis, das in den Medien stattfindet, aber noch nicht im Geldbeutel spürbar ist. Das könnte sich aber schon bald ändern.

    Insbesondere Italien drängt derzeit auf Eurobonds.

    Das ist bei dem hohen Schuldenniveau Italiens kein Wunder. Allerdings sollte man den Fall differenziert betrachten: Der italienische Staat ist in hohem Umfang bei den eigenen Banken verschuldet. Auch gibt es in Italien enorme Privatvermögen. Zudem ist die Zahl der Immobilienbesitzer weitaus höher als bei uns. Außerdem: Seit der Gründung ihres Staates vor 150 Jahren hat sich die italienische Bevölkerung nie so recht auf den Staat verlassen. Sie weiß, dass man am besten fährt, wenn man das Treiben in Rom ignoriert und sich selbst hilft. Der Nukleus der dortigen Gesellschaft ist die Familie, und die ist immer noch intakt – trotz einer fragwürdigen Staatsführung und der hoffnungslos ineffizienten Bürokratie.

    Das hört sich an, als hätte sich Linde aus Italien zurückgezogen.

    Keineswegs. Wir machen durchaus gute Geschäfte in Italien, vor allem im Norden. In dieser Region ist die Wirtschaftskraft so hoch wie in den leistungsstärksten Bundesländern. Allerdings liegen die Lohnstückkosten deutlich über denen in Deutschland, und zudem muss man mit den sehr ideologisch geprägten Gewerkschaften umgehen können. Die Gewerkschaften in Italien zeigen sich wenig flexibel. In Deutschland hingegen wurden die Lohnstückkosten in den vergangenen Jahren geradezu vorbildlich konstant gehalten.

    Was nun für eine gewisse Unwucht im Vergleich der europäischen Länder sorgt. Muss das nicht Sorge bereiten?

    Absolut. Es ist ein Kardinalfehler in unserem Währungssystem, dass Länder mit so unterschiedlicher Leistungsfähigkeit wie Griechenland, Portugal, Italien, Deutschland und Frankreich ohne wirksame Mechanismen unter dem Dach des Euro zusammengeführt wurden. Ich glaube dennoch, dass das System funktionieren kann – wenn die aktuelle Krise von der Politik als Weckruf verstanden wird und sich die Länder in den nächsten 10 bis 20 Jahren an eine disziplinierte Haushaltsführung halten. Diesen Kurs sollten wir unterstützen.

    Ohne Gegenleistung?

    Alle müssen ihren Teil beitragen. Deshalb ist es wichtig, endlich Mechanismen zu etablieren, die dafür sorgen, dass unseriöses Wirtschaften nicht ohne Konsequenzen bleibt. Wir müssen der Verschuldung europaweit Grenzen setzen. Die Landespolitiker brauchen da klare Ansagen zur Disziplinierung. Ich ärgere mich schon seit Jahrzehnten darüber, wie Politiker – auch in Deutschland – mit Geld umgehen: Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass ein Politiker spart. Was als „Sparen“ bezeichnet wird, ist allenfalls eine geringere Schuldenaufnahme.

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      Wir brauchen also mehr Disziplin und eine Schuldenbremse. Was sonst noch?

      Wir brauchen einen Prozess, der es erlaubt, ein Land, das sich nicht an die Regeln hält, aus der Gemeinschaft auszuschließen. Es muss die Möglichkeit geben, einen Staat geordnet pleitegehen zu lassen. Sonst wird so ein Land zum schwarzen Loch für die anderen. An den Folgekosten müssten dann auch die Banken beteiligt werden, die wegen des Ausfallrisikos der Staatsanleihen hohe Zinsen kassiert haben.

      Glauben Sie, dass die Politik auf den rechten Weg zurückfindet?

      Ich bin von Natur aus Optimist. Vielleicht führt die aktuelle Situation zu Verhaltensänderungen. Dann hätte die Euro-Krise etwas Gutes gehabt. Allerdings besteht nach der Griechenland-Rettung die große Gefahr, dass in den schwachen Ländern der Druck zur Haushaltssanierung nachlässt, weil man sich auf die Solidargemeinschaft verlassen kann. Wenn aus der Krise nicht die richtigen Lehren gezogen werden und sich die EU zu einer gigantischen Transferunion entwickeln sollte, muss man die Konsequenzen ziehen.

      Nämlich welche?

      Dann kann man als Privatanleger nicht mehr an den Euro als stabile Währung glauben und muss sein Erspartes in andere Währungen umtauschen – und in Aktien solider Unternehmen auch außerhalb des Euro-Raums investieren.

      Was wäre die Konsequenz für Linde?

      Linde ist ein vergleichsweise sicherer Hafen, unser Geschäftsmodell hat zwei große Vorteile: Erstens sind wir global sehr gut aufgestellt. Wir erwirtschaften nur noch knapp zehn Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. Wird die Euro-Krise von der Politik nicht bewältigt, werden wir unser Engagement außerhalb von Europa eben noch stärker ausbauen als ohnehin geplant. Etwa 70 Prozent unserer Investitionen in neue Projekte tätigen wir bereits heute in Asien und Lateinamerika.

      Und der zweite Vorteil?

      Wir sind kein Export-Unternehmen. Wir produzieren unsere Industriegase immer dort, wo sie benötigt werden. Das heißt, unsere Kosten sind immer in der gleichen Währung wie unser Umsatz. Dadurch haben wir eine natürliche Währungsabsicherung. Bricht eine Währung ein, macht sich dies zwar auch in unserer Bilanz in Euro bemerkbar, wir verlieren aber keine Marge. Eine Währungsschwäche ändert nichts an unserer Wettbewerbsfähigkeit. Egal, was mit dem Euro passiert – Linde wird diese Währungskrise sicher überstehen. 

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